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Illustration : Das ist Christoph Niemanns Welt

Der beste Illustrator unserer Zeit ist ein Deutscher, der in Berlin lebt, aber vor allem für New York arbeitet. Wie Christoph Niemann dieser Spagat gelingt, das zeigt sich beim Besuch in seinem Atelier.

          11 Min.

          Im Niemannsland gelten die Grenzen von Raum und Zeit nicht. Es liegt zwischen Amerika und Deutschland, genauer zwischen New York und Berlin, noch genauer in New York und Berlin, aber das gleichzeitig, obwohl Christoph Niemann in Berlin lebt und nur fünf- oder sechsmal im Jahr für ein paar Tage in jene Stadt zurückfliegt, in der er sich seinen Ruf als Illustrator erarbeitet und die meisten Kunden hat. Kunden wie den „New Yorker“, die „New York Times“, die „Financial Times“, die „New York Times Book Review“, mit einem Wort: die Crème der amerikanischen Presse. Sie alle schmücken sich mit Bildern des deutschen Zeichners.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sein Berliner Atelier verrät nichts davon, dass wir es hier mit einem internationalen Großmeister der Illustration zu tun haben. Dieses Atelier im zweiten Hinterhof eines von außen heruntergekommen aussehenden Hauses in Berlin-Mitte ist denkbar typisch für die deutsche Hauptstadt und ihre kreative Szene. Alter Wohnraum wurde hier in ein lockeres Miteinander lauter Selbständiger verwandelt, die sich Küche, Toiletten und Betriebskosten teilen, während jeder sein eigenes Büro hat. Christoph Niemann hat seines erst vor drei Monaten bezogen, auf dem Fußboden glänzen neu verlegte dunkle Bohlen, die Wände sind frisch verputzt, manchmal wurde Backstein freigelegt. „Das ist mir etwas zu hanseatisch“, bemängelt der Illustrator, aber der Blick aus dem Fenster zeigt schönste Berlin-Tristesse, ehe sich die Brandmauern links und rechts auf die Bäume des Volksparks am Weinbergsweg öffnen. Die Decke von Niemanns Atelier ist derzeit mit durchhängenden Plastikplanen abgedichtet, denn oben auf dem Dach des Gebäudes errichtet sich der Eigentümer, ein prominenter Schweizer Werber, gerade ein zweistöckiges Penthouse, und bei diesen Arbeiten rieselt der Putz.

          Kultureller Anspielungsreichtum

          Der Raum ist asketisch-protestantisch leer. Zwei Arbeitsplätze, einer davon für eine Assistentin und gelegentliche Gäste aus der New Yorker Illustratorenszene, ein Planschränkchen, das nur Blättern bis DIN A3 Platz bietet, ein graues Sofa, ein Regal. Als einziger Schmuck hängen derzeit Kinderzeichnungen an der Wand, erste Talentproben von Niemanns drei Söhnen Gustav, Arthur und Fritz. Eigene Arbeiten? Heute Fehlanzeige. Beim letzten Besuch vor zwei Monaten hing noch ein Siebdruck über dem Arbeitsplatz: zwei Hände, die auf drei Bildern aus einem Wollfaden die Brooklyn Bridge spinnen. Das ist einer der grafischen Geniestreiche von Christoph Niemann: strahlend gelb der Untergrund, in schwarzen Linien gezeichnet die Hände, in blendendem Weiß die Wollfäden. Und natürlich die Idee an sich: Ein weltbekanntes Symbol von New York entsteht als Folge eines weltbekannten Kinderspiels. Kinderleicht sieht das aus. Wenn das Wort „plakativ“ eine Illustration benötigte, hier wäre sie.

          Im Regal stehen ein paar Belegexemplare von Büchern und Heften, die Niemann illustriert hat, darunter das jüngste Titelbild für den „New Yorker“ (Niemann ist der einzige Deutsche in der mehr als achtzigjährigen Geschichte des legendären Magazins, der dort regelmäßig als cover artist vertreten ist) und seine drei Bilderbücher für Kinder: „Der kleine Drache“, „The Police Cloud“ und „So funktioniert das“. Der letzte Titel ist programmatisch für den Einundvierzigjährigen. Wer wissen will, wie man heute ein Star auf diesem Feld werden kann, der muss zu Christoph Niemann gehen.

          Diesen Star aber kennen in Deutschland immer noch wenige - ganz im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten. Dabei ist hier 1998, ein Jahr nachdem Niemann nach Amerika gegangen war, sein erstes Buch erschienen: „Das gute Porträt“, eine Sammlung von winzigen Illustrationen, die in künstlich grob gepixeltem Zeichenstil bekannte Namen mit ebenso bekannten Symbolen kombinierten. Zum Beispiel die drei Affen, von denen jeweils einer sich Ohren, Nase und Mund zuhält. Unter ihren Bildchen stehen die Bezeichnungen Beethoven, Stevie Wonder und The Marathon Man. Der Witz besteht noch mehr als in der Zuordnung in der Reihenfolge. Denn dass auf den berühmtesten Ertaubten und den berühmtesten Blinden nicht ein berühmter Stummer folgt, sondern eine Filmfigur, die von einem Zahnarzt gefoltert wird, das zeigt den kulturellen Anspielungsreichtum, den Christoph Niemanns Zeichnungen bieten. Und die Herausforderung, die sie darstellen.

          Mitten im Gespräch ruft die Arbeit

          “Das gute Porträt“ erschien seinerzeit im Maro Verlag und war Teil der Reihe „Die tollen Bücher“, die Armin Abmeier, der wichtigste deutsche Illustrationsexperte, herausgab. Mittlerweile verlegt er bei der Büchergilde Gutenberg „Die tollen Hefte“, und dort hat Christoph Niemann 2008, im Jahr seiner Rückkehr aus Amerika, T. C. Boyles Erzählung „Windsbraut“ illustriert - wieder im künstlich verpixelten Stil, diesmal noch gröber. Dafür erhielt er von der Stiftung Buchkunst seinen ersten und bislang einzigen deutschen Preis: als eines der schönsten Bücher des Jahres. In den Vereinigten Staaten ist die Flut der Auszeichnungen dagegen kaum noch zu übersehen - bis hin zur Aufnahme in die Hall of Fame des Art Directors Club vor zwei Jahren.

          Deshalb erstreckt sich Niemannsland von Berlin nach New York. Auf dem Arbeitstisch im Atelier stehen neben den Bildschirmen zwei Telefone. Das linke wird mit Niemanns amerikanischer Nummer erreicht, das rechte mit der deutschen. Ein Relikt aus jener Zeit, als Niemann aus New York nach Berlin zog. Seinen amerikanischen Kunden hat er es damals nicht gesagt, denn durch Telefon und Internet ist er in Deutschland ebenso gut zu erreichen; er muss nur seinen Arbeitsrhythmus auf die Zeitverschiebung einstellen. Was ihm nicht schwerfällt: „Wenn man in Amerika meine Vorschläge für aktuelle Illustrationen erwartet, ist es dort noch Morgen, aber ich hatte schon einen ganzen Tag Zeit zum Überlegen und Ausprobieren.“ Was er nicht sagt: Gäbe es etwas an seinen Vorschlägen zu überarbeiten, müsste er das in der Nacht tun, um pünktlich zu sein. Aber meist gibt es lediglich Details zu regeln, die wenig Mühe machen. „Das ist bei Kunden von der Ostküste ohnehin kein Problem. Nur bei denen von der Westküste ist der Zeitunterschied zu groß.“

          An diesem Montag steht gerade solch ein Auftrag von der Westküste an: Illustrationen für das Firmenmagazin des kalifornischen Möbelherstellers Herman Miller, der unter anderem die Sessel von Charles und Ray Eames nachbaut. Christoph Niemann warnt am Nachmittag, dass er wohl abends noch ein Telefongespräch in dieser Sache führen werde, und so geschieht es dann auch. Mitten in unserem Gespräch ruft die Arbeit, aber nach zwanzig Minuten kommt ein zufriedener Illustrator zurück: „Sie haben es sich sogar etwas weniger konkret gewünscht, als ich es angeboten hatte, noch abstrakter. Was für eine wunderbare Zusammenarbeit, wenn ein Kunde ganz der Zeichnung vertraut!“ Also auch keine nächtliche Mehrarbeit.

          Eine wilde Blog-Geschichte

          Hält er seine amerikanischen Auftraggeber immer noch im Unklaren über Berlin? „Nein, die sehen ja, dass es problemlos funktioniert. Wobei man nie weiß, ob es nicht doch potentielle Kunden in den Vereinigten Staaten gibt, die mir deshalb keine Aufträge geben. Das erfährt man ja nicht.“ Verschmerzen könnte er das leicht, die alten sind ihm alle treu geblieben. Und neue kommen dauernd dazu, mittlerweile manchmal auch aus Deutschland.

          Das verdankt sich nicht zuletzt dem Blog, den Christoph Niemann seit 2008 auf der Website der „New York Times“ führt: „Abstract City“. Es ist ein illustrierter Blick auf die Welt, und diese Welt ist recht regelmäßig New York City. Daran hat sich in der deutschen Hauptstadt nichts geändert, im Gegenteil, er brachte diese einfach mit nach Berlin. Erst kurz nachdem Niemann hierher gezogen ist, hat er den ersten Blog-Eintrag erstellt: eine Reminiszenz ans U-Bahn-Fahren in New York mit seinen kleinen Söhnen. Und der zweite spielte dann zwar in Berlin, setzte das amerikanische Thema aber grandios fort: als reichbebilderter Bericht über die Ausstattung der Badezimmer in der Berliner Wohnung. Eigentlich hatte Niemann das dortige Elternbadezimmer aus Liebe zur Abstraktion und zu seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in der Farbstruktur eines bekannten Tizian-Gemäldes kacheln lassen wollen (wieder diese Liebe zu Pixelung!), doch dafür gab es im Fachhandel nicht genügend erhältliche Farbtöne. Also wurde letztlich im ansonsten komplett weißen Bad nur ein gelber Fleck in einen oberen Winkel gekachelt - als Hommage an die Fettecke von Joseph Beuys, hier endlich unabwaschbar. Im Kinderbadezimmer dagegen sind Boden- und Wandkacheln überzogen mit dem schematisierten Streckennetz der New Yorker U-Bahn.

          Das Schöne an dieser wilden Geschichte aus dem Blog: Sie ist wahr. Beide Bäder gibt es, und sie sehen großartig aus. Niemanns Familie lebt in Berlin zehn Fußminuten vom Atelier entfernt, in einem ursprünglich als Doppelhaus konzipierten Neubau mitten in der Stadt, der zum Zeitpunkt der beginnenden weltweiten Finanzkrise 2008 keinen gewerblichen Mieter gefunden hatte. Vom Erlös aus dem Verkauf ihres Appartements in Brooklyn (unterhalb der Brooklyn Bridge mit prachtvollem Blick auf Manhattan) konnten die Niemanns sich nicht nur den Kauf, sondern auch den Umbau des Berliner Hauses zu einer einzigen riesigen neuen Traumwohnung leisten. Nur dass der Blick von der Dachterrasse hier nicht auf den East River, sondern durch die hohen Fenster direkt ins benachbarte Stadtbad Mitte fällt.

          Der endgültige Ritterschlag

          Wie unterscheiden sich die beiden Metropolen? Als Antwort genügt an diesem Montag im Atelier eine kurze Gesprächspause. Wir lauschen. Es ist der Tag vor dem 1. Mai, und im ganzen Gebäude herrscht absolute Ruhe. Nur Christoph Niemann arbeitet hier an diesem Brückentag. Dann steht er auf, geht zum Fenster und zeigt zwischen die zwei Brandmauern hinaus: „Da sitzt das kreative Berlin.“ Im Volkspark am Weinbergsweg liegt die Wiese im schönsten Sonnenschein, sie ist voller junger Menschen. So eine Auszeit nimmt sich der an amerikanisches Arbeitstempo gewöhnte Illustrator nicht.

          Was trieb einen wie ihn, geboren 1970 in Waiblingen und an der Kunstakademie Stuttgart noch unter Heinz Edelmann als Illustrator ausgebildet, aus dem heimatlichen Baden-Württemberg nach New York? „Gerade weil ich da herkam, wollte ich weg. Mitte der neunziger Jahre schlug der Puls der Grafikdesign-Szene in London, aber alles, was mich interessierte, gab es in New York. Dort war die Idee wichtiger als die visuelle Umsetzung, und das deutsche Grafikdesign genoss einen exzellenten Ruf. Die Leute kannten den Namen von Heinz Edelmann; dass er mich ausgebildet hatte, war also nicht von Schaden.“ Als Niemann 1995 dann noch feststellte, dass dank der damaligen Dollarschwäche ein Flug nach New York nicht teurer war als einer nach London, flog er kurzerhand mit seiner Mappe für zwei Monate hin, bekam dort einen Praktikumsplatz und zwei Tage vor seiner Rückreise nach Deutschland einen ersten Auftrag: Fred Woodware, der einflussreiche Gestalter des Musikmagazins „Rolling Stone“, bestellte bei Niemann eine Illustration zu einer Plattenkritik. „Das habe ich damals niemandem erzählt, aus Angst, es könnte noch etwas schiefgehen.“

          Aber es ging nichts schief, und als die Illustration erschienen war, reichte die Redaktion des „Rolling Stone“ sie beim Jahrbuch „American Illustration“ ein. Der Abdruck dort war der endgültige Ritterschlag für den jungen deutschen Illustrator. Ein Jahr später war er wieder zurück in New York, diesmal bei dem Designunternehmen Pentagram an der Seite von solchen Größen des Fachs wie Paula Scher, damals seine Mentorin, oder Michael Bierut. Und Niemann lernte Steve Heller von der „New York Times Book Review“ kennen - der Beginn einer bis heute andauernden Zusammenarbeit, die ihm wiederum die Türen zur „New York Times“ und zum „New Yorker“ öffnete, für den er seit 1998 illustriert. 2001 hatte Christoph Niemann es dann endgültig in Amerika geschafft, als er für die Jubiläumsausgabe von „American Illustration“ anlässlich des zwanzigsten Geburtstags des Jahrbuchs dessen Umschlag und die Vorsatzpapiere gestaltete. Noch heute lädt er, wenn man ihn nach einem Lieblingsmotiv fragt, diese Titelzeichnung auf dem Rechner hoch: den Kopf einer Zahnbürste, der sich in liebevoller Umarmung mit einem anthropomorphen Zahnpastastreifen befindet.

          „New York gehörte mir!“

          Doch so glatt, wie es sich in dieser Beschreibung ausnimmt, verlief der Weg von Niemann nach Amerika auch wieder nicht. Eine Arbeitserlaubnis als Grafiker bekam er nicht, erst ein Journalistenvisum ermöglichte ihm 1997 den dauerhaften Umzug. „Ich hatte Geld gespart und dachte mir, ein Jahr halte ich durch, egal was passiert. Dabei hatte ich grandios unterschätzt, was das Leben in New York kostet. Es lief beruflich für mich wesentlich besser als erwartet, aber das war auch bitter nötig.“

          Was ihn bis heute stolz macht, ist der damalige Entschluss, auf eigene Faust nach New York zu gehen. „Ich hatte keinen Onkel dort, keinen Boss, der mich dahin beordert hätte. New York gehörte mir!“ Als Freiberufler von Beginn an musste er sich alles lebenspraktische Wissen um die neue Welt selbst aneignen. „Ich habe in den elf Jahren, die ich in Amerika gewohnt habe, immer wieder ganze Nächte im Internet verbracht, um mich in Immigrations- oder Steuerfragen kundig zu machen. Mittlerweile könnte ich auf diesen Gebieten als Anwalt tätig werden.“

          In Vorwärtsbewegung bleiben

          Ein Wechsel der Staatsbürgerschaft wäre für ihn nie in Frage gekommen. „Wenn ich die deutsche aber hätte behalten können, dann gerne die doppelte. So, wie sie meine Söhne heute haben. In einigen Gegenden der Vereinigten Staaten fühle ich mich mittlerweile mehr daheim als in Deutschland. Aber das ist eh eine Frage des konkreten Ortes. Brooklyn und Prenzlauer Berg haben mehr gemeinsam als Brooklyn und Wilmersdorf. Und wohl auch mehr als Wilmersdorf und Prenzlauer Berg.“ Nur die Arbeitshaltung eben nicht.

          Noch einmal geht der Blick hinüber zu den Sonnenbadenden unter den blühenden Bäumen im Volkspark. „Wenn man es sich einmal gemütlich gemacht hat“, sagt Niemann, „geht man nicht mehr nach New York. Als ich ging, war ich siebenundzwanzig Jahre alt, und ich glaube, mit neunundzwanzig hätte ich es schon nicht mehr gemacht.“ Da hätte man sich eingerichtet, sich vielleicht auch privat gebunden. Seine Frau, Lisa Zeitz, lernte Niemann aber erst in New York kennen, wo die Deutsche für eine Galerie arbeitete. „Auch das war gut, dass wir uns in New York getroffen haben. Es war also unser jeweils individueller Entschluss gewesen, dort zu leben, keiner war nur aus Rücksicht auf den anderen mitgegangen. Und als wir nach Berlin umgezogen sind, war auch das kein Rückzug, etwa der Kinder wegen oder weil es einer von uns nicht mehr in Amerika ausgehalten hätte. Wichtig ist, dass man in der Vorwärtsbewegung bleibt.“

          Vorwärtsbewegung - das ist ein zentraler Begriff für Christoph Niemann. Er war als Illustrator schon immer interessiert an den neuesten technischen Möglichkeiten, jenen Veränderungen seiner Arbeitswelt, die ihm heute erlauben, das Leben im Niemannsland zu führen. Obwohl Heinz Edelmann selbst mit Computern nichts anfangen konnte, förderte er die Beschäftigung seines Studenten mit den neuen Geräten, weil er darin dieselbe Detailversessenheit erkannte, die ihn selbst auszeichnete. Seit 1992 arbeitete Niemann mit dem Pixar-Rechner, einem jener Grafikcomputer der gleichnamigen Firma, die von Steve Jobs mitbegründet wurde und heute nur noch als Trickfilmstudio bekannt ist. „Die waren noch so langsam, dass man es heute gar nicht mehr glauben mag. Meine erste Festplatte hatte nur zehn Megabyte. Aber gerade das hat viel gebracht, denn man musste sich überlegen, wie man damit effizient arbeitet. Das ist wie bei Druckern, die noch den Bleisatz erlernt haben. Man weiß einfach besser, was man tut.“

          Geist und Sorgfalt im Verein

          Mit dem Computer tut Niemann viel, aber nicht alles - und nicht das Wichtigste. Das Wichtigste bleibt die Idee. „Technik“, sagt er, „macht dich nicht kreativer, aber flexibler, und damit bleibt dir mehr Zeit für Kreativität.“ Die ersten Entwürfe erfolgen immer per Bleistift, und für die Sammlung dieser Blätter gibt es das Planschränkchen im Atelier. Für „Abstract City“, den gerade gleichzeitig in Amerika und Deutschland erschienenen Sammelband seiner ersten sechzehn Blogs, hat Niemann ein Nachwort gezeichnet, das von seiner Arbeit erzählt. In einem Tortendiagramm, das dem Zustandekommen einer guten Idee gilt, nimmt „Anstrengung“ eine Fläche von 87 Prozent ein. Nur 0,5 Prozent entfallen auf „Begabung und Musenküsse“, dafür aber fünf Prozent auf die Rubrik „90 Minuten am Stück die Finger vom Internet lassen“. Denn auf diesem Spielplatz der Ideen ist vieles zu leicht erhältlich, als dass die nötige Anstrengung noch geleistet würde.

          Zudem wird dort munter geklaut. Und wenn es eines gibt, was Christoph Niemann erregt, dann ist es die derzeitige Debatte um geistiges Eigentum. „Für einen Kreativen sind Ideen das einzige Kapital. Google Image Search macht mir die Kontrolle im Netz leichter, aber es bleibt oft Zufall, ob man überhaupt mitbekommt, dass man bestohlen wird. Was mich wirklich ärgert, ist die Behauptung, ein Urheber leiste nicht mehr als bloßes Remixen. Bei Illustrationen macht die Verschiebung einer Linie um einen Zentimeter nach rechts oder links oft den entscheidenden Unterschied aus. Das kostet viel Mühe, die aber nicht sichtbar werden darf. Außer der Idee ist das Wichtigste bei meiner Arbeit deshalb, alle Spuren der Anstrengung zu verwischen und das Ergebnis federleicht aussehen zu lassen, spontan. Blut, Schweiß und Tränen haben im Druck nichts mehr verloren.“

          Aber auch wer einfach stiehlt, kann sich Schweiß sparen. Und so muss der Illustrator, der sich mit der Hilfe des Internets sein Niemannsland erhält, fürchten, genau durch diese Hilfsmittel um die Früchte seiner Ideen gebracht zu werden. „Wenn ich morgens laufen gehe, halte ich mir selbst Vorträge darüber, aber ich scheue davor zurück, etwas dazu zu veröffentlichen. Denn wer weiß, was man dazu aus dem Netz für Reaktionen bekommen würde. Schlimm, dass man so denkt.“ Gut aber, dass es überhaupt jemanden wie Christoph Niemann gibt, dessen Brillanz sichtbar macht, was Geist und Sorgfalt im Verein leisten können. Die Welt, in der wir leben, wird mehr und mehr eine sein, die nach seinen Bildern geschaffen ist - egal, ob rechtmäßig oder gestohlen. Ihnen kann man nicht entkommen, weil sie die Gegenwart auf die Spitze treiben - auf die eines simplen Bleistifts.

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