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Illustration : Das ist Christoph Niemanns Welt

An diesem Montag steht gerade solch ein Auftrag von der Westküste an: Illustrationen für das Firmenmagazin des kalifornischen Möbelherstellers Herman Miller, der unter anderem die Sessel von Charles und Ray Eames nachbaut. Christoph Niemann warnt am Nachmittag, dass er wohl abends noch ein Telefongespräch in dieser Sache führen werde, und so geschieht es dann auch. Mitten in unserem Gespräch ruft die Arbeit, aber nach zwanzig Minuten kommt ein zufriedener Illustrator zurück: „Sie haben es sich sogar etwas weniger konkret gewünscht, als ich es angeboten hatte, noch abstrakter. Was für eine wunderbare Zusammenarbeit, wenn ein Kunde ganz der Zeichnung vertraut!“ Also auch keine nächtliche Mehrarbeit.

Eine wilde Blog-Geschichte

Hält er seine amerikanischen Auftraggeber immer noch im Unklaren über Berlin? „Nein, die sehen ja, dass es problemlos funktioniert. Wobei man nie weiß, ob es nicht doch potentielle Kunden in den Vereinigten Staaten gibt, die mir deshalb keine Aufträge geben. Das erfährt man ja nicht.“ Verschmerzen könnte er das leicht, die alten sind ihm alle treu geblieben. Und neue kommen dauernd dazu, mittlerweile manchmal auch aus Deutschland.

Das verdankt sich nicht zuletzt dem Blog, den Christoph Niemann seit 2008 auf der Website der „New York Times“ führt: „Abstract City“. Es ist ein illustrierter Blick auf die Welt, und diese Welt ist recht regelmäßig New York City. Daran hat sich in der deutschen Hauptstadt nichts geändert, im Gegenteil, er brachte diese einfach mit nach Berlin. Erst kurz nachdem Niemann hierher gezogen ist, hat er den ersten Blog-Eintrag erstellt: eine Reminiszenz ans U-Bahn-Fahren in New York mit seinen kleinen Söhnen. Und der zweite spielte dann zwar in Berlin, setzte das amerikanische Thema aber grandios fort: als reichbebilderter Bericht über die Ausstattung der Badezimmer in der Berliner Wohnung. Eigentlich hatte Niemann das dortige Elternbadezimmer aus Liebe zur Abstraktion und zu seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in der Farbstruktur eines bekannten Tizian-Gemäldes kacheln lassen wollen (wieder diese Liebe zu Pixelung!), doch dafür gab es im Fachhandel nicht genügend erhältliche Farbtöne. Also wurde letztlich im ansonsten komplett weißen Bad nur ein gelber Fleck in einen oberen Winkel gekachelt - als Hommage an die Fettecke von Joseph Beuys, hier endlich unabwaschbar. Im Kinderbadezimmer dagegen sind Boden- und Wandkacheln überzogen mit dem schematisierten Streckennetz der New Yorker U-Bahn.

Das Schöne an dieser wilden Geschichte aus dem Blog: Sie ist wahr. Beide Bäder gibt es, und sie sehen großartig aus. Niemanns Familie lebt in Berlin zehn Fußminuten vom Atelier entfernt, in einem ursprünglich als Doppelhaus konzipierten Neubau mitten in der Stadt, der zum Zeitpunkt der beginnenden weltweiten Finanzkrise 2008 keinen gewerblichen Mieter gefunden hatte. Vom Erlös aus dem Verkauf ihres Appartements in Brooklyn (unterhalb der Brooklyn Bridge mit prachtvollem Blick auf Manhattan) konnten die Niemanns sich nicht nur den Kauf, sondern auch den Umbau des Berliner Hauses zu einer einzigen riesigen neuen Traumwohnung leisten. Nur dass der Blick von der Dachterrasse hier nicht auf den East River, sondern durch die hohen Fenster direkt ins benachbarte Stadtbad Mitte fällt.

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