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„Heimat“-Fotografie : Mehr Innerlichkeit als Außenwelt

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Fern, verschollen, unwirklich: In Regensburg zeigen deutsche und osteuropäische Fotografen, was sie unter Heimat verstehen.

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          Die Fotografie unterscheidet sich von anderen Medien in auffälliger Weise. Vor allem soll sie das festhalten, was vor unseren Augen in jedem Moment zu verschwinden droht. Fotografien dienen der Erinnerung. Und der Konstituierung von Identität, die es ohne Gedächtnis, dem Sinn für das, was war, nicht geben kann.

          Heimat ist sehr viel mehr als der reale Ort unserer Herkunft. Für die dreizehn zwischen 1963 und 1985 geborenen Fotografinnen und Fotografen aus Deutschland und Osteuropa, deren Arbeiten jetzt in der Ausstellung „Heimat?“ zu sehen sind, ist sie vor allem eines: fern, verschollen, keine selbstverständliche Realität mehr, sondern ein Gedächtnis- und Sehnsuchtsraum, mehr Sache einer beschädigten Innerlichkeit als einer intakten Außenwelt. Bei der Bulgarin Vesselina Nicolaeva und der Rumänin Dana Popa sind die Menschen dort daheim, vorläufig und prekär, wo sie Arbeit, Familie und Freunde haben, mit denen sie sich halbwegs verstehen. Bei Jessica Backhaus zeigt sich Heimat, manchmal verzweifelt, in Interieurs und Fetischobjekten, die Zugehörigkeit simulieren.

          Die Ausstellung mit fast zweihundert Fotografien besteht aus einem vergangenheits- und einem gegenwartsbezogenen Teil. Beide haben mit dem Stiftungsauftrag der 1966 gegründeten Ostdeutschen Galerie zu tun. Ursprünglich ging es um Archivierung und Präsentation der Arbeiten von Künstlern aus den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten in Osteuropa; nach 1989 auch um die Auseinandersetzung mit Gegenwartskunst in den ehemaligen sozialistischen Staaten Ost- und Südosteuropas. Um die Verzeichnung von Verlusten, die jede Veränderung mit sich bringt, geht es in beiden Fällen; und außerdem um die krisenhaften Erfahrungen in Transformationsgesellschaften, die irritieren, weil nichts mehr sicher und verlässlich ist, weil nicht die Kontinuitäten normal sind, sondern die Brüche.

          Sind diese dokumentarisch-konzeptuell, in Bilder-Serien arbeitenden Fotografen politisch? Nicht im engeren, oberflächlichen Sinn. Eher sind sie Ethnographen, die Neuland erkunden und, wie etwa Andrej Krementschouk, den Resten einer Geschichte, die vom Verschwinden bedroht ist, eine wehmütige Poesie abgewinnen. Wobei beides, Wehmut und Poesie, sich nicht nur den bröckelnden Gegenständen, den unordentlichen Szenerien verdanken, sondern auch der fotografischen Methode. An- und Ausschnitte und eine entschiedene Unschärfe bestimmen den Blick auf eine Welt, die einmal Heimat war und vielleicht wieder Heimat werden kann, einstweilen aber ein Niemandsland und ein Zwischenraum ist, die sich allen Imaginationen öffnen.

          Ein Bild von Frank Mädler zeigt einen Baum, der mitten in einem Schneehaufen steht und dessen längst laublose Zweige eine Fülle roter Äpfel tragen. Im Hintergrund sieht man, halb verschwommen, Häuser, Scheunen, einen Zaun, eine Straße. Mädlers Langzeit-Studie entstand in einem tschechischen Ort, der, als er noch deutsch war, Wiesen hieß. Alles, was er hier wahrnimmt an baufälliger Architektur, an Alltagsmotiven, erinnert ihn an Erzählungen seines Vaters, der 1945 aus Böhmen vertrieben wurde. Aber zu keinem Zeitpunkt war von einem Rückkehr-Wunsch die Rede. Auch der Sohn ist frei davon. Was ihn dennoch packt, wenn er solche Orte sieht, für die es bisher nur Worte gab, keine Bilder, ist eine heftige, tiefreichende Erinnerung. Dieses Rumoren des Identitätsgefühls bleibt freilich privat, wird nie Politik.

          Heimat, mit der nicht nur Orte, sondern auch Zeiten, Personen, Kultur und Gewohnheiten gemeint sein können, ist in dieser facettenreichen Ausstellung nicht Sache einer unmittelbaren Wahrnehmung oder gar eines Besitzes, sondern der Reflexion. Politischer wird es, wenn es um Migration geht. Man hat aus Not seine Heimat verlassen, ohne in einer neuen wirklich angekommen zu sein. Ein wenig plakativ zeigt das Joachim Hildebrand in seiner „Neue Heimat“-Serie, die sofort eine Fülle von Assoziationen auslöst. Schließlich steht der Gewerkschafts-Baukonzern für eine der exemplarischen Pleiten der alten Bundesrepublik. Statt der deutschen Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg bewohnen längst heutige Migrantenheere die allmählich verfallenden Wohnungen.

          Wenn es um Heimat geht, verschiebt sich dauernd alles. Ingar Krauss porträtiert Wanderarbeiter, Annette Hauschild Roma aus Osteuropa, die überall unerwünscht sind und hin und her geschoben werden. Was man zu sehen bekommt, ist beides: Verfall, Anomie und Stolz, verzweifelte, manchmal auch ironische Selbstbehauptung. Anscheinend gibt es Heimat nur noch für Augenblicke. Für Dauer sorgt bloß der Tand, den die Menschen mit sich herumschleppen.

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