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Biennale Venedig : In Diskursgewittern

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Der blinde Fleck der NSA

Es gibt in diesem Jahr 89 Länderpavillons in Venedig. Mindestens vier davon sind die Reise wert. Der deutsche Pavillon wurde einem klugen Umbau unterzogen, der den Debatten um das Erbe faschistischer Architektur, einmal mehr, entgegentritt. Als Eingang führt nun eine schmale Treppe in den ersten Stock, fast schon eine Stiege, die in den ersten Raum mündet, wo Tobias Zielony Fotografien von afrikanischen Flüchtlingen zeigt. Der Besucher landet also im Deutschland der Verbote und Auflagen, die sich gegen Flüchtlinge richten und gegen die sie protestieren. Im Untergeschoss lässt Hito Steyerl in ihrem Film „Factory of the Sun“ das Reale und Virtuelle ineinanderfließen, die Deutsche Bank tritt als Schurkenstaat auf. Über dem Dach, im Schatten der Baumkronen, kreisen Bumerangs von Olaf Nicolai, in einem weiteren Raum läuft der Film von Jasmina Metwaly und Philip Rizk. Für einen einzelnen Pavillon ist das zu viel. Der Versuchung, die Vielgestaltigkeit des eigenen Schaffens auszustellen, konnte der Kurator Florian Ebner vom Folkwang Museum in Essen offenbar so wenig widerstehen wie vor zwei Jahren Susanne Gaensheimer.

Der österreichische Pavillon ist das Gegenteil davon. Wenn diese Biennale in einigen Hinsichten einer lärmenden Straße gleicht, dann hat Heimo Zobernig das Gebäude in die perfekte Autobahnkirche verwandelt. Diese schwarzweiße Skulptur aus Ruhe und Vogelzwitschern sollte sich jeder Besucher gönnen.

Neben der Türkei ist die größte Überraschung Neuseeland gelungen mit Simon Dennys Werk „Secret Power“. Die Hauptfigur darin ist David Darchicourt, der mit dieser Installation zu einem der berühmtesten Graphikdesigner der Welt aufsteigen könnte. Gearbeitet hat er bis 2012 als Kreativdirektor und Designer bei der NSA. Als im Jahr darauf Edward Snowden die Power-Point-Folien über die amerikanischen Überwachungsprogramme veröffentlichte, kursierte unter Graphikdesignern der Witz, die NSA könne sich über alles informieren - nur nicht über gutes Graphikdesign.

Ein Gesicht für die Maschine Geheimdienst

Simon Denny aber, Neuseeländer, 32 Jahre alt und Absolvent der Frankfurter Städelschule, nimmt Darchicourts Bilder ernst. Gefunden hat er sie über ein Internetprofil, in dem Darchicourt selbst mit seinem ehemaligen Arbeitgeber wirbt. Denny hat sie vergrößert, sie zu dreidimensionalen Objekten gemacht und in den historischen Räumen der Biblioteca Nazionale Marciana am Markusplatz ausgestellt. Dafür hat er ein gutes Argument: Diese Bilder, egal, ob wir sie schön, hässlich oder stillos finden, gehören zu den mächtigsten der Welt. In der inneren Kommunikation lehren sie die Mitarbeiter des Geheimdienstes, wie sie mit Programmen umzugehen haben. Und sie geben diesen Mitarbeitern ein Gesicht, eine Stimmung. Diese ist häufig - lustig, bunt, drollig und gemütlich. An der Spitze der Überwachungssysteme wird kein futuristischer Kult gepflegt, sondern eine Mischung aus Phantasy-Rollenspiel und Kindergarten. Nur ab und an - auch das verraten die Bilder - erlaubt man sich Ausflüge in böse Überwachungsspiele.

Zu den größten Trümpfen der Sicherheitsdienste zählt, dass wir sie für eine Blackbox halten, eine Maschine, die im Geheimen Dinge verrichtet, die zu kompliziert sind, als dass wir sie verstehen können. Simon Denny gibt dieser Maschine nun ein Gesicht. Anhand von Bildern lernen wir - genau wie die NSA-Mitarbeiter -, die Arbeit des Geheimdienstes zu verstehen.

Für alle Reisenden führt der schönste Weg nach Venedig mit dem Nachtzug zum Bahnhof. Wer trotzdem fliegt, sollte Dennys zweite Installation am Flughafen nicht verpassen.

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