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Holzschnittkunst in Berlin : Welche christliche Heilige hätten Sie denn gern?

Sieht aus wie Aquarell, ist aber Holzschnitt: Carl Mosers „Bretonische Hochzeit“ von 1906 Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Wie bearbeitetes Holz zum künstlerischen Massenmedium der frühen Neuzeit wurde: Eine Ausstellung im Berliner Kupferstichkabinett erzählt die Geschichte des Holzschnitts.

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          Da liegt das Bild, ein heiliger Christophorus mit Wanderstab in der Hand und Christuskind auf dem Rücken, in der Vitrine. Und daneben das Negativ, aus dem es entstanden ist, ein Stück weiches Laubholz mit breiten gekerbten Flächen und tief eingeschnittenen Linien, dunkel von Farbe und Alter. Wenn man durch die Holzschnitt-Ausstellung im Berliner Kupferstichkabinett geht, in der ausgewählte Druckstöcke und -blätter nebeneinander gezeigt werden, gerät der am Gemälde geschulte Werkbegriff der bildenden Kunst ins Wanken.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn das Werk, das Ge­mach­te, ist eindeutig das be­ar­bei­tete Holz. Aber im Bild, seinem Abdruck, steckt wiederum der ganze Ausdruck, die Idee. Noch stärker tritt diese Doppelgesichtigkeit bei farbigen Holzschnitten hervor. John Baptist Jacksons „Italienische Landschaft“ von 1744 wirkt von Weitem wie ein Stück Malerei, erst im Näherkommen bemerkt man die scharfen Umrisse der Bäume und Gräser. Um neun verschiedene Farben vom Holz auf das Papier übertragen zu können, entwickelte Jackson eine spezielle Presse. Die Komposition stammt freilich nicht von ihm, sondern von dem Barockmaler Marco Ricci. Der künstlerische Entwurf des Italieners und die technische Meisterschaft des Briten gehen im fertigen Druck eine einmalige Verbindung ein.

          Ein Klassiker des Holzschnitts: Albrecht Dürers „Rhinozeros“ in einer Version von Willem Janssen, um 1620
          Ein Klassiker des Holzschnitts: Albrecht Dürers „Rhinozeros“ in einer Version von Willem Janssen, um 1620 : Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

          Die Geschichte des mo­dernen Holzschnitts be­ginnt mit der Entstehung der europäischen Papierwirtschaft. Schon Jahrhunderte zuvor wurde in China und der arabischen Welt Papier hergestellt, aber erst im spätmittelalterlichen Europa begann die Massenproduktion. Die alte Technik des Holzdrucks bemächtigte sich des neuen Materials, sobald es in ausreichenden Mengen erhältlich war. Im fünfzehnten Jahrhundert wurden sogar Bücher aus Holzma­tri­zen gedruckt, bevor Gutenbergs Bleilettern jedes andere Verfahren ersetzten. Gleichzeitig experimentierte man mit Farb- und Kontrasteffekten. Eine Madonna auf der Mondsichel von 1460 ist mit feinem Pinsel in Rot- und Grüntönen koloriert, eine Maria in der Glorie von 1501 im Weißlinienschnitt illuminiert, sodass die Flammen um ihren Leib ihr dunkles Ge­sicht zu beleuchten scheinen.

          Die Schau im Kupferstichkabinett eröffnet eine Ausstellungsreihe, die mit dem ästhetischen Reichtum verschiedener Gattungen zugleich deren technische und historische Bedingungen erkunden will. Im Fall des Holzschnitts wird daraus auch eine Lektion in künstlerischer Ökonomie. Albrecht Dürers Ehefrau Agnes hatte einen Verkaufsstand auf dem Nürnberger Wo­chen­markt und fuhr regelmäßig zu den Messen in Frankfurt und Leipzig, um die Holzschnitte ihres Mannes unters Volk zu bringen; die Virtuosität im Umgang mit Geißfuß, Grab- und Rundstichel bei der Landschafts- und Figurenzeichnung schlug sich dabei direkt im Kaufpreis nieder.

          Antiker Held mit Keule: Christoffel  Jä­ger nach Peter Paul Rubens, „Herkules erschlägt die Missgunst“, um 1630
          Antiker Held mit Keule: Christoffel Jä­ger nach Peter Paul Rubens, „Herkules erschlägt die Missgunst“, um 1630 : Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

          Dürers Schüler Hans Springinklee ging im Einsatz des neuen Verfahrens zur Gewinnschöpfung noch einen Schritt weiter. Wie seine Druckplatten zu einer weiblichen Heiligen aus dem Jahr 1520 zeigen, konnte er aus der Märtyrerin Ursula mit Pfeilbündel im Handumdrehen eine heilige Dorothea, Katharina, Barbara oder Margaretha machen, indem er einfach die entsprechenden Attribute austauschte. Der Aufstieg des Holzschnitts ist von der in­du­stri­el­len Frühgeschichte Europas nicht zu trennen: Er schuf die Bild- und Bildungswelten, in denen das gewerbetreibende Bürgertum seinen neu gewonnenen Wohlstand zelebrierte.

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