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Installationen von Wim Delvoye : Ornament und Verbrechen

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Man kann diesen Künstler lieben – oder ihn hassen: Das ausufernde Werk des Belgiers Wim Delvoye ist ohne Vergleich.

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          Wäre man in diesem KunstSommer – vor allem zwischen Athen, Venedig und Kassel – nicht gar so bildhungrig zurückgelassen worden, drängte es einen vielleicht nicht unmittelbar in die Werkschau des belgischen Künstlers Wim Delvoye im Museum Tinguely in Basel. Zu schrill geraten einige von dessen Arbeiten, allzu sehr operieren viele von ihnen auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kitsch, und insgesamt herrscht bei ihm ein horror vacui, der einen gelegentlich zu ersticken droht. Und doch erscheint das Überbordende seiner künstlerischen Geste nach der vielerorts ausgerufenen Fastenzeit der Augen wie ein heilsames Antidot.

          Schon der Ort kommt ihm entgegen. Museen, die sich ganz der Pflege der Hinterlassenschaft nur eines Künstlers verschrieben haben, geraten nicht selten in die Gefahr monographischer Redundanz. Nicht jedes Lebenswerk verträgt eine solch konzentrierte Perpetuierung. Das 1996 eröffnete Museum Tinguely aber besteht im nicht wenig herausfordernden Wettstreit mit den anderen Basler Museen von Beginn an glänzend. Das hat gewiss zu tun mit dem besonders elastischen Werk des 1991 verstorbenen Jean Tinguely, dessen sinn- und funktionslose Maschinen buchstäblich nicht zur Ruhe kommen – und nicht aufhören, die Sinne zu beleben. Es hat aber auch zu tun mit der Leitung des Hauses, die immer schon weit über dessen Werk hinausgegriffen hat. Verstärkt tut sie das, seit Roland Wetzel im Jahr 2009 die Direktion übernommen hat und in monographischen oder thematisch ausgerichteten Ausstellungen das schier unerschöpfliche Potential von Tinguelys dynamischem Kunstbegriff geschickt zum Ausgangspunkt nimmt – kürzlich etwa mit einer stupenden Schau zu Duft und Geruch in der Kunst.

          Nun wird der von Mario Botta entworfene Kunst-Hangar am Rhein mit der von Andres Pardey verantworteten Ausstellung des Delvoyeschen OEuvres bespielt. Und das durchaus kongenial. Allein schon in ihrer berserkerhaften Energie und ihrem Hang zum ebenso Gigantomanischen wie Zweckfreien sind beide Künstler miteinander verwandt. Berühmt und berüchtigt geworden ist Delvoye mit seiner 2001 entworfenen Verdauungsmaschine „Cloaca“, einer technischen Vorrichtung, in der die menschliche Nahrungsverarbeitung mit Hilfe von Enzymen und anderen Stoffen unter Laborbedingungen nachgestellt wird. In Basel ist die zweite Version, „Cloaca – New & Improved“ aus dem Jahr 2001, zu sehen – ein meterlanges, künstlich Fäkalien generierendes Ungetüm, das in seiner zweckfreien Absurdität perfekt mit Tinguelys gegenüber fest installierter kinetischer Krachmaschine „Große Méta-Maxi-Maxi Utopia“ von 1987 korrespondiert.

          Nicht wenige haben angesichts von Delvoyes Verdauungsmaschinen die Nase gerümpft. Dabei ist das Exkrement immer schon ein Thema auch der Kunst – von Jacopo Pontormos „Libro mio“ aus der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts bis zu Piero Manzonis „Merda d’artista“ von 1961. Und mit Michel de Montaigne, dem Begründer der neuzeitlichen Subjektivität, hat man lernen können, dass die intensive Beschäftigung mit dem physiologischen Selbst nichts anderes bedeutet, als sich über das eigene Weltverhältnis Klarheit zu verschaffen. Weshalb das, was man Gastroontologie nennen könnte, durchaus auch einen Zugang zur Kunst eröffnet.

          So technisch und chemisch raffiniert Delvoyes Apparate sind, so verspielt sind sie zugleich und stehen in ihrem mechanistischen Weltbild in der Tradition von Marcel Duchamp oder Francis Picabia. Delvoyes hemmungslos sich auslebende Phantasie ist in Basel darüber hinaus auch mit einer Serie von seinen Kinderzeichnungen präsent. Obwohl teilweise gar nicht so schlecht, wird man sie weniger als Ausweis früher künstlerischer Begabung gelten lassen, sondern vielmehr verstehen als bewusstes Insistieren auf kindlichem Spieltrieb und unausgesetzter Bildbedürftigkeit. Was überhaupt erst erlaubt, sie vom Speicher zu holen und auszustellen.

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