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Kunstausstellung im Städel : Fanatiker flirrender Silhouetten

Rauschend: Bei Paolo Troubetzkoys „Nach dem Ball (Adelaide Aurnheimer) von 1897 gilt alle Hingabe allein den Stoffkaskaden der Robe, die auf einem legendären Ball den ersten Preis gewann. Bild: Städel Museum

Wie kann etwas so Statisches wie Statuen impressionistisch sein? Das Städel in Frankfurt zeigt es „En passant“ in einer Ausstellung: Skulptur von Rodin, Degas, Bugatti, Rosso und Troubetzkoy.

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          Jahrhundertelang tobte der Wettstreit, was die Skulptur besser könne als die Malerei: auf jeden Fall Haptik und körperliche Präsenz. Um eine Plastik kann man herumgehen. Was aber kann Skulptur partout nicht darstellen? Luft. Als die impressionistischen Maler anfingen, die sengend heiße südfranzösische Sommerluft auf ihren Leinwänden flirren oder uns frösteln zu lassen im diesigen Nass einer kalten Böe in der Normandie, musste die Skulptur passen.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Insofern ist die Gegenüberstellung von Manets „Kricketpartie“ im Grünen von 1873 und Leonardo Bistolfis „Die Dämmerung“ von 1892/93 im letzten der zehn Städel-Säle der Schau „En passant. Impressionismus in Skulptur“ ein Offenbarungseid. Zwar kriechen bei Bistolfis Plastik die Gipsschwaden buchstäblich an den Beinen eines Liebespaares vor einer Brüstung hoch; doch der Gips, den der Bildformer mit dem Gewand der Frau und den Hosen des Galans fließend verstreicht und mittels Hunderter kleiner Eintiefungen aufreißt, wirkt durch sein Kalkweiß schwer wie ein Leichentuch. Steht es am Ende eins zu null für die Malerei?

          Eine Bronze-Eva wächst aus dem Sand

          Dabei konnte, wer den offiziellen Ausstellungsparcours abschritt, im ersten Saal Hoffnung schöpfen: Paul Gauguins Relief „La Toilette“ zeigt ein sich kämmendes Mädchen vor weiter Landschaft mit heftig vibrierender Holzmaserung an der Oberfläche. Die heißen Schlieren der Luft sind eben nur auf einem solchen querformatig beschnitzten Relief einzufangen, das Raum für Horizont und Himmelszone in sich birgt.

          Ansonsten steht eine Skulptur in immer anderen Kontexten als bei ihrer Entstehung; sie liefert den Raum nicht mit. Die Zahlen sprechen für sich: Es sind nur fünf große Namen, welche die Bezeichnung „impressionistischer Bildhauer“ tragen – ihnen allen widmet sich das Städel ausführlich. Und unter den zweitausend Kunstwerken in den acht offiziellen Pariser Impressionisten-Ausstellungen waren lediglich siebzehn Skulpturen. Das sind weniger als zwei Prozent.

          Die vorletzte Studie eines langen Werkprozesses, bei dem selbst dem Genie Auguste Rodin von Medardo Rosso vorgeworfen wurde, dass er nach einem der vielen Atelierbesuche dessen Bronze „Bookmaker“ kopiert habe: Rodins fließendes Denkmal für den Schriftsteller Balzac von 1897.
          Die vorletzte Studie eines langen Werkprozesses, bei dem selbst dem Genie Auguste Rodin von Medardo Rosso vorgeworfen wurde, dass er nach einem der vielen Atelierbesuche dessen Bronze „Bookmaker“ kopiert habe: Rodins fließendes Denkmal für den Schriftsteller Balzac von 1897. : Bild: Städel Museum

          Rodin, für dessen an die zwei Dutzend Kunstwerke im Untergeschoss der gewohnt zweigeschossigen Städel-Schau der große Gartensaal freigeräumt wurde, wusste sehr genau um dieses Grundproblem „impressionistischer Skulptur“ – eine Stil- und Gattungsbezeichnung, die keinem Kunsthistoriker einfiel, sondern von Zeitgenossen Rodins im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert stammt, jedoch in den vergangenen hundertdreißig Jahren keine große Rolle mehr spielte. Somit wirft das Städel mit den großartigen Plastiken dieses alt-neuen Forschungsansatzes hochinteressante Fragen auf. Rodins berühmte Eva etwa, die sich mit ihrer Armgeste des Erwachens einem neuen Frühling in außerparadiesischer Umgebung entgegenzuräkeln scheint, hat man im Städel in die Natur eingepflanzt: Sie steht in einem großen Becken voll Sand, aus dem sie zu wachsen scheint, da ihre Sockelplatte unsichtbar ist.

          Das ist keine kuratorische Spielerei, sondern die Rekonstruktion einer von Rodin im Jahr 1900 umgesetzten Präsentation in der Pariser Ausstellungshalle an der Place de l’Alma. Die teils derb gekneteten Oberflächen seiner Skulpturen brechen das Licht, die verschiedenen Patina-Farben tun das Ihre dazu. Rodins zelotischer „Johannes der Täufer“ bricht sich ohne Rücksicht auf Verluste Bahn, sein aus dieser Figur entstandener „Torso“ führt dieses forsche Schreiten auch ohne Kopf fort. Dass viele Skulpturen bewusst unvollendet bleiben, verstärkt den Eindruck des Momenthaften. Die „Bürger von Calais“ stehen ohne Sockel nicht mehr als klassisches Denkmal einer historischen Begebenheit, sondern als Schnappschuss in Bronze auf dem Boden sehr irdischer Tatsachen.

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