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Umgebaute Fabrik in Barcelona : Leben und feiern statt schuften

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In den zwei Etagen der ehemaligen Textilfabrik Fabra i Coats in Barcelona haben vier Geschosse mit Sozialwohnungen Platz gefunden. Bild: Klaus Englert

Umwidmung eines großen Erbes: Das Architekturbüro Roldán + Berengué hat Sozialwohnungen in eine alte Textilfabrik am Rand von Barcelona gebaut. Sie stehen Künstlern und Jugendlichen zur Verfügung.

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          Barcelona litt in den vergangenen Jahrzehnten unter dem Leerstand der vielen Textilfabriken, die die Stadt einst zum „Manchester des Südens“ gemacht hatten. Diese Zeit ist längst vorbei; geblieben sind die ruinösen Zeugnisse verflossener Wirtschaftsmacht. Ein Beispiel ist Fabra i Coats. Die Fabrik entstand als eine der ersten Textilfabriken Kataloniens im Arbeiterviertel Sant Andreu, am nordöstlichen Rand Barcelonas. Die Gründung erfolgte fünf Jahre nach Einführung der Dampfmaschine in Spanien. Wenig später verdrängten bereits rauchende Schlote die Weite der Ackerflächen.

          Trotzdem hatte das Unternehmen lange mit mangelnden Produktionsstandards und Absatzproblemen zu kämpfen. Die Wende brachte erst die Partnerschaft mit einem schottischen Unternehmen, das seinerzeit führend in der Textilproduktion war. Und so gründeten die Brüder Ferran und Roman Fabra i Puig zusammen mit den Schotten 1903 das internationale Konsortium „Compañia Anónima Hilaturas Fabra Coats“. Nach wenigen Jahren gelang dem Unternehmen ein atemberaubender Produktionsanstieg: Schon 1911 beschäftigte man 1600 Arbeiter, von denen – ungewöhnlich genug für das monarchistische Spanien – achtzig Prozent Frauen waren.

          Fabra i Coats trug auf diese Weise wesentlich zum Reichtum Barcelonas bei. Doch bereits 1970 geriet Kataloniens Textilindustrie in die Krise, auch große Teile von Fabra i Coats mussten schließen. Nach Jahren des baulichen Verfalls erwarb die Stadtverwaltung 2005 das 12.000 Quadratmeter große, mehrflügelige Fabrikgebäude. Damit verbunden war die Neugründung von Fabra i Coats, diesmal unter Aufsicht des städtischen Kulturamts „Institut de Cultura“, dem es gelang, das Gebäude zum Modellfall der Initiative „Fábricas de Creación“ zu machen. In der Folgezeit zogen hier Theatergruppen, Musiker und bildende Künstler ein, ebenso das Museu d’Art Contemporani de Barcelona (Macba) mit einer Zweigstelle für Gegenwartskunst. Für die Umnutzung der Fabrikhallen erhielten die Architekten Manuel Ruisánchez und Francesc Bacardit 2012 den „Premios Ciudad de Barcelona“.

          Für Jugendliche und Künstler

          Nach Abschluss der Umnutzung folgte im angrenzenden Fabrikflügel ein soziales Wohnprojekt: Im Auftrag des Wohnungsdezernats fügten die Architekten José Miguel Roldán und Mercè Berengué 46 Sozialwohnungen in die Fabrikstruktur ein. Das Projekt ist für Barcelona ein Novum: Das Wohnungsdezernat stellt die Mietwohnungen jugendlichen Interessenten und Künstlern zur Verfügung, um den völlig überteuerten Wohnungsmarkt zu entzerren und das begrenzte Mietangebot zu verbessern. Die Wohnungen, die eine Grundfläche zwischen 53 und 58 Quadratmetern aufweisen, kosten im Monat bis zu 500 Euro. Gemessen am hiesigen Mietspiegel, ein Schnäppchen.

          Im Inneren ist das Fabrikgebäude durch großzügige Gemeinschaftsflächen für die Bewohner der knapp 60 Quadratmeter großen Apartments gekennzeichnet.
          Im Inneren ist das Fabrikgebäude durch großzügige Gemeinschaftsflächen für die Bewohner der knapp 60 Quadratmeter großen Apartments gekennzeichnet. : Bild: Klaus Englert

          José Miguel Roldán und Mercè Berengué nutzten die Gebäudelänge von hundert Metern, ebenso die repetitive Struktur aus 25 Fensterachsen und 25 Fachwerkträgern unter dem Satteldach, und stellten sich der Aufgabe, in dem denkmalgeschützten Fabrikbau neben Sozialwohnungen auch Gemeinschaftsräume einzufügen. Dabei entschieden sie, in die unangetastete Gebäudestruktur ein Haus im Haus als Rahmenkonstruktion aus Holz zu implantieren, weil diese am leichtesten ist und sich problemlos wieder demontieren lässt. Auf diese Weise machten Roldán + Berengué aus zwei Fabrikgeschossen vier Wohnungsgeschosse. Für die Community hinter Fabrikmauern entwarfen sie „rues intérieures“: Die einen führen zu den im Erdgeschoss eingerichteten Gemeinschaftsflächen, die anderen weisen zu den vor der historischen Klinkerfassade eingefügten „Laubengängen“ und Wohnungen. Roldán und Berengué entwarfen die Gemeinschaftsflächen als offene Zwischenräume, die auf diese Weise als Wärmepuffer funktionieren. Durch Querlüftung – so errechneten die Architekten – steigt die Zimmertemperatur selbst in den heißen Sommermonaten nie über 21 Grad.

          Zunächst kam die Kultur, danach das Wohnungsprojekt – Fabra i Coats wurde so zu einem kulturellen und wohnungspolitischen Vorzeigeprojekt. Im wohneigentumsversessenen Spanien könnte Fabra i Coats eine Wende einleiten. Zudem könnte das Wohnen in umgenutzten Industriebauten einen weiteren, heilsamen Schub bekommen. Und last but not least: Im seit langem abgehängten Stadtviertel Sant Andreu entstand in der Folge von Fabra i Coats auch eine beachtenswerte Sporthalle, die für neues Leben im Arbeiterquartier sorgt.

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