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Hirsts Hai : Unfrischer Fisch

Wenn die neunziger Jahre ein ikonisches Kunstwerk haben, so ist es der in Formaldehyd eingelegte Tigerhai von Damien Hirst. Nun aber löst der Hai sich auf. Darf man ihn austauschen, oder würde das Kunstwerk dadurch verfälscht?

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          Wenn die neunziger Jahre ein ikonisches Kunstwerk haben, so ist es der in Formaldehyd eingelegte Tigerhai des Engländers Damien Hirst. Der Behälter mit dem toten Raubtier ist eines der eindrucksvollsten Sinnbilder der Vergänglichkeit, das die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in der Kunst hervorgebracht hat. Der Titel des Werks lautet im Original „The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living“ - am elegantesten übersetzt als „Die physische Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden“.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Diese genuine Vanitas vanitatum - löst sich selbst auf: Das Inbild eitler Selbstgewißheit verliert seine scharfe Kontur, der tote Leib wird schlaff, die umgebende Flüssigkeit trübt sich - kurz, die ausgestellte Kreatur spielt nicht mehr mit. Es wird noch einmal auf eine ganz andere Weise ernst mit dem „Memento mori!“. Das „erinnere dich an den Tod!“ greift nicht mehr nur vom intakten Präparat des gefährlichen Tiers auf den Besucher über. Fortschreitende Verwesung ist nicht vorgesehen im Konzept. Oder doch?

          So skandalös wie nachhaltig

          Damien Hirst war der Anführer der „Young British Artists“, jener aufsässigen Gruppe von Künstlern, die in den neunziger Jahren die Kunst wieder mitten in die Gesellschaft getrieben haben, mit zornigen Parabeln auf Leben, Sex und Tod. Pate der „YBA“ war der britische Werbe- und Sammlermogul Charles Saatchi; ihr kollektiver Auftritt in der „Sensation“-Schau, der 1997 in der Londoner Royal Avademy startete, war so skandalös wie nachhaltig, für die Kunst und für den Markt. Saatchi, der gnadenlose Impresario, hatte das Werk 1991 bei Damien Hirst in Auftrag gegeben.

          Der Künstler ließ den Hai eigens vor der australischen Küste fangen, töten und nach England verfrachten; das kostete ihn 6000 Pfund. Für das fertige Werk - den knapp vier Meter langen, weiblichen Hai, aufgehängt in seinem Chemikalienbad - bezahlte Saatchi damals 50.000 Pfund. Und Saatchi behielt das mehr als fünf Meter lange, mehr als zwei Meter hohe und breite Aquarium zunächst auch noch, als er Anfang 2004 sämtliche Werke Hirsts verkaufte, in einem bisher einmaligen Coup übrigens zurück an den Künstler selbst und seinen Galeristen Jay Jopling. Ende 2004 aber kam dann ein unwiderstehliches Angebot: Vermittelt durch den amerikanischen Super-Händler Larry Gagosian, ging das Werk an den in Greenwich, Connecticut, lebenden Hedge-Fonds-Manager Steven A. Cohen, der seit einiger Zeit Kunst nach der Devise akkumuliert, daß ihm das Teuerste, was der Markt bietet, gerade gut genug ist. Cohen bezahlte eine nie präzise genannte Summe dafür, die im Bereich von 6,5 Millionen Pfund oder gut 12,5 Millionen Dollar liegt, umgerechnet sind das gut neun Millionen Euro.

          Wird der Hai ausgetauscht?

          Die Konserve des Schreckens sah schon seit einiger Zeit nicht mehr frisch aus, und jetzt heißt die Nachricht lapidar: Hirst spricht mit Cohen darüber, den Hai auszutauschen. Dessen Zustand hat sich dramatisch verschlechtert. Die Haut des Tiers zeigt Verschleißerscheinungen; die Brühe, in der es hängt, ist trübe geworden.

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