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Denkmalstürze weltweit : Erwiesene Schuld einer Statue?

Das attackierte Denkmal des belgischen Königs Leopold II. in Gent Bild: Wannes Nimmegeers

Weltweit werden aktuell die Statuen mutmaßlicher Protagonisten des Kolonialismus geschleift. Das aber blendet Geschichte in doppelter Hinsicht aus. Zur Verwechslung von Bildern des Bösen mit dem Bösen selbst.

          3 Min.

          Seit zwei Wochen erlebt die Welt einen beispiellosen Denkmalsturz. Als Reaktion auf die Ermordung von George Floyd wurden inzwischen in vielen Ländern auf mindestens zwei Kontinenten ungefähr ein Dutzend Statuen von historischen Protagonisten des Kolonialismus gestürzt, geschändet oder zerstört. Es steht zu vermuten, dass die Proteste, die sich an materiellen Hinterlassenschaften der Vergangenheit entzündeten, gerade in den Vereinigten Staaten und Großbritannien auch durch aufgestaute Wut angesichts der Untätigkeit der dortigen Regierungen in der Corona-Krise besonders heftig ausfielen. In jedem Fall ist auffällig, dass sich aktuell mehr als jemals zuvor in der Geschichte ein unreflektiertes „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ an lebensnahen Abbildern Bahn bricht.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Reihe nach: Den Auftakt dieser rituellen Tötungen von effigies (reale Personen imitierende Körperdarstellungen) machte das symbolische Kielholen und Ertränken der Bronzestatue des Sklavenhändlers Edward Colston, die dem einst als Wohltäter der Stadt Gefeierten 1895 in Bristol errichtet worden war. Um die Welt ging dabei vor allem das Bild, wie die demonstrierenden Denkmalstürzer in Bristol ihre Schuhe auf Kopf und Kehle des in Bronze nachgebildeten Colston setzten, bevor sie dessen Statue im Hafenbecken versenkten. In Richmond, Virginia, stürzten Demonstranten ein Standbild von Christoph Kolumbus, hüllten es in eine brennende amerikanische Flagge und warfen es in einen nahegelegenen See. In Boston trennten Demonstranten den Kopf einer anderen Kolumbus-Statue ab, nachdem die schon Tage zuvor mit blutroter Farbe übergossen worden war. Und auch in St. Paul, Minnesota, hat in der vergangenen Woche eine Gruppe von Demonstranten, angeführt von Mitgliedern des „American Indian Movement“ (AIM), eine Kolumbus-Statue gestürzt.

          Weltweit wurden in den vergangenen zwei Wochen Statuen von Christoph Kolumbus angegriffen und geschändet. Bei dieser im Bayfront Park Miami wurden während einer Demonstration am 10. Juni die Hände mit roter Farbe bemalt, um zu zeigen, dass der historische Kolumbus Blut an den Händen habe. Das Symbol der roten Faust auf der Brust droht allen „Kolonisatoren“ weitere Angriffe an.
          Weltweit wurden in den vergangenen zwei Wochen Statuen von Christoph Kolumbus angegriffen und geschändet. Bei dieser im Bayfront Park Miami wurden während einer Demonstration am 10. Juni die Hände mit roter Farbe bemalt, um zu zeigen, dass der historische Kolumbus Blut an den Händen habe. Das Symbol der roten Faust auf der Brust droht allen „Kolonisatoren“ weitere Angriffe an. : Bild: dpa

          Die Vorfälle sind aber nicht auf die englischsprachige Welt beschränkt. Protestierende im belgischen Gent haben eine Büste des belgischen Königs Leopold II. mit roter Farbe entstellt und deren Kopf mit einem Tuch bedeckt, auf dem die letzten Worte des qualvoll in Polizeigewahrsam erstickten George Floyd standen: „Ich kann nicht atmen.“ Was diese Fälle eint, ist die Abwesenheit der eigentlich Verantwortlichen für den Volkszorn – abwesend entweder banal deshalb, weil sie nicht mehr leben, oder verwickelter, weil sie sich wie etwa Donald Trump nicht verantwortlich fühlen und unerreichbar für Proteste sind. Die Demonstranten konnten des Sklavenhändlers Colston, der im siebzehnten Jahrhundert lebte, nicht mehr habhaft werden. Kolumbus ist seit einem halben Jahrtausend tot, und auch Leopold II. starb bereits 1909.

          Somit mussten die Bilder der Toten für die Bestrafung herhalten. Man beließ es nicht dabei, die Statue des Sklavenhändlers von ihrem Sockel zu stürzen: Sie wurde ebenso ins Hafenbecken geworfen und dadurch symbolisch ertränkt, wie über Jahrhunderte hinweg zahllose an den katastrophalen Bedingungen auf den Sklavenschiffen in die Kolonien gestorbene Afrikaner mitleidlos über Bord geworfen wurden. Und der für den Tod von Millionen Kongolesen verantwortlich gemachte König Leopold II. wurde in Form seiner Büste auf dieselbe Art „erstickt“, wie es dem Afroamerikaner George Floyd widerfuhr. In den Beispielen wird also an einem Bild, meist einer lebensgroßen und lebensnahen Statue der Inkriminierten, stellvertretend für einen eigentlich Angeklagten oder nicht mehr Anzuklagenden Gewalt ausgeübt, die der von den Abgebildeten mutmaßlich zu verantwortenden Gewalttaten frappierend ähnelt.

          In memoriam George Floyd: In Bristol treten Demonstranten beim Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt auf eine heruntergerissene Statue des Kaufmanns und Sklavenhändlers Edward Colston.
          In memoriam George Floyd: In Bristol treten Demonstranten beim Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt auf eine heruntergerissene Statue des Kaufmanns und Sklavenhändlers Edward Colston. : Bild: dpa

          Die Theorie zu all diesen Fällen hat Horst Bredekamp bereits 1975 mit seinem Buch „Kunst als Medium sozialer Konflikte“ geliefert. Die kunsthistorische Dissertation hebt an mit dem Zeitungsbild eines Kämpfers in Kambodscha, der gleichberechtigt neben seinem Gewehr ein Buddha-Bild hochhält. These: Wer Bilder stürmt, tötet auch Menschen. Bredekamp zeigt in seinem Buch, dass die Substitution des Gegners durch ein vernichtetes Bild in sozialen Konflikten, zu denen Kriege zählen, eine jahrtausendealte Geschichte hat. Sie geht mindestens bis in die römische und byzantinische Antike zurück und endet keinesfalls mit den mittelalterlichen Schandbildern.

          Ausgerechnet der Bildershredderer Banksy hat die Lösung

          Lebendig im Bildgedächtnis sind noch die in absentia gestürzten und geschändeten Standbilder von Saddam Hussein im Irak – ehe ihr Vorbild selbst hingerichtet wurde – und insbesondere die stellvertretend für das weltoffene und tolerante antike Palmyra vom IS vor den Augen der Weltöffentlichkeit „hingerichteten“ Standbilder des Altertums in der Wüstenstadt. Die meist im Wachsausschmelzverfahren gegossenen Bronzestatuen werden, obwohl seit der Antike als hohl diffamiert, im Akt der Gewalt als lebendiges Gegenüber empfunden; sie dienen als Substitute von Konflikten zum Aggressionsabbau.

          Schlicht, aber eben keine einfache Ausradierung der facettenreichen Geschichte: Banksys auf Instagram skizzierter Vorschlag zur Wiederaufrichtung des Denkmals von Colston „zum Gedenken an einen besonderen Tag“.
          Schlicht, aber eben keine einfache Ausradierung der facettenreichen Geschichte: Banksys auf Instagram skizzierter Vorschlag zur Wiederaufrichtung des Denkmals von Colston „zum Gedenken an einen besonderen Tag“. : Bild: Reuters

          Wie aber weiter mit all den geschändeten Denkmälern verfahren? In Bristol etwa würde eine Wiederaufstellung aktuell sicher noch gewalttätigere Proteste hervorrufen. Vom ebenso bekannten wie sich notorisch in politische Debatten einschaltenden anonymen Street-Art-Künstler Banksy, von dem nur seine Herkunft aus Bristol gesichert ist, stammt der bislang intelligenteste künstlerische Kommentar zur Zukunft der Denkmäler. Seine auf Instagram veröffentlichte Skizze kommentiert er ausdrücklich als Lösung für beide verfeindete Seiten: Die Statue Colstons möge geborgen und am alten Ort abermals aufgestellt werden. Mit dem gewichtigen Unterschied aber, dass sie bei der Neuaufstellung in gekippter Position wie kurz vor dem Umsturz montiert werden soll, mit vier durch Masken unkenntlich gemachten Protestlern ebenfalls in Bronze, die das Standbild mit Seilen vom Sockel zerren.

          Mittlerweile wurde vor dem englischen Parlamentsgebäude auch die Statue Mahatma Gandhis tätlich angegriffen. Der Grund, warum die Angreifer den Friedensaktivisten in Bronze angingen, sei, dass man ihn mit historisch schuldigen Personen verwechselt habe. Solange die derzeitige Gleichsetzung von Bildern mit echten Schuldigen nicht kritischer hinterfragt wird, dürfte es noch öfter zu solchen Verwechslungen kommen.

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