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Walter Schels in Darmstadt : Das unverstellte Gesicht

Kurzer Moment der Ruhe: Der Gepard, 1982, im Kontakt zum Fotografen. Bild: Walter Schels

Seit fünf Jahrzehnten fotografiert Walter Schels Menschen und Tiere. Im Hessischen Landesmuseum Darmstadt sind schwarz-weiße Aufnahmen zu sehen, die ihn als Meister des Porträts zeigen.

          3 Min.

          Ruhig schaut der Gepard den Betrachter an. Den Kopf hält er leicht schräg, sein Blick erscheint fast nachdenklich. Auf diesen Moment hat Walter Schels gewartet, um seine Aufnahme zu machen. Die Fotografie zeigt eine Raubkatze, die aussieht, als wolle sie dem Betrachter etwas mitteilen. „Es entsteht ein Kontakt, ein Dialog mit dem Tier“, beschreibt Schels diesen Moment. „Das ist für mich die Kunst an diesem Foto.“

          Katharina Deschka
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn ruhig sei der Gepard bei der Begegnung keineswegs gewesen, erzählt Schels. Er sei in seinem Käfig hochgesprungen, habe die Zähne gefletscht: „ein wildes Tier“. Trotzdem hat Schels in der geöffneten Tür fotografiert. Nur der Wärter stand mit einem Haken bereit, um die Tür schnell zuzuziehen, sollte der Gepard zum Sprung ansetzen.

          Über die aufregenden Bedingungen beim Entstehen seiner Fotografien berichtet Walter Schels in der ihm gewidmeten Ausstellung im Hessischen Landesmuseum Darmstadt am Tag der Eröffnung. Und auch davon, wie er Tiere porträtieren möchte: „Auf Augenhöhe“, sagt Schels – und genauso wirken seine Aufnahmen von Löwe, Schaf, Bär, Eule, Huhn, Elefant und Schwein. Er präsentiert sie als Individuen. Alle Tiere fotografiert er dazu – von einigen großen und gefährlichen Exemplaren abgesehen – in seinem Studio, klassisch vor neutralem Hintergrund. Sogar einen Bären, der mit seinem Betreuer in sein Atelier kam und den er auf seinem Sofa sitzen ließ.

          Tiere können sich nicht verstellen

          Bis 8. Januar 2023 sind einige von Walter Schels Tierbildern im Hessischen Landesmuseum zu sehen, als Teil einer Präsentation von insgesamt 166 seiner schwarz-weißen Fotografien. Nach Schels Retro­spek­tive 2019 in den Hamburger Deichtorhallen hat man sich in Darmstadt für vier seiner bekanntesten Fotoserien entschieden: Neben den Tierporträts werden die Porträtserien zu Joseph Beuys und Andy Warhol gezeigt, außerdem die Serie TRANS*, die den Prozess der Geschlechtsumwandlung transsexueller Jugendlicher begleitet, und die Blumenstudien, die im Verblühen eine ganz eigene Schönheit erkennen.

          Mit den Tierporträts und den Serien zu Beuys und Warhol passe das fotografische Werk Schels ideal ins Hessische Landesmuseum Darmstadt, sagte Direktor Martin Faass mit Hinweis auf die Zoologische Sammlung und den Block Beuys. Mit der Schau setzt das Museum außerdem seine Reihe zu zeitgenössischer Fotografie fort, die es voriges Jahr mit der Peter-Lindbergh-Ausstellung begonnen hat.

          Nicht ohne Kamera: Walter Schels in seiner Ausstellung im Landesmuseum Darmstadt. Bilderstrecke
          Walter Schels in Darmstadt : Das unverstellte Gesicht

          Im Vergleich zu Lindbergh, der Stars glamourös in Szene setzt, fällt die sensible und zurückhaltende Vorgehensweise von Schels noch deutlicher ins Auge: Walter Schels, den Faass als „Meister der Porträts“ bezeichnet, ist ja auf der Suche nach dem authentischen Gesicht, weswegen er auch Tiere gerne fotografiert, die sich nicht verstellen können. Sein Moment ist jener, in dem der Porträtierte sich hingibt und loslässt – die Miene nicht mehr „vorteilhaft“ lächelnd verzieht und nicht mehr posiert.

          So entstehen intime und kraftvolle Por­träts, die etwas vom Wesen der Abgebildeten offenbaren. Sogar bei Prominenten wie Angela Merkel oder dem Dalai Lama ist es Schels gelungen, sie abseits von eingeübten Posen zu zeigen. Die in Darmstadt zu sehenden Aufnahmen von Andy Warhol und Joseph Beuys machen Schels’ Kunst des Porträtierens deutlich, auch weil die beiden Künstler so unterschiedlich sind: Warhol eher zugeknöpft und formell, Beuys so charismatisch. Auch schwierige, angstbesetzte Themen scheut der 1936 in Landshut geborene Schels nicht, der zunächst als Schaufensterdekorateur in Barcelona, Kanada und Genf arbeitete, bevor er 1966 nach New York ging, um Fotograf zu werden, 1970 in München sein eigenes Studio eröffnete und für Magazine wie „Stern“ und „Geo“ arbeitete: Er hat im Laufe von fünf Jahrzehnten, in denen er sich wie kaum ein anderer Fotograf seiner Generation mit dem Porträt beschäftigte, im Hospiz Sterbende begleitet, hat Tote ebenso aufgenommen wie Neugeborene, immer mit großem Respekt für die von ihm Por­trä­tier­ten. „Das Andersartige hat mich schon immer interessiert“, sagt Schels.

          Das wird ein weiteres Mal in seiner jüngsten, noch laufenden Studie über Hamburger Jugendliche deutlich, die ihr Geschlecht ändern wollen. Schels begleitet sie über Jahre, offen blicken die noch sehr jungen Menschen in die Kamera. Von ihren Schwierigkeiten erfährt man eher etwas in den Interviews, die Schels mit ihnen gemacht hat und die im Hintergrund auf einem Bildschirm laufen. Sieht man die Operationsnarben auf der nackten Brust von Fynn, erahnt man höchstens, was er durchmachen musste. Einen Schmerz könne man erst nachvollziehen, wenn man ihn selbst erlitten habe, sagt Schels vor den Bildern. Dass man sich dennoch mehr in andere hineinzuversetzen versucht und sie in ihrer Schönheit und Fremdheit wahrnimmt, dazu tragen Schels’ Porträtaufnahmen bei.

          Walter Schels. Fotografien; bis 8. Januar, Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1. Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.

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