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Ausstellung von Hödicke : Malen ist eine tolle Sache!

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Die Pinakothek der Moderne München zeigt den frühen „Wilden“ Karl Horst Hödicke. Seine Werke haben über seine Schaffensjahrzehnte in ihrer Dynamik und Energie nichts an Frische verloren.

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          Das Ziel fest im Blick, spannt der Bogenschütze die Sehne aufs äußerste, gleich wird er den Pfeil losschnellen lassen. Mit raschen Pinselstrichen in tiefem Dunkelblau bringt Karl Horst Hödicke diesen Moment, wo alle Kraft sich sammelt, auf den Punkt, zusätzlich präzisieren ein paar dünne weiße Linien das Wesentliche: das zielende Auge, die konzentrierte Körperhaltung. Hödicke hat selbst Scheibe und Bogen im Atelier stehen und manchen Arbeitstag mit einer Runde Bogenschießen begonnen. Um ruhig zu werden, sich zu sammeln und locker zu machen für immer neue Abenteuer mit der Malerei.

          Denn wie dem losgelassenen Pfeil gesteht er auch der Farbe einen Moment der Freiheit zu: „Man setzt eine Farbe ins Bild und dann bestimmt sie, wie es weitergeht“, sagt er und weiter: „Ich habe immer versucht, diesen Zustand nicht auszubremsen und sie malen zu lassen.“ Am besten zeigen das seine „Trainingsläufe“, so nennt der Künstler konsequent sportlich eine Folge außerordentlich großformatiger Arbeiten auf Papier, die jetzt erstmals sein Atelier verließen um eines der stärksten Kapitel zur Hödicke-Retrospektive der Staatlichen Graphischen Sammlung München in der Pinakothek der Moderne beizutragen. Deren Leiter Michael Hering durfte unter zweitausend dieser Bildideen einige Dutzend auswählen, die Entscheidung dürfte nicht leichtgefallen sein.

          Ob eine Schlangenbeschwörerin, Schneemann und Schornsteinfeger beim Händedruck, der Künstler mit neugeborenem Sohn oder auch „Nur ein Kratzer in Grau und rote Tröpfchen“ oder eine „Raumschleife“, rundweg alle diese Blätter aus den siebziger und achtziger Jahren bestechen durch atemberaubende Dynamik und Farbkraft. Und nicht zuletzt durch die Freiheit, mit der der Künstler hier wie im gesamten Werk in einer zwischen Figuration und Gegenstandlosigkeit schwingenden Stilvielfalt vagabundiert.

          Bei Hödicke tauchen immer abstrakte Motive auf

          Informel hieß der Stil der Stunde, als Karl Horst Hödicke, der 1938 in Nürnberg geboren wurde, in München aufwuchs und seit 1957 in Berlin lebt, dort zwei Jahre später sein Malereistudium bei Fred Thieler begann. Eben noch als Neustart nach der Nazikunst gefeiert und als Anknüpfen an die internationale Moderne, empfand mancher junge Künstler die Maxime der Abstraktion schon bald als eine Mode mit Neigung zur leeren Hülle. Als aber in Berlin Maler wie Georg Baselitz, Eugen Schönebeck, Markus Lüpertz, Bernd Koberling und eben K. H. Hödicke mit neuer Gegenständlichkeit aufbegehren, verwerfen sie das Nonfigurative nicht komplett, sondern beziehen es als Komponente ein.

          Hödickes Gemälde „U-Bahn“ von 1963 etwa verknüpft Details von Waggons und Stationen mit Schriftelementen und frei gestischen Pinselzügen. Wie der junge Maler kritisch und ironisch auf Kunstströmungen der Zeit reagiert, hält so manches Blatt der notizbuchartigen „DIN-A4-Zeichnungen“ fest, die den „Trainingsläufen“ vorausgehen: Da steht „Tuschismus“ unter einem roten Fleckchen Wasserfarbe auf Millimeterpapier geschrieben. Oder „was man über Landart wissen sollte“ unter der Collage mit dem Illustriertenfoto einer zerbombten Urwaldfläche. Mit knackigen Kirschen wird bei der Pop-Art genascht, und ein zigfach mit „Hödicke“ beschriebenes Blatt scheint wie eine Persiflage auf Hanne Darbovens konzeptuelle Schreibzeichnungen.

          Ein abstrakt anmutendes Motiv taucht nebenan im Berlin-Raum wieder auf: Da entpuppt sich eine vielkantig umrissene weiße Fläche als Blick von einem Schöneberger Hinterhof nach oben in den Himmel, gerahmt von den Fassadenabschlüssen der umgebenden Gebäude. Berlin, die Stadt, in der er gemeinsam mit Lüpertz auch eine der ersten Produzentengalerien gründete, die legendäre „Großgörschen 35“, hat Hödicke über Jahrzehnte beobachtet. Ihn faszinierten die noch lange wie Kulissen halbzerstört dastehenden Gebäude, der Gropiusbau zum Beispiel, den er vom Fenster seines nah der Mauer gelegenen Ateliers aus sah. Auf vielen Bildern lässt er ihn dastehen wie „eine Fata Morgana in der Stadtwüste“. Auch das nächtliche Berlin wird porträtiert, die Lichter, die „Rain Dance“ auf tropfnassem Kopfsteinpflaster tanzen, die bunten Neonreklamen, lauter flüchtige Eindrücke der Großstadt und ihre Stille im Schnee.

          Die graphische Sammlung ist sein Schwerpunkt

          Die mit Zeichnungen und Gemälden seit den frühen Schaffensjahren gut bestückte Ausstellung zeigt nicht die Kurzfilme des Künstlers und von seinen Plastiken nur ganz wenige, weshalb die Ankündigung einer „Retrospektive“ etwas hochgegriffen wirkt. Obwohl die Graphische Sammlung den Schwerpunkt bei Hödickes Papierarbeiten setzt, aber mit dem Zeigen vieler Ölgemälde ihren genuinen Aufgabenbereich überdehnt und an Grenzen ihrer räumlichen Möglichkeiten gerät, was streckenweise Petersburger Hängung notwendig macht, ist die fällige Würdigung dieses bedeutenden Künstlers zu loben, der den Kunstbetrieb nie so bediente, dass er zu einem seiner großen Lieblinge geworden wäre.

          Hödicke blieb Berlin treu, auch als das Rheinland zum Brennpunkt der Szene aufstieg, und wirkte lange als engagierter Professor an der Berliner Hochschule der Künste. Dort tauchte in den frühen Achtzigern plötzlich wieder eine Gruppe junger Künstler auf, die sich neu erfinden wollte und der als karg und kopflastig empfundenen Minimal- und Konzeptkunst des Vorjahrzehnts mit expressiver und figurativer Malerei begegnete. Selbstverständlich erkannten diese „Neuen Wilden“ in dem gestandenen Neoexpressionisten ihren Wegbereiter und Anreger, doch findet dieses Faktum fast häufiger Erwähnung als K. H. Hödickes eigenes Œuvre.

          „Malen ist eine tolle Sache!“, lautet eines seiner vielen Zitate im Katalog. Die Werke spiegeln diese Leidenschaft, und sie haben über die Schaffensjahrzehnte in ihrer Dynamik und Farbenergie nichts an Frische verloren.

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