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Jeff Koons in Frankfurt : Die Braut haut ins Auge

          7 Min.

          In Frankfurt benimmt man sich in diesen Tagen, als kämen der Papst, die Queen und Picasso gleichzeitig in die Stadt: überall großformatige Plakate, am Bahnhof Sonderhefte und Extraausgaben. Anlass der Aufregung sind zwei als „Kulturhöhepunkte“ angepriesene Ausstellungen des Künstlers Jeff Koons, der im Liebieghaus Skulpturen und in der Schirn Kunsthalle Gemälde zeigt. „Must See!“, befiehlt die Museumswerbung.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Wo immer Ausstellungen von Jeff Koons stattfinden, erklären einem die Kuratoren mit bedauerndem Gesichtsausdruck, leider werde das Werk von Koons allgemein als oberflächlich und kitschig abgetan, was falsch sei, weswegen nun ihre Ausstellung zeigen müsse, wie viel komplexer seine Arbeiten seien. Wobei geflissentlich ignoriert wird, dass Koons’ Objekte nicht nur auf dem Kunstmarkt für zweistellige Millionenbeträge gehandelt werden, sondern eine ganze, von Sammlern und Kuratoren beauftragte Truppe von renommierten Kunsthistorikern und Kritikern Koons’ Werk als Fortschreibung zentraler Topoi aus Barock und Antike feiert - so auch in Frankfurt.

          Perfektes Handwerk

          Bekannt wurde Koons mit aufwendigen Trompe-l’œil-Skulpturen. Eine der bekanntesten und besten ist der Basketball, der in der Mitte eines Wasserbassins schwimmt, was physikalisch eigentlich nicht möglich ist, aber dank des kunstvollen Einsatzes verschieden dichter Flüssigkeiten möglich gemacht wird. Bewunderer dieses Werks loben die obsessive Perfektion, mit der Koons etwa die aufblasbaren Delphine, wie es sie am Strandkiosk zu kaufen gibt, bis in die letzte Gummifalte aus Metall nachbilden lässt: Was aufblasbar aussieht, wiegt in Wirklichkeit mehr als eine halbe Tonne, unendliche Mühe floss in die Produktion.

          Koons verlangt perfektes Handwerk: Er lässt seine Skulpturen von Porzellanfachbetrieben und Herrgottschnitzern fertigen, Gewerben, die nur überleben, indem sie Trivialkultur-Objekte herstellen, die eindeutig als Nicht-Kunst gelten - oder weil sie eine lebensgroße Figur ebendieses Jeff Koons schnitzen, die ihn darstellt, wie er mit seiner ehemaligen Frau, der Pornodarstellerin Ilona Staller, schläft.

          Weggeblasen vom Effekt

          Eine von Koons’ vielen erklärten Missionen ist es, dieses Kunsthandwerk auf dem Umweg der Konzeptkunst wieder ins Reich der Museen zu holen. Ein Beispiel dafür ist eine der größten Porzellanfiguren der Welt, die Michael Jackson überlebensgroß mit einem Affen auf dem Schoß darstellt. Auch sie verdeutlicht Koons’ Methode: Nippes, Andenkenfiguren aus Souvenirbuden oder glänzende Luftballons, die man Kindern in Vergnügungsparks schenkt, werden ins Monumentale vergrößert, um ihnen Format und Gewicht ernstzunehmender Skulpturen zu verleihen. Die Pop-Art hatte den Massengeschmack, die Objektfetische des amerikanischen Mittelstands, ins Museum geholt. Koons fährt auf dieser Schiene ein Stück weiter: Der riesige, blümchenbepflanzte Welpe „Puppy“, Koons selbst als Marmorbüste mit Ilona Staller im Arm, der aus Stahl perfekt nachgeahmte, schwanenförmige Luftballon, ein raumfüllend vergrößerter, pornographischer Aschenbecher - was Koons im Museum versammelte, wurde als Befreiung vom Geschmacksdiktat eines bürgerlichen Stilbegriffs gefeiert: Der Künstler mit den großen Luftballonherzen aus Stahl nehme die Träume der amerikanischen Hausfrau ernst, die ihrem Mann einen Heliumballon in Herzform kaufe, erklärte ein gerührter Kritiker. Kein Wort davon, dass eine ganze Unsinnsindustrie der Hausfrau erst eingeredet hat, dieser metaphorische Talmi drücke ihre Träume aus.

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