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Hundertwasser-Bauten : Alarmstufe Kitsch

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Töpferkurs für Anfänger: Eine Frankfurter Werkschau zeigt die Bauten von Friedensreich Hundertwasser - Kitschorgien, die die Versäumnisse der zeitgenössischen Architektur anprangern.

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          Heißt es verstockt sein, wenn man Friedensreich Hundertwasser noch scheußlich findet? Nein, denn er ist scheußlich, auch wenn er nun mit einer Werkschau im Deutschen Architekturmuseum postum den Adelsschlag als Architekt erhält. Schließlich würde die Verleihung des Literaturnobelpreises an Rosamunde Pilcher auch nichts daran ändern, daß die Dame zwar rührend, aber grausig trivial schreibt.

          Genauso trivial baute Friedensreich Hundertwasser: Zwiebeltürmchen und Goldkugelspieße, Säulen, so bunt und vielwulstig wie die „Strickliesel“ selig, Wände mit Hängebäuchen, auf denen rubinrot-kobaltblau mosaizierte Schürzen kleben, Fenster, die mit jadegrünen Tränensäcken in die Welt starren wie gealterte Asta-Nielsen-Stummfilmaugen und die Großform so geknetet und gewalkt wie der Tonkloß eines Töpferkurses für Anfänger.

          Keine spielerische Freude

          Kindlich spielerisch könnte man die Bauwerke Hundertwassers nennen, frei nach Max Reinhardt, der in seiner legendären „Rede an die Schauspieler“ sagte, Künstler seien Menschen, die sehr früh beschlossen hätten, ihre Kindheit in die Tasche zu stecken und davonzulaufen. Doch er meinte die göttliche Fähigkeit zu absoluter Hingabe und Ausdauer, die Kinder aufbringen können - und die erwachsene Künstler ihre Werke mit demselben heiligen kindlichen Eifer vollbringen läßt. Hundertwassers Bauten aber sind kindisch, sie infantilisieren die Würdemotive abendländischen Bauens so, wie es sonst nur Rummelplätze oder Feriensiedlungen des Massentourismus tun.

          Auch hatte Hundertwassers Arbeiten und Auftreten als Architekt nichts von spielerischer Freude. Fanatisch attackierte er sämtliche Bauten der Moderne als „Konzentrationslager aus Beton“, um mit demselben Fanatismus seine Gebäude zu Erlösern von allen Übeln der Gegenwartsarchitektur zu verklären: „Architektur soll den Menschen erheben, und nicht gleichschalten und erniedrigen. Architektur soll für den Menschen dasein, er muß sich geborgen, er muß sich wie zu Hause fühlen können. Sie muß seine dritte Haut sein können.“ Würde aber jedermann so schöpferisch bauen wie er, „wäre das Paradies (schon) beim Nachbarn um die Ecke“. Paradiese auf Schritt und Tritt? Eine entsetzliche Vorstellung, denn damit gäbe es kein Paradies mehr.

          Menschenloser Luxuscomic

          Was Hundertwasser baute, blieb seiner Malerei verhaftet, die ihrerseits trotzig festhielt an einem Stil, der sich bald zwischen Marc Chagall, Franz von Stuck und Paul Klee auf dem Niveau eines opulenten, doch menschenlosen Luxuscomic eingependelt hatte. Im Architekturmuseum sind einige seiner frühen, schon die Architektur umkreisenden Gemälde zu sehen. Manche berühren sogar in ihrer filigranen, fast anämischen Zeichenhaftigkeit, die, in sonderbarer Verwandtschaft mit Edvard Munchs „Schrei“, an der betonharten Welt leidet. Kaum aber wurden diese Gespinste gebaute Realität, wandelten sie sich zu krähenden Kindereien, die Menschen ebenso erniedrigen wie die monotonen Trutzburgen des Betonbrutalismus.

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