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Istanbul-Biennale : Moleküle gegen Staaten

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Simon Fujiwaras „It’s a Small World (The Square)“ (2019) auf der Istanbul Biennale Bild: Simon Fujiwara, Istanbul Biennale, Sahir Ugur Eren

Die Kulturszene der Türkei lässt die Knochen knacken: ein Besuch in Istanbul, wo auf der Biennale und im neuen Museum Arter die Teilchen den Aufstand proben.

          8 Min.

          Wie zukunftsfähig ist eine Regierung, die solche Flughäfen baut? Dreißig Minuten tuckert das Flugzeug das endlos lange Rollfeld entlang, von allen Seiten einmal dessen Wahrzeichen in den Blick nehmend, den Tower, der wie ein gigantischer, mit LEDs ausgestatteter Ladyshave in den Nachthimmel ragt. Dann muss man noch mal zwanzig Minuten durch unvorstellbar weite Hallen marschieren, bis man seinen Pass vorzeigen darf, um sich auf dem Weg zum Parkplatz in einem Labyrinth aus verschiedene Stockwerke ansteuernden Aufzügen zu verlieren, deren Türen teils auf Glasbalkone hin öffnen, die nirgendwohin führen – als sei das Ganze von Algorithmen ersonnen, darauf trainiert, möglichst viel Masse zu verbauen.

          Klar soll der neue Flughafen in erster Linie Istanbul zum Konstantinopel des späten Luftfahrtzeitalters machen. Gleichzeitig sind die himmelhohen Hallen aber auch eine Demonstration, allerdings eine, die stillsteht, während man sich durch sie bewegt: eine Demonstration der Macht des Präsidenten, jenen Wohlstand zu schaffen, den er auf der nichtsymbolischen Ebene seinen Bürgern gerade nimmt.

          Die Türkei als Ausstellung eines Superegos

          Seit Recep Tayyip Erdogan die meisten Bauvorschriften rasiert hat, pflügen die Bauunternehmen seiner Familien und der Familien seiner Freunde das Land um, inklusive Naturschutzgebiete. Bis nach Syrien hinein werde er Wohnungen bauen, kündigte der Präsident kürzlich an. Der Flughafen ist damit auch Teil der Umgestaltung der Türkei in eine gigantische Ausstellung aus der Hand eines keine Grenzen akzeptierenden Superegos.

          Um dieser Ausstellung zu entkommen, gibt es eigentlich nur einen Weg: Man geht ins Museum. Zum Beispiel in den am Montag eröffneten Neubau des Privatmuseums Arter im Arbeiter- und Migrantenviertel Dolapdere, fünfzehn Fußminuten bergab vom Taksim-Platz. Auch hier klappert und rattert es in jedem Raum. Auf acht alten Fernsehern stülpen die Hände Eric Hattans in Fitzelarbeit raschelnd Verpackungen auf links. In einer Rauminstallation von Sarkis rasseln Ventilatoren, in einem Video läuten Kirchenglocken. Stempel rasen auf Ali Kazmas Wand voller Fernseher über Dokumente und bilden eine tackernde Percussion.

          Eric Hattan: „Unplugged Series“, 1999-2019
          Eric Hattan: „Unplugged Series“, 1999-2019 : Bild: Arter, Hadiye Cangökçe

          Ja, auch Erdogans Gegner rüsten im Medium der Ausstellung auf: Das Arter, ironischerweise entworfen vom selben Architekturbüro wie der Flughafen, gehört der Stiftung einer der mächtigsten Familien des Landes, den Koçs, die wichtige Regierungsaufträge verloren, als sie 2013 vor dem Tränengas flüchtenden Demonstranten aus dem Gezi-Park in ihrem neuen Luxushotel Schutz und medizinische Versorgung boten. Ömer Koç empfängt am Mittag nach der Eröffnungsnacht der Biennale auf einer der Terrassen seiner Villa mit Blick über den Bosporus, verbirgt die verkaterten Augen hinter einer Sonnenbrille und überlegt genau, was er sagt. Schon im Eingangsflur wird man von zeitgenössischen Skulpturen wie Tim Shaws Bronze eines Folterhäftlings erschlagen, im Wohnzimmer hängt Neue Sachlichkeit, auf der Toilette gibt’s erotische Zeichnungen. Koçs privater Kunstgeschmack ist komplementär zur Sammlung der Koç-Stiftung: Dort, in der lauten Stadt, ist die Kunst leise, hier, am stillen Villenufer, laut. „Viele konzeptuelle Arbeiten verstehe ich gar nicht“, sagt Koç, aber: „Zeitgenössische Kunst gibt den Menschen Hoffnung. Sie ist eine Fluchtmöglichkeit, ein Ausweg.“ Dann setzt er noch mal nach: „Sie ist der einzige Ausweg.“

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