https://www.faz.net/-gqz-834kd

Biennale Venedig : In Diskursgewittern

  • -Aktualisiert am

Unerlöst zwischen den Welten

Wie aber passt das mit Karl Marx zusammen? Im Tosen des Diskurses kommt natürlich auch der Kunstmarkt vor. Isaac Julien, der englische Künstler, spricht in den Videos mit dem Titel „Kapital“ aus dem Jahr 2013 über die Frage, ob der Kunstmarkt von anderen Märkten abgekoppelt sei. Sein Gegenüber ist der Sozialtheoretiker David Harvey. Durchsichtiger macht es die Auswahlpolitik dieser Biennale zwar nicht, trotzdem ist es lehrreich dem Gespräch zu folgen. Juliens Video gehört dabei zu den wenigen Werken, die so im Raum angebracht worden sind, dass es überhaupt möglich ist, sie zu verstehen. Wer dagegen versucht, Fatou Kandé Senghors Film „Giving Birth“ zu sehen, der von der senegalesischen Künstlerin Seni Awa Camara und ihren Tonskulpturen handelt, muss scheitern. Aus den anderen Kabinetten brüllt, hämmert und tobt der Sound weiterer Filme. Die Erzählerstimme hört nur, wer sich dicht vor die Leinwand stellt. Dann können diesen Film die anderen Besucher aber nicht mehr sehen.

Ähnliche Effekte wiederholen sich. Drei Filme von Alexander Kluge werden in einer Drei-Kanal-Installation gezeigt, sie laufen also gleichzeitig, als wäre es ganz wurscht, wer was wann sagt. Eine weitere Enttäuschung wartet auf die Besucher: Viele Werke lassen offen, ob sie nun gesehen oder gelesen werden wollen. Man muss sich die Einzelteile mühsam selbst zusammensetzen aus dem Material, das eben an der Wand klebt oder auf dem Fußboden liegt, und aus dem, was der „Shortguide“ zu jedem Werk dazu dichtet. Wie der Fliegende Holländer gondeln die Stücke unerlöst zwischen den Welten hin und her. Als Text bleiben sie unvollständig, als visueller Eindruck ebenso. Bei dieser Biennale zählt die Geste mehr als das Detail. Es zählt das Politische, aber nicht die Aussage, der Wille, aber nicht die Durchführung.

Wie sich große Räume in Malerei verwandeln lassen

Natürlich gibt es auch Werke zu entdecken. Kein Mensch glaubt, dass Kunst selbsterklärend ist, und auch die Tatsache, dass ein Text dazugehört, ist kein Schaden. Warum aber nehmen es die Künstler nicht selbst in die Hand? Wie, zum Beispiel, der nigerianische Künstler Emeka Ogboh, sein Beitrag zur Biennale trägt den Titel „Song of the Germans“. Schon von weitem hört man die Melodie des Deutschlandlieds, nur der Text klingt anders. „Tschemanni“ ist eines der wenigen verständlichen Worte, die aus den zehn Lautsprechern kommen. Was es damit auf sich hat, erklärt das schön gestaltete Gesangbuch, das auf einer Bank ausliegt. Ogboh hat von zehn afrikanischen Flüchtlingen in Deutschland die Hymne einsingen lassen. Sie singen auf Igbo oder Kikongo. Und sie, die hier kaum Rechte besitzen, loben so eindringlich in ihrer Muttersprache die Werte von Einigkeit und Recht und Freiheit, dass man sich mit ihnen wünschen muss, Deutschland wäre wirklich das Land, wie es diese Musik verkündet.

Die Melodie bleibt im Ohr, wenn man zurück zum Ausgang des Arsenale geht. Wer den Außenkorridor nimmt, läuft durch Ibrahim Mahamas steile Fluchten aus abgewetzten Jutesäcken. Innen zeigt Katharina Grosse, wie sich große Räume in Malerei verwandeln lassen. Eine Leinwand braucht sie dazu nicht. Die Farben trägt sie auf dem Boden auf, auf Erdhaufen, gebrochenen Platten und Stoffbahnen. Und als hätte sogar die Natur Spaß daran, bohren sich aus der Erde bereits die ersten Pflanzenkeimlinge, um den Licht entgegen zu wachsen.

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.