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Kunstmuseum in Jerusalem : Fassade mit Einschusslöchern

Die Familie von Holtzbrinck hat bislang das „Museum on the Seam“ in Jerusalem unterstützt. Jetzt zieht sie sich als Mäzen zurück. Wie geht es mit der einzigartigen Kultur- und Begegnungsstätte nun weiter?

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          Autos und Straßenbahnen brausen vorbei. Wie ein verwitterter Fels in der Brandung erhebt sich die Villa neben der vierspurigen Straße im Zentrum von Jerusalem. Der rötliche Stein der Fassade ist von Einschusslöchern übersät. Die Fenster unter den hohen Bögen sind zugemauert. Nur für schmale Schießscharten wurde Platz gelassen: Bis 1967 hatten sich israelische Soldaten in dem herrschaftlichen Haus der Familie des arabischen Architekten Anton Baramki verschanzt. Zwei Kriege hat das Gebäude überlebt, das heute das „Museum on the Seam“ beherbergt. Doch nun ist der kulturelle Vorposten unmittelbar an der Grenze zwischen dem jüdischen Westen und dem arabischen Osten der Stadt akut gefährdet. Die deutsche Verlegerfamilie von Holtzbrinck, die das Museum und seine Vorläufer jahrzehntelang großzügig unterstützte, zieht sich als Mäzen zurück.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Wenn sich kein neuer Sponsor findet, werden vom nächsten März an die Türen des Hauses geschlossen bleiben, das die Zeitung „New York Times“ zu den „29 führenden Kunstorten auf der Welt“ rechnet. Dann endet die im November eröffnete Ausstellung, die deutlich macht, welch großer Verlust Jerusalem droht, sollte es keinen neuen Unterstützer für das „soziopolitische Museum für zeitgenössische Kunst“ geben. Sie trägt den Titel „Nicht geschützte Zone“. An vielen Orten weisen in Israel Schilder auf Hebräisch auf eine „Geschützte Zone“ hin; das sind befestigte Schutzräume für den Kriegs- und Krisenfall. „Das ist eine Illusion, denn wir leben in einer Zeit, in der das Gefühl der Sicherheit verlorengegangen ist“, sagt Raphie Etgar, der das Museum 1999 gegründet hat und bis heute leitet. Umso wichtiger ist es nach seiner Meinung, dass jeder Einzelne selbst Verantwortung übernimmt - und die Menschen aufeinander zugehen.

          An der Trennlinie der Stadt

          Raphie Etgar ist mit seinem Haus an der historischen Trennlinie mitten in der Stadt einer der wenigen Grenzgänger in Israel geblieben, die nicht aufgeben. Die 1932 erbaute arabische Villa ist der perfekte Ort dafür: Neben ihr befand sich von 1948 bis zum Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 das Mandelbaum-Tor, der einzige Übergang zwischen dem jüdischen Westteil der Stadt und dem von Jordanien kontrollierten Osten. Im Museum sind die Maschinengewehrstellungen erhalten, von denen aus die israelischen Soldaten die Grenze und den Kontrollpunkt bewachten. In den vergangenen Monaten ist die Gewalt ins Herz Jerusalems zurückgekehrt. An der Straßenbahnhaltestelle vor dem Museum patrouillieren Polizisten mit schusssicheren Westen. Entlang der Schnellstraße, die in Richtung des Damaskus-Tors und der Stadtmauer führt, verübten Palästinenser seit dem vergangenen Jahr mehr als ein Dutzend Anschläge mit zahlreichen Toten.

          Juden und Araber, die auf beiden Seiten der Straße in Sichtweite leben, gehen sich in Jerusalem noch mehr aus dem Weg. Doch Raphie Etgar geht unbeirrt seinen eigenen Weg. Der israelische Künstler, der sich zuvor als Posterdesigner und Art Director des S. Fischer Verlags auch in Deutschland einen Namen gemacht hat, will den Besuchern seines Museums die Augen für den anderen öffnen. „Hier ist kein Kunsttempel. Man kann in Museen Frieden schließen“, sagt Etgar. Das gilt nicht nur für Israelis und Palästinenser. Auf der jüdischen Seite liegt das Museum wie eine Insel im ultraorthodoxen Viertel Mea Schearim. Von der Dachterrasse aus sind unten die Schüler einer Jeschiwa zu hören, wie sie mit Schläfenlocken und Kippa auf dem Kopf im Pausenhof toben. Der Plattenbau nebenan ist durch mehrere jüdische Frauen bekannt geworden, die dort leben. Sie werden jüdische Taliban genannt, weil sie sich aus religiösen Gründen genauso verschleiern wie strenggläubige Musliminnen in Afghanistan. Die unsichtbaren Mauern zwischen den Welten in Jerusalem sind oft höher als die Barrieren aus Beton und Stacheldraht. Aber es kommen auch strenggläubige Juden und Araber ins Museum - nur selten gemeinsam, meistens in getrennten Gruppen.

          Zusammenprall der Kulturen

          „Coexistence“ hieß die erste Ausstellung, die das Museum in dem Jahr zusammenstellte, als die zweite Intifada mit ihrem Selbstmordterror begann. „Dead End“ setzte sich später mit Gewalt in der israelischen Gesellschaft auseinander, „West End“ mit den Konsequenzen des Zusammenpralls der islamischen mit der westlichen Welt. Aber es ging auch um Themen, die Fromme und Säkulare, Araber und Juden gleichermaßen betreffen, wie Angst, Proteste und das Verhältnis von Mensch und Tier. „Das Museum nutzt die Sprache der Kunst, um eine Botschaft zu übermitteln“, sagt Etgar. Werke von Anselm Kiefer, William Kentridge und Wim Wenders waren in Jerusalem schon zu sehen. Selbstverständlich auch Künstler aus arabischen und islamischen Ländern, die zum größten Teil mit Israel noch keinen Frieden geschlossen haben. In keinem anderen Museum in Jerusalem und Tel Aviv sind sie so häufig und regelmäßig ausgestellt. Sie kommen aus Dubai, Iran, Afghanistan, Ägypten, Palästina oder sind arabische Israelis wie Fouad Agbaria. Von ihm stammt in der neuen Ausstellung ein Selbstporträt, das spüren lässt, wie sehr die arabische Minderheit fast sechzig Jahre nach der Staatsgründung immer noch ihren Platz in Israel sucht. Es zeigt einen Mann, der vor einem hintergrundlosen Bild im Raum zu schweben scheint.

          Arabische und muslimische Künstler stellen in dem Museum aus, weil sie wissen, dass es unabhängig ist: Es erhält keine staatliche Unterstützung. Diese Unabhängigkeit ist jedoch wegen des Rückzugs der deutschen Mäzene bedroht. Die „Jerusalem Foundation“, über die bisher die Mittel aus Deutschland flossen, sucht nach neuen Sponsoren. Die einst von Teddy Kollek gegründete Stiftung bemüht sich zudem um eine offizielle Anerkennung: Dann könnte das Museum staatliche und städtische Fördergelder bekommen. Aber mit einer vom Staat Israel unterstützten Institution wollen die meisten arabischen Künstler nichts zu tun haben.

          Erinnerung an das geteilte Berlin

          Für die Familie Holtzbrinck stellte sich schon im vergangenen Jahr die Frage nach der künftigen Ausrichtung des Museums. „Die anstehende umfangreiche Renovierung und das bevorstehende Erreichen der Altersgrenze des Museumsdirektors haben dazu geführt, unser Engagement nach mehr als dreißig Jahren zu überdenken“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Stefan von Holtzbrinck. Für eine Übergangszeit wird die deutsche Verlegerfamilie noch eine Art Grundunterstützung zur Verfügung stellen. Danach wollen sich die Holtzbrincks stärker Projekten wie dem israelisch-deutschen Jugendaustausch zuwenden.

          Den Firmengründer Georg von Holtzbrinck hatte der Bau an der alten Trennlinie in den achtziger Jahren auch deshalb so fasziniert, weil er ihn an das damals noch geteilte Berlin erinnerte. Zusammen mit dem legendären Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek, mit dem er befreundet war, verwandelte er den Armeestützpunkt in einen Außenposten für Toleranz und Koexistenz. Nun hoffen die Nachkommen Georg von Holtzbrincks, dass sich rechtzeitig neue Mäzene für das Museum begeistern. Gelingt das nicht, würde die Immobilie in dem überbevölkerten ultraorthodoxen Viertel sicher nicht lange leerstehen.

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