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Honoré Daumier als Maler : Der Don Quichote der Moderne

  • -Aktualisiert am

Honoré Daumier, der vor zweihundert Jahren geboren wurde, hat einen beispiellosen Erfolg als Zeichner und Karikaturist gehabt. Sein malerisches Werk dagegen blieb zu Lebzeiten unbekannt und gibt bis heute Rätsel auf.

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          Der Erfolg Daumiers war einzigartig, seine Voraussetzung das Zusammentreffen einer auf Anhieb fertigen Begabung mit der explosionsartigen Ausbreitung eines neuen Bildmediums, der mit Lithographien illustrierten satirischen Wochenschrift. Seine erste Lithographie publizierte der junge Zeichner, der nur eine unvollständige Ausbildung bei wechselnden Lehrern absolviert hatte, 1829 in dem Satireblatt „La Silhouette“, und schon im nächsten Jahr kam mit dem Regierungsantritt Louis Philippes die entscheidende Bedingung für den Erfolg eines satirischen Zeichners hinzu: das politische Personal, das eine unerschöpfliche Quelle für satirische Motive ist.

          Der Bürgerkönig Louis Philippe wurde damals von dem Zeichner Philipon als Birne karikiert, ein Einfall, der nicht nur sensationell wirkte, sondern glücklicherweise auch sofort die Gerichte beschäftigte. Wie kein zweites Blatt trug „Die Birne“ zum Durchbruch der aktuellen politischen Bildsatire bei. Philipons 1830 gegründetes Wochenblatt „La Caricature“ und der zwei Jahre später gegründete „Charivari“, das erste täglich erscheinende, mit Lithographien illustrierte Blatt überhaupt, boten Daumier den idealen Schauplatz zur Entfaltung seines Talents.

          Ein riskantes Metier

          Tausende von Blättern mit tagesaktuellem Bezug publizierte Daumier in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre. Scheinbar mühelos konnte er sich neben Grandville und Gavarni, den anderen Giganten der Zeichnung, behaupten. Daumiers prägnanter, immer an traditionelle Kunst erinnernder Stil hatte ihm ein eigenes, kleinbürgerlichs Publikum zugeführt, das ihm die Treue hielt. Unriskant war sein Metier nicht, das ihn sogar 1832 für sechs Monate ins Gefängnis brachte. Wie es nur selten der Fall ist, schienen Talente und Situation präzise aufeinander abgestimmt.

          Der politische Karikaturist Daumier ist denn auch als eine ideale Verkörperung dieses Metiers im Gedächtnis geblieben, eine mächtige Figur, so tatkräftig wie unangreifbar. Balzac hat das Stichwort gegeben: Er nannte - und andere wie Baudelaire folgten ihm - Daumier den „Michelangelo der Karikatur“. Mag sich diese Charakterisierung auf die kraftvollen Figuren und ihr ausladendes Pathos bezogen haben, sie weist zugleich auf ein Ungenügen hin, das auch Daumier selbst früh empfunden haben mag. Hier schien ein Künstlertum am Werk zu sein, das bei allem Gelingen der vorgegebenen Aufgaben noch darüber hinaus drängte - zur hohen Kunst in ihrem traditionellen Verständnis. War nicht die Karikatur zugleich mehr als eine tagespolitische Intervention?

          Der tagespolitische Erfolg als Fessel

          Es waren wiederum Entwicklungen des Zeitschriftenwesens, die auch diesen Gedanken Nahrung gaben. Bald entstanden nämlich Blätter, denen die Lithographien in größerem Format beigelegt waren, als Gegenstand konzentrierter Betrachtung und als Sammelobjekt. Die satirischen Blätter lösten sich, auch unter dem Druck der Zensur, von der Tagesaktualität. Es entstanden physiognomische Bilder der Gesellschaft. Die Blicke, die Daumier in die Eisenbahnabteile der verschiedenen Klassen wirft, sind beispielhaft für eine Entwicklung ins Große und Bleibende: Format und Aquarellierung sorgen für eine allmähliche Annäherung ans traditionelle Tafelbild, die Daumier dann auch tatsächlich mit Gemäldefassungen seiner Eisenbahnszenen vollzogen hat.

          Welche Unruhe mag ihn auf diesen Weg gebracht haben? Zweifellos hielt er manche der Sujets seiner satirischen Blätter für zu Unrecht verloren an die Tagesaktualität. Bedenkt man sein republikanisches Credo, das soziale Engagement, das aus den grotesken Gegenüberstellungen von selbstherrlichen Anwälten mit ihren hilflosen Klienten spricht, aus der endlosen Serie seiner mörderischen Gerichtsszenen, so dürfte er in manchen von ihnen Sujets einer anspruchsvollen Malerei der Gegenwart gesehen haben. Der tagespolitische Erfolg seiner Blätter mag ihm wie eine Fessel vorgekommen sein.

          Das geheime malerische Werk

          Seine Zeitgenossen mochten zwar Daumiers Nobilitierungsversuche der satirischen Gattung mit Interesse verfolgen, doch sein Ehrgeiz, ein malerisches Werk zu schaffen, musste ihnen entgehen. Zu Lebzeiten hat er nichts von dem gezeigt, was in seinem Atelier entstand und erst nach seinem Tode allmählich ans Licht kam. Nur ein einziges Mal, 1848, beteiligte er sich an einem Concours, dem Wettbewerb für die Allegorie der Zweiten Republik. Ohne Zweifel handelt es sich bei seinem Beitrag um ein kapitales politisches Bild der Epoche, ohne weiteres der „Freiheit auf den Barrikaden“ von Delacroix an die Seite zu stellen. Daumier malt die ihre Kinder nährende gerechte Republik, zu ihren Füßen das lesende Proletariat. Im geheimen malerischen Werk Daumiers gibt es kein zweites, das auf den ersten Blick als öffentliche Kundgabe zu erkennen ist.

          Worum aber mag es gehen bei der immer wieder variierten Wäscherin, die sich mühsam mit Kind und schwerem Bündel über eine Brücke oder die Treppe von der Seine heraufschleppen? Sicherlich handelt es sich um eine Verklärung arbeitender Menschen, armer Leute. Fern aller Sprachmittel von Karikatur und Satire scheint ihr Umriss die einzige Linie zu suchen, die von jener Gattung noch nicht „verbraucht“ ist. Stumme Bilder für die Ewigkeit. Man greift gewiss nicht zu hoch, wenn man darin kleine Weltbilder sieht, die von der ewigen Last des Lebens handeln.

          Kunstübungen ohne Publikum

          Man muss den Abstand ausmessen, den diese nur für ihren einzigen Betrachter Daumier gemalten Atelierbilder zu seinem eigentlichen, mit stupendem Erfolg praktizierten Metier wahren, ohne dieses je in Frage zu stellen. Offenbar gab es für Daumier, wie vor allem die Gestalt Don Quichotes, des Protagonisten seiner malerischen Abenteuer, zeigt, eine Dimension des Imaginären, die nur in der reinen Malerei zu erfassen war. Don Quichote selbst ist das Symbol dieser Kunstübungen ohne Publikum. Es bleibt aber ein Rätsel, warum Daumier nie den Kontakt zu den Künstlern der Avantgarde seiner Zeit gesucht hat, denen er, wie er ohne weiteres wissen konnte, viel näher war als den Künstlern seiner Jugend. Sicherlich hat er, wie seine Allegorie der Republik zeigt, das Werk von Delacroix gekannt, und Baudelaire hat Daumier mit einer provozierenden Selbstverständlichkeit der Bewegung der Pariser Moderne zugerechnet.

          André Malraux, der Daumier gleichrangig neben Manet stellte, sieht in dem Verhältnis Daumiers zur großen Kunst seiner Generation ein tragisches Missverständnis. Wäre dessen Malerei an die Öffentlichkeit seiner Zeit gelangt, hätte man nicht übersehen können, dass er gleichzeitig mit Manet oder sogar vor ihm Entdeckungen machte, die, als das Werk verspätet bekannt wurde, zwangsläufig im Lichte der Eroberungen Manets gesehen wurden. Während Manet die Möglickeiten der modernen Malerei entschlossen ergriffen habe, habe Daumier gezögert. Offenbar sei er seinem malerischen Genie gegenüber unsicher gewesen, während er in Zeichnung, Lithographie und Karikatur nie das geringste Zögern an den Tag legte. So entsteht eine für moderne Malerei höchst merkwürdige Aufspaltung der Zeit zwischen Sichtbarkeit und Verborgenheit.

          Man kann sich fragen, ob das verborgene Werk Daumiers, wäre es an die Öffentlichkeit getreten, für den Gang der Malerei hätte folgenreich werden können. Der Meister des Zeitgenössischen hätte vielleicht ein Gegengewicht geschaffen durch Symbole des einfachen Lebens, die sich dem Zugriff der Zeit entziehen.

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