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Berliner Kongresszentrum : Die Zukunft des Monsters

Dunkle Wolken ziehen über das seit 2014 stillgelegte Kongresszentrum ICC am Messegelände. Bild: dpa

Das seit Jahren leerstehende Berliner ICC wird zehn Tage lang von Künstlern bespielt. Das zeigt: Der marode Riesenbau hat ein enormes Potential.

          4 Min.

          Wenn in Berlin das Wort „Großprojekt“ fällt, rollen alle mit den Augen. Das liegt vor allem an der jüngeren Geschichte des Großprojekts in Berlin – das neue Museum des zwanzigsten Jahrhunderts hat schon vor Baubeginn seine Kosten auf gut eine halbe Milliarde verdoppelt, am neuen Flughafen war so lange gebaut und verändert worden, dass er seinen Planern schließlich wie ein unerklärliches fremdes Ding voller seltsamer Geheimnisse erschien und man allen Ernstes Bau-Archäologen einstellen musste, die herausfinden sollten, was da eigentlich wer wann warum gemacht oder auch nicht gemacht hatte.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Dass es auch anders geht, zeigte 1979 das Berliner Kongresszentrum. Es hatte nur vier Jahre gedauert, bis am Messegelände Europas größtes Kongresszentrum stand: Die Architekten Ralf Schüler und Ursulina Witte-Schüler hatten etwas gebaut, das nicht wie eines der größten Tagungszentren der Welt aussah, sondern wie eine gigantische, auseinanderfahrbare, mit einer weltraumstrahlungsresistenten Aluminiumhülle ummantelte Maschine, die an den äußeren Enden unseres Sonnensystems bedeutende Aufgaben übernimmt. Innen erinnerte das über dreihundert Meter lange Gebäude an einen Weltraumflughafen. Draußen dominieren massive konstruktive Träger die Fassade; hier geht es nicht um Schönheit, und wenn doch, dann um eine, die André Breton „konvulsivisch“ genannt hat, um den Ausdruck von enormer Energie, großen Kräften, um die Euphorie einer Mega-Maschine: Das ICC pumpt seine bis zu 20.000 Besucher wie Blutkörperchen durch sein 200.000 Quadratmeter großes Inneres, es funktioniert wie eine kleine Stadt.

          Technisch ermüdet

          Auf 28.000 Quadratmetern Grundfläche waren zwei riesige und achtzig kleinere Säle untergebracht. Sie wurden über ein ausgeklügeltes Wegesystem mit verschiedenen Lichtfarben erschlossen und aus einem sogenannten „Gehirn“ gesteuert, einer Lichtplastik des Künstlers Frank Oehring, die über der eigentlichen Leitwarte schwebt. Sie erinnert ein wenig an den Film Metropolis und ein wenig an die Weltraumträume der Sechziger- und Siebzigerjahre. Dem Künstler und den Architekten war es gelungen, alle Techno-Utopien des 20. Jahrhunderts in eine Form zu bringen, und es ist kein Wunder, dass das ICC in vielen Filmen, vom „Bourne Ultimatum“ bis zu den „Tributen von Panem“, als Kulisse für eine wüste, aufregende Zukunftswelt diente.

          Leer und marode: Seit 2014 steht das unter Denkmalschutz stehende ICC leer.
          Leer und marode: Seit 2014 steht das unter Denkmalschutz stehende ICC leer. : Bild: Picture-Alliance

          Eine mehrgeschossige Brücke verbindet den Bau mit der alten Messe und schwebt über einer der vielspurigen Straßen; wenn man hier sitzt, hat man den Eindruck, in einer Metropole mit mindestens 20 Millionen Einwohnern zu leben. Vielleicht war das besonders damals, als Berlin noch eine geteilte, ummauerte Stadt war, eine tröstliche Illusion.

          Wie das Centre Pompidou ist auch das zwei Jahre später eröffnete ICC ein Bau aus der Zeit der großen modernen Stadtmaschinen – nur dass es hier vor allem um Kongresse ging und nicht um Kunstvermittlung für alle. Doch das könnte sich jetzt ändern: Seit Jahren gilt das bei Fertigstellung fast eine Milliarde Mark teure Gebäude als technisch ermüdet. Die Messe Berlin will es nicht weiterbetreiben, eine Sanierung würde wohl auf rund 200 Millionen Euro kommen. Die Kosten für einen Abriss wollte aber auch niemand übernehmen, und jetzt, wo es unter Denkmalschutz steht und man weiß, dass der Bausektor durch Abriss und Neubau mehr zum Klimawandel beiträgt als der weltweite Flugverkehr, erscheint die Idee eines ICC-Abrisses geradezu obszön.

          Wie eine gigantische, auseinanderfahrbare, mit einer weltraumstrahlungsresistenten Aluminiumhülle ummantelte Maschine: Das ICC aus der Luft.
          Wie eine gigantische, auseinanderfahrbare, mit einer weltraumstrahlungsresistenten Aluminiumhülle ummantelte Maschine: Das ICC aus der Luft. : Bild: Picture-Alliance

          Aber wie könnte man es nutzen? 2015 wurden hier Geflüchtete einquartiert, jetzt lässt es Thomas Oberender, Leiter der Berliner Festspiele, zu deren 70. Geburtstag unter dem bei David Bowie entliehenen Titel „The sun machine is coming down“ für zehn Tage von Künstlern bespielen. Es werden Filme und Videokunst gezeigt, Performances stattfinden, Artisten und Musiker auftreten, alle Räume werden simultan bespielt, sodass der leere Bau sich in eine Art brummenden Bienenstock verwandelt.

          Berliner Momper-Diepgen-Gemütlichkeit

          Der erste Eindruck: Das ICC sieht noch außerirdischer aus als damals, als es vollgerümpelt war mit bundesrepublikanischer Kongresstristesse, mit Stehtischen und hässlichen Tablettenherstellerständen und der ganzen Berliner Momper-Diepgen-Gemütlichkeit und so etwas von seinem utopischen Glanz einbüßte. Jetzt, leer, im Halblicht der noch funktionierenden Neonröhren, wirkt es so schön und fremd wie ein gerade vom Meeresgrund gehobenes Schiff, durch dessen Inneres Geräusche und Bilder aus fernen Zeiten und Zukünften wehen.

          Eine mehrgeschossige Brücke verbindet den Bau mit der alten Messe und schwebt über einer der vielspurigen Straßen.
          Eine mehrgeschossige Brücke verbindet den Bau mit der alten Messe und schwebt über einer der vielspurigen Straßen. : Bild: dpa

          Markus Selg hat die zehn Glasvitrinen des Foyers mit rätselhaften Objekten und Bildern gefüllt, die teils archaisch, teils nach Science-Fiction aussehen. Man hört eine Soundinstallation von Richard Janssen, Tomas Saraceno organisiert Führungen zu den im Gebäude lebenden Tieren, Monira Al Qadiris und Raed Yassins lassen Büsten mit Künstliche-Intelligenz-Stimmen über Corona reden. Im großen Fünftausendersaal, wo die Lautsprecher wie Planeten oder futuristische Riesen-Seeigel in der Luft schweben, laufen auf einer gigantischen Leinwand Videoarbeiten aus der Stoschek Collection. Der vierstündige „Freeway Dance“ von Ayaka Nakama in der zentralen Verteilerhalle zeigt, wie Tanz als eine Form von Realitätsanalyse funktionieren kann. Ein Saal wird der Erforschung des Werks des Medientheoretikers Friedrich Kittler gewidmet. Die alternative „Floating University“ macht aus dem Bau eine Erfahrungs- und Bildungseinrichtung, die zehn Tage lang außer montags jeden Tag von nachmittags bis spätabends geöffnet sein wird.

          Das ICC könnte einer der interessantesten Orte für Kunst werden, die das Land zu bieten hat.
          Das ICC könnte einer der interessantesten Orte für Kunst werden, die das Land zu bieten hat. : Bild: Picture-Alliance

          Und danach? Die Stadt erlebt gerade eine ihrer größten Strukturkrisen seit Beginn der Moderne. Durch Onlinehandel und Homeoffice verändert sie sich radikal, und man kann fragen, was in einer Stadt eigentlich noch passieren wird, wenn Arbeit und Einkaufen, wie wir es kennen, aus ihr immer mehr verschwinden. Tourismus? Berlin hat sich mit dem Schloss eine fiktive Vergangenheit zusammengebastelt; das ICC, die Ruine alter Zukunftsbilder, zeigt, wie eine mögliche Zukunft des öffentlichen Raums aussehen – und welche Rolle Kultur dabei spielen könnte. Hier wandelt man über endlose, mit psychedelischen Kreismusterteppichen belegte Korridore wie durch eine Landschaft und sitzt auf Treppen und in Nischen, in Kinosälen und vor Performances.

          Labyrinthgarten voller Fiktionen

          Gerade die jungen Berliner werden das ICC in diesen Tagen wie ein kollektives Wohnzimmer benutzen können, in dem man stundenlang herumsitzt und mal einen Film, mal ein Edit auf dem Mobiltelefon anschaut oder ziellos mit Freunden herumzieht. Man kann sich vorstellen, dass das ICC mit seinen Riesensälen für bis zu 5000 Zuschauer ein perfekter Ort für die Filmbiennale werden könnte, ein Labyrinthgarten voller Fiktionen, in dem simultan ein paar Dutzend Filme und Videos laufen. Das ICC könnte das werden, was das Museion in der Antike war – ein Abenteuerhain, in dem Erzähler aus der Ferne, Schauspieler und Künstler eine Gegenwelt möglicher anderer Lebensformen erfanden. Man könnte hier auch eine Bibliothek, Ateliers, Performancebühnen, einen ständigen Gegenort der Kunst einrichten, an den man nachmittags und abends geht, um zu schauen und sich zu treffen.

          Glanzzeit: Der Saal im ICC am Tag der Eröffnung, 2. April 1979.
          Glanzzeit: Der Saal im ICC am Tag der Eröffnung, 2. April 1979. : Bild: Picture-Alliance

          Das ICC könnte einer der interessantesten Orte für Kunst werden, die das Land zu bieten hat. Jetzt braucht es nur noch ein paar intelligente Politiker und Investoren, die hier nicht nur ein defektes Betonmonster mit Aluhaut erkennen können, sondern einen Ort für kulturelle Experimente, Feste und Erlebnisse, wie ihn die Stadtgesellschaft dringend braucht.

          The sun machine is coming down. Kunst im ICC. Internationales Kongress­zentrum Berlin, 7. bis 17. Oktober.

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