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Ausstellung im Hygienemuseum : Was das Gesicht nicht alles ist

  • -Aktualisiert am

Selbstausdruck oder Maske: Der älteste Informationsträger der Menschheit wird in einer Dresdner Ausstellung unter die Lupe genommen. Aber nicht jedes menschliche Antlitz lässt sich deuten.

          5 Min.

          Ist es nicht merkwürdig, dass im gesamten Neuen Testament das Gesicht Christi nicht ein einziges Mal beschrieben wird und wir trotzdem eine klare Vorstellung vom Aussehen Jesu haben? Nicht in den Evangelien, sondern erst in der legendarischen Überlieferung wird das Antlitz des Heilands zum Thema gemacht. So hält die heilige Veronika den Abdruck seines Gesichts auf dem Weg nach Golgatha im Schweißtuch fest. Das Neue Testament hingegen verweigert sich dem Bildniskult und folgt damit dem alttestamentlichen Bilderverbot.

          Man kann sich fragen, ob dieser Konflikt von Verzicht und Emphase unseren Umgang mit dem Gesicht nicht bis heute bestimmt. Einerseits ist das menschliche Antlitz der Teil des Gegenübers, mit dem wir uns im intersubjektiven Dialog zu realisieren glauben. Andererseits geht mit ihm die Gefahr schnöder Verdinglichung einher.

          Distanznahme bei Wahrnehmung

          Die Dresdner Ausstellung „Das Gesicht. Eine Spurensuche“ fragt nach dem Umgang mit dem Gesicht in unserer Kultur. Sie fragt nach den Möglichkeiten und Grenzen seiner Lesbarkeit als Bildnis, Ideal und Maske. Dabei setzt die gelungene Schau mit einem interessanten Prolog ein. In der Videoarbeit „Touch“ ertastet die Künstlerin Asta Groeting mit geschlossenen Augen Gesichter von Freunden und erinnert daran, dass jedes Gesicht zunächst auch eine berührbare Oberfläche ist. Zugleich macht das Werk deutlich, wie sehr unsere alltägliche Wahrnehmung des Gegenübers immer auch von einer Distanznahme begleitet wird und die Berührung des Gesichts eine Intimitätsgrenze überschreitet. Dem menschlichen Antlitz eignet etwas Bildhaftes.

          In der Schau werden vier Sektionen präsentiert, die das Gesicht als Gestalt, als Mimik und Ausdruck, aber auch als abstraktes Schema und Bildnis vor Augen führen. So werden Beispiele der Bildnistradition gezeigt, die von der Renaissance bis in die Gegenwartskunst und die zeitgenössische Selfie-Kultur reichen. Besonders eindringlich ist das Porträtfoto des ehemaligen Sklaven Frederick Douglass, der sich nach seiner Flucht im Jahr 1838 nicht weniger als 164 Mal in Fotografien ablichten ließ und dabei etablierte Würdeformeln der Porträtkunst für sich in Anspruch nahm. Das Beispiel macht deutlich, wie sehr Entrechtung auch mit Gesichtslosigkeit einhergehen kann oder etwa Selbstbestimmung und Gesicht-Haben und -Zeigen zusammengehören.

          Ebenso faszinierend ist Robert Longos großformatige Fotoarbeit einer mit einem Niqab verschleierten Frau aus dem Jahr 2010. Sie zeigt deren dunkle Augen als Mysterium, als geradezu hypnotischen Blick. Man wird angeschaut, ohne selbst in ein Gesicht zu blicken. Doch dann gemahnt der Sehschlitz in seiner Mandelform selbst an ein Auge. Trotz der Verschleierung kennzeichnet der Blick ein Subjekt. Eine skeptische Position in Bezug auf das Gesicht und dessen Pathos wird in einer Collage der Künstlerin Claude Cahun vertreten. Sie degradiert das Antlitz auf der Tafel X ihres Künstlerbuchs „Aveux non avenus“ von 1930 zum Fetisch, wenn sie es in eine Vielzahl von Gesichtern verwandelt und ironischerweise fragt, ob sich hinter jeder Maske nicht bloß eine weitere verberge. „Ich“ gibt es nur im Plural und als Veränderung.

          Gesichtszüge als Hinweis auf Wesen

          Ein eindringliches Beispiel für den Verlust des Gesichtes stellt Ernst Friedrichs Buch „Krieg dem Kriege“ aus dem Jahr 1924 dar. Bilder entstellter Kriegsveteranen führen vor Augen, dass mit der Versehrung des Äußeren zugleich die Persönlichkeit beschädigt wird und zu verschwinden droht. Mag die plastische Chirurgie uns heute nur als bloßer Schönheitswahn in den Sinn kommen, bietet sie doch die Möglichkeit, verletzte Menschen ins Leben zurückzuführen und sie aus ihrer Gesichtslosigkeit zu befreien.

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