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Hito Steyerl im Interview : Ist das Museum ein Schlachtfeld?

  • -Aktualisiert am

Hito Steyerls Arbeit „Factory in the Sun, 2015“ Bild: dpa

In ihrer Kunst zeigt Hito Steyerl, dass Kunst mit Geld, Gewalt und Macht verbunden ist. Ein Gespräch über Rüstungskonzerne, Mäzene und Systeme künstlicher Dummheit.

          6 Min.

          Most critical artist“ wird Hito Steyerl genannt. In ihren Werken verschränken sich Realität und Spekulation, Theorie und Unterhaltung, Gesellschaftsdiagnostik und Traumfabrik. Ihre „Lectures“ – Videoinstallationen, die sich aus Powerpoint-Präsentationen und Aufnahmen der Künstlerin als Referentin zusammensetzen – dokumentieren und analysieren parodistisch gebrochen jene Kräfte, die an uns, an ihr und an der Kunst zerren. Und die alles miteinander verweben. Auch die beiden großen Themen ihrer letzten Arbeiten, den Zusammenhang von Kunst, Rüstungsindustrie und neoliberaler Finanzwelt auf der einen und die Effekte von Digitalisierung auf der anderen Seite.

          Frau Steyerl, auf der Welt sieht es aktuell immer düsterer aus, Nationalisten sind überall auf dem Vormarsch. Was hat die Kunst für eine Antwort?

          Man sollte sich einmal anschauen, wie die nationalistischen Bewegungen mit anderen Kräften verstrickt sind, von wem sie etwa gefördert werden. Trumps Wahlkampf wurde von der Deutschen Bank finanziert: Sie ist der Hauptkreditgeber seines Firmengeflechts. Und nun wird sie von seinem Sieg profitieren: 2015 hatte sie eigentlich die Auflage bekommen, 14 Milliarden US-Dollar Strafe zu zahlen für die Manipulation des Finanzmarktes, für die Zinstricksereien vor der Finanzkrise. Welch Glück für die Deutsche Bank, dass Donald Trump nun Präsident wurde! Jetzt ist nicht mehr klar, ob die Bank überhaupt noch ihre Strafe zahlen muss.

          Die Machenschaften der Deutschen Bank standen auch im Zentrum Ihrer letzten Arbeit „Factory of the Sun“: Eine kriminelle Organisation beschleunigt Licht, um damit beim Handel Vorteile zu haben. Das klang nicht sehr realistisch.

          Das ist es aber! Die Idee basiert auf „Autobahn Equity“, einer Unterabteilung der Deutschen Bank, die mit einem Algorithmus namens „Stealth“ nach Liquidierungsgelegenheiten im „Dark Pool“ sucht, also in der bank- und börseninternen Plattform für den anonymen Handel mit Finanzprodukten. Und tatsächlich stellte sich vor kurzem heraus, dass die Deutsche Bank ihre Kunden mit „Autobahn Equity“ betrogen hat: Sie hat das Licht zwar nicht beschleunigt, wie ich es gemutmaßt hatte – sie hat es verlangsamt, um immer genau dann Geschäfte abzuschließen, wenn sie zum Nachteil ihrer Kunden und zu ihrem eigenen Vorteil waren. Mein Video „Factory of the Sun“ ist damit plötzlich von einer pessimistischen Fiktion zum dokumentarischen Video geworden.

          Hito Steyerl ist Filmemacherin, Videokünstlerin und Autorin.
          Hito Steyerl ist Filmemacherin, Videokünstlerin und Autorin. : Bild: dpa

          So fiktiv sind Ihre Arbeiten meistens ohnehin nicht. Sie decken vielmehr ganz reale Verwicklungen von Gewalt, Geld, Macht und Kunst auf, wie in „Is the Museum a Battlefield“. Ist das Museum tatsächlich ein Schlachtfeld?

          Museen sind in mehrerlei Hinsicht involviert in die extremen geopolitischen Verwerfungen unserer Zeit: Zum einen als Orte, an denen gesellschaftliche und politische Kämpfe ausgetragen werden, wie gerade in der Türkei. Der älteste türkische Binnenkonflikt, der sogenannte Kurdenkonflikt, ist vor eineinhalb Jahren wieder ausgebrochen – Anlass war der Anschlag auf ein Kulturzentrum in Suruç. In der Region hatten Kulturinstitutionen 2014 begonnen, Flüchtlinge zu beherbergen – bis sich in einem dieser Kulturzentren 2015 ein IS-Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt und mehr als 30 Leute umgebracht hat. Seit dem Anschlag von Suruç ist der Konflikt wieder gewaltsam und hat Tausende Menschen getötet und große Teile der Infrastruktur im Südosten der Türkei zerstört. Als ich im Mai zum letzten Mal in Diyarbakir war, wurde gerade die staatliche Blockade eines Teils der Altstadt aufgehoben: Die Menschen konnten zurück zu ihren Häusern – doch sie waren nicht mehr da. Etwa ein Drittel der Altstadt war planiert, Kinder suchten in Ruinen nach Kleidungsstücken. Diese Zerstörung ist kaum dokumentiert, denn überall sind staatliche Checkpoints aufgebaut, um unter anderem das Fotografieren und Filmen der Szenerie zu verhindern. Jede Art von Zeugenschaft ist untersagt. Wenn man versucht, das Verbot zu umgehen, wird man sofort festgenommen.

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