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Biennale Venedig : In Diskursgewittern

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In Venedig ist die Biennale frisch eröffnet. Den Besuchern macht es die kuratierte Ausstellung nicht leicht. Denn die besten Werke finden sich in den Länderpavillons.

          6 Min.

          Die 56. Kunst-Biennale fängt anders an als die der vergangenen Jahre. Sie beginnt mit einer Mauer, auf der ein Text steht, der gelesen werden muss, bevor man den zentralen Pavillon betritt, die große Ausstellungshalle in den Gärten, den Giardini. Noch vor zwei Jahren, bei der vorigen Biennale, bildeten die Traumbilder des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung den Auftakt; vor vier Jahre waren es Tintorettos Gemälde aus dem sechzehnten Jahrhundert, die für die Dauer der Ausstellung aus dem alten Venedig auf das Biennale-Gelände umzogen. Nun, im Jahr 2015, gibt es keinen Rückblick in die Vergangenheit oder Kunstgeschichte. Die Gegenwart zählt - und eben das Wort des künstlerischen Direktors Okwui Enwezor, das schon im ersten Satz wütend klingt. Kein „einheitliches Sehfeld“, steht dort auf der Mauer zu lesen, wolle man mit der Schau „All the World’s Futures“ bieten. Sondern drei „miteinander verbundene Filter“. Das Projekt „Das Kapital Oratorio“ sei ein solcher Filter, dafür habe der Architekt David Adjaye den Raum einer Arena entworfen, in der täglich Lesungen aus Karl Marx’ Hauptwerk stattfinden werden.

          Mit diesem Vorspann dürfte jedem klar sein: Die Kunst ist hier der Diskurs. Und als ein Schlüsselwerk der Ausstellung ist der „Shortguide“ zu betrachten, der für achtzehn Euro erworben werden kann. Es ist kein Geheimnis, dass Okwui Enwezor Theorie liebt. Als er, der 1963 in Nigeria geboren wurde und in den Vereinigten Staaten Politikwissenschaften studierte, die Documenta 11 kuratierte, bildete der postkoloniale Diskurs die Gleise, auf denen die Kunst nach Kassel einrollte. Sie kam aus Afrika, Südamerika oder Asien. Europa und Nordamerika waren vertreten, sie standen aber nicht mehr im Zentrum. Dass sich die Welt vieler vorangegangener Ausstellungen in Kassel allein um den Westen drehte, wirkte auf einmal kleinlich. Enwezors Documenta setzte im Jahr 2002 Maßstäbe.

          Die Ausstellungsarchitektur zeigt den Einfluss der Galerien

          Überraschend ist zunächst also nicht sein Glaube an die Theorie. Erstaunlich ist etwas Anderes: Wie hoch auf dieser Biennale die Zahl der Künstler ist, die von zwei amerikanischen Mega-Galerien vertreten werden - von David Zwirner und Larry Gagosian. Schon als Direktor vom Haus der Kunst in München, das er seit 2011 leitet, hat Enwezor eine Turbo-Evolution durchlaufen. Nachdem er Teile des Publikums anscheinend mit Ausstellungen wie der über das unabhängige Plattenlabel ECM verschreckte, beglückte er zum Ausgleich München mit Georg Baselitz, dem Haus- und Hofkünstler von Sammlern in Bayerns Hauptstadt. Diese Mischung aus Theorie und Kalkül hat er nun nach Venedig exportiert. So unterteilen die Fassade des Zentralpavillons wie abgelegte Vampir-Umhänge die teerschwarz gestrichenen Leinwände von Oscar Murillo, einem Jungstar bei David Zwirner. Seine großformatigen Abstraktionen haben sich in kürzester Zeit einen Namen als „flip-art“ gemacht, als Spekulationsware also, die durch die Auktionshäuser gejagt wird, um die Preise hochzutreiben. Wie beim Aktienhandel besteht die Herausforderung darin, zum richtigen Zeitpunkt ein- und wieder auszusteigen.

          Welcher Künstler bei dieser Biennale einer einflussreichen Galerie zugeordnet werden kann, zeigt häufig schon die Ausstellungsarchitektur. Als ob es diesen Werken nicht zuzumuten wäre, sich dem Diskursgewitter auszusetzen, das um sie herum rattert, knattert und pufft, werden sie im Ausstellungsparcours schön eingemauert: eine Kathedrale für Baselitz (Gagosian), ein Schrein für Marlene Dumas, Chris Ofili und Kerry James Marshall (Zwirner). Der in Algerien geborene Adel Abdessemed teilt sich mit Bruce Nauman eine schwarzgestrichene Luxushöhle zu Beginn des Arsenale, wo der zweite Teil der Biennale stattfindet; auch Abdessemed stellt bei Zwirner aus. Düster sind viele dieser Werke, ein Zeughaus der Kunst im historischen Gelände. Gleichzeitig bleiben sie dabei so unverbindlich, dass sich bei einem guten Glas Rotwein auch immer zufrieden brummen ließe: „Ja, ja, so ist die Welt, ein Abgrund.“

          Unerlöst zwischen den Welten

          Wie aber passt das mit Karl Marx zusammen? Im Tosen des Diskurses kommt natürlich auch der Kunstmarkt vor. Isaac Julien, der englische Künstler, spricht in den Videos mit dem Titel „Kapital“ aus dem Jahr 2013 über die Frage, ob der Kunstmarkt von anderen Märkten abgekoppelt sei. Sein Gegenüber ist der Sozialtheoretiker David Harvey. Durchsichtiger macht es die Auswahlpolitik dieser Biennale zwar nicht, trotzdem ist es lehrreich dem Gespräch zu folgen. Juliens Video gehört dabei zu den wenigen Werken, die so im Raum angebracht worden sind, dass es überhaupt möglich ist, sie zu verstehen. Wer dagegen versucht, Fatou Kandé Senghors Film „Giving Birth“ zu sehen, der von der senegalesischen Künstlerin Seni Awa Camara und ihren Tonskulpturen handelt, muss scheitern. Aus den anderen Kabinetten brüllt, hämmert und tobt der Sound weiterer Filme. Die Erzählerstimme hört nur, wer sich dicht vor die Leinwand stellt. Dann können diesen Film die anderen Besucher aber nicht mehr sehen.

          Ähnliche Effekte wiederholen sich. Drei Filme von Alexander Kluge werden in einer Drei-Kanal-Installation gezeigt, sie laufen also gleichzeitig, als wäre es ganz wurscht, wer was wann sagt. Eine weitere Enttäuschung wartet auf die Besucher: Viele Werke lassen offen, ob sie nun gesehen oder gelesen werden wollen. Man muss sich die Einzelteile mühsam selbst zusammensetzen aus dem Material, das eben an der Wand klebt oder auf dem Fußboden liegt, und aus dem, was der „Shortguide“ zu jedem Werk dazu dichtet. Wie der Fliegende Holländer gondeln die Stücke unerlöst zwischen den Welten hin und her. Als Text bleiben sie unvollständig, als visueller Eindruck ebenso. Bei dieser Biennale zählt die Geste mehr als das Detail. Es zählt das Politische, aber nicht die Aussage, der Wille, aber nicht die Durchführung.

          Wie sich große Räume in Malerei verwandeln lassen

          Natürlich gibt es auch Werke zu entdecken. Kein Mensch glaubt, dass Kunst selbsterklärend ist, und auch die Tatsache, dass ein Text dazugehört, ist kein Schaden. Warum aber nehmen es die Künstler nicht selbst in die Hand? Wie, zum Beispiel, der nigerianische Künstler Emeka Ogboh, sein Beitrag zur Biennale trägt den Titel „Song of the Germans“. Schon von weitem hört man die Melodie des Deutschlandlieds, nur der Text klingt anders. „Tschemanni“ ist eines der wenigen verständlichen Worte, die aus den zehn Lautsprechern kommen. Was es damit auf sich hat, erklärt das schön gestaltete Gesangbuch, das auf einer Bank ausliegt. Ogboh hat von zehn afrikanischen Flüchtlingen in Deutschland die Hymne einsingen lassen. Sie singen auf Igbo oder Kikongo. Und sie, die hier kaum Rechte besitzen, loben so eindringlich in ihrer Muttersprache die Werte von Einigkeit und Recht und Freiheit, dass man sich mit ihnen wünschen muss, Deutschland wäre wirklich das Land, wie es diese Musik verkündet.

          Die Melodie bleibt im Ohr, wenn man zurück zum Ausgang des Arsenale geht. Wer den Außenkorridor nimmt, läuft durch Ibrahim Mahamas steile Fluchten aus abgewetzten Jutesäcken. Innen zeigt Katharina Grosse, wie sich große Räume in Malerei verwandeln lassen. Eine Leinwand braucht sie dazu nicht. Die Farben trägt sie auf dem Boden auf, auf Erdhaufen, gebrochenen Platten und Stoffbahnen. Und als hätte sogar die Natur Spaß daran, bohren sich aus der Erde bereits die ersten Pflanzenkeimlinge, um den Licht entgegen zu wachsen.

          Der blinde Fleck der NSA

          Es gibt in diesem Jahr 89 Länderpavillons in Venedig. Mindestens vier davon sind die Reise wert. Der deutsche Pavillon wurde einem klugen Umbau unterzogen, der den Debatten um das Erbe faschistischer Architektur, einmal mehr, entgegentritt. Als Eingang führt nun eine schmale Treppe in den ersten Stock, fast schon eine Stiege, die in den ersten Raum mündet, wo Tobias Zielony Fotografien von afrikanischen Flüchtlingen zeigt. Der Besucher landet also im Deutschland der Verbote und Auflagen, die sich gegen Flüchtlinge richten und gegen die sie protestieren. Im Untergeschoss lässt Hito Steyerl in ihrem Film „Factory of the Sun“ das Reale und Virtuelle ineinanderfließen, die Deutsche Bank tritt als Schurkenstaat auf. Über dem Dach, im Schatten der Baumkronen, kreisen Bumerangs von Olaf Nicolai, in einem weiteren Raum läuft der Film von Jasmina Metwaly und Philip Rizk. Für einen einzelnen Pavillon ist das zu viel. Der Versuchung, die Vielgestaltigkeit des eigenen Schaffens auszustellen, konnte der Kurator Florian Ebner vom Folkwang Museum in Essen offenbar so wenig widerstehen wie vor zwei Jahren Susanne Gaensheimer.

          Der österreichische Pavillon ist das Gegenteil davon. Wenn diese Biennale in einigen Hinsichten einer lärmenden Straße gleicht, dann hat Heimo Zobernig das Gebäude in die perfekte Autobahnkirche verwandelt. Diese schwarzweiße Skulptur aus Ruhe und Vogelzwitschern sollte sich jeder Besucher gönnen.

          Neben der Türkei ist die größte Überraschung Neuseeland gelungen mit Simon Dennys Werk „Secret Power“. Die Hauptfigur darin ist David Darchicourt, der mit dieser Installation zu einem der berühmtesten Graphikdesigner der Welt aufsteigen könnte. Gearbeitet hat er bis 2012 als Kreativdirektor und Designer bei der NSA. Als im Jahr darauf Edward Snowden die Power-Point-Folien über die amerikanischen Überwachungsprogramme veröffentlichte, kursierte unter Graphikdesignern der Witz, die NSA könne sich über alles informieren - nur nicht über gutes Graphikdesign.

          Ein Gesicht für die Maschine Geheimdienst

          Simon Denny aber, Neuseeländer, 32 Jahre alt und Absolvent der Frankfurter Städelschule, nimmt Darchicourts Bilder ernst. Gefunden hat er sie über ein Internetprofil, in dem Darchicourt selbst mit seinem ehemaligen Arbeitgeber wirbt. Denny hat sie vergrößert, sie zu dreidimensionalen Objekten gemacht und in den historischen Räumen der Biblioteca Nazionale Marciana am Markusplatz ausgestellt. Dafür hat er ein gutes Argument: Diese Bilder, egal, ob wir sie schön, hässlich oder stillos finden, gehören zu den mächtigsten der Welt. In der inneren Kommunikation lehren sie die Mitarbeiter des Geheimdienstes, wie sie mit Programmen umzugehen haben. Und sie geben diesen Mitarbeitern ein Gesicht, eine Stimmung. Diese ist häufig - lustig, bunt, drollig und gemütlich. An der Spitze der Überwachungssysteme wird kein futuristischer Kult gepflegt, sondern eine Mischung aus Phantasy-Rollenspiel und Kindergarten. Nur ab und an - auch das verraten die Bilder - erlaubt man sich Ausflüge in böse Überwachungsspiele.

          Zu den größten Trümpfen der Sicherheitsdienste zählt, dass wir sie für eine Blackbox halten, eine Maschine, die im Geheimen Dinge verrichtet, die zu kompliziert sind, als dass wir sie verstehen können. Simon Denny gibt dieser Maschine nun ein Gesicht. Anhand von Bildern lernen wir - genau wie die NSA-Mitarbeiter -, die Arbeit des Geheimdienstes zu verstehen.

          Für alle Reisenden führt der schönste Weg nach Venedig mit dem Nachtzug zum Bahnhof. Wer trotzdem fliegt, sollte Dennys zweite Installation am Flughafen nicht verpassen.

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