https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/holtzbrinck-zieht-sich-aus-jerusalemer-museum-on-the-seam-zurueck-13965913.html

Kunstmuseum in Jerusalem : Fassade mit Einschusslöchern

Zusammenprall der Kulturen

„Coexistence“ hieß die erste Ausstellung, die das Museum in dem Jahr zusammenstellte, als die zweite Intifada mit ihrem Selbstmordterror begann. „Dead End“ setzte sich später mit Gewalt in der israelischen Gesellschaft auseinander, „West End“ mit den Konsequenzen des Zusammenpralls der islamischen mit der westlichen Welt. Aber es ging auch um Themen, die Fromme und Säkulare, Araber und Juden gleichermaßen betreffen, wie Angst, Proteste und das Verhältnis von Mensch und Tier. „Das Museum nutzt die Sprache der Kunst, um eine Botschaft zu übermitteln“, sagt Etgar. Werke von Anselm Kiefer, William Kentridge und Wim Wenders waren in Jerusalem schon zu sehen. Selbstverständlich auch Künstler aus arabischen und islamischen Ländern, die zum größten Teil mit Israel noch keinen Frieden geschlossen haben. In keinem anderen Museum in Jerusalem und Tel Aviv sind sie so häufig und regelmäßig ausgestellt. Sie kommen aus Dubai, Iran, Afghanistan, Ägypten, Palästina oder sind arabische Israelis wie Fouad Agbaria. Von ihm stammt in der neuen Ausstellung ein Selbstporträt, das spüren lässt, wie sehr die arabische Minderheit fast sechzig Jahre nach der Staatsgründung immer noch ihren Platz in Israel sucht. Es zeigt einen Mann, der vor einem hintergrundlosen Bild im Raum zu schweben scheint.

Arabische und muslimische Künstler stellen in dem Museum aus, weil sie wissen, dass es unabhängig ist: Es erhält keine staatliche Unterstützung. Diese Unabhängigkeit ist jedoch wegen des Rückzugs der deutschen Mäzene bedroht. Die „Jerusalem Foundation“, über die bisher die Mittel aus Deutschland flossen, sucht nach neuen Sponsoren. Die einst von Teddy Kollek gegründete Stiftung bemüht sich zudem um eine offizielle Anerkennung: Dann könnte das Museum staatliche und städtische Fördergelder bekommen. Aber mit einer vom Staat Israel unterstützten Institution wollen die meisten arabischen Künstler nichts zu tun haben.

Erinnerung an das geteilte Berlin

Für die Familie Holtzbrinck stellte sich schon im vergangenen Jahr die Frage nach der künftigen Ausrichtung des Museums. „Die anstehende umfangreiche Renovierung und das bevorstehende Erreichen der Altersgrenze des Museumsdirektors haben dazu geführt, unser Engagement nach mehr als dreißig Jahren zu überdenken“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Stefan von Holtzbrinck. Für eine Übergangszeit wird die deutsche Verlegerfamilie noch eine Art Grundunterstützung zur Verfügung stellen. Danach wollen sich die Holtzbrincks stärker Projekten wie dem israelisch-deutschen Jugendaustausch zuwenden.

Den Firmengründer Georg von Holtzbrinck hatte der Bau an der alten Trennlinie in den achtziger Jahren auch deshalb so fasziniert, weil er ihn an das damals noch geteilte Berlin erinnerte. Zusammen mit dem legendären Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek, mit dem er befreundet war, verwandelte er den Armeestützpunkt in einen Außenposten für Toleranz und Koexistenz. Nun hoffen die Nachkommen Georg von Holtzbrincks, dass sich rechtzeitig neue Mäzene für das Museum begeistern. Gelingt das nicht, würde die Immobilie in dem überbevölkerten ultraorthodoxen Viertel sicher nicht lange leerstehen.

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