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Berliner Stadtschloss : Dieses Haus hat seinen Leitstern verloren

Redende Köpfe und sprechende Masken: Ein Blick in die Ausstellung „Nach der Natur“ der Humboldt-Universität Bild: dpa

Das Humboldt-Forum öffnet seine Türen mit sechs Ausstellungen von unterschiedlichem Format. Den Geist der Brüder Humboldt sucht man in den meisten von ihnen vergebens.

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          Inzwischen scheut man sich, das Wort „Vision“ für das Humboldt-Forum zu gebrauchen. Es passt nicht mehr zu dem Gebäude, das in den letzten acht Jahren auf dem Berliner Schlossplatz gegenüber der Museumsinsel entstanden ist. Dabei war das Wort in aller Munde, als vor zwanzig Jahren die Kommission Historische Mitte Berlin, ein Gremium internationaler Experten, ihre Arbeit aufnahm. Gesucht wurde eine schlüssige Antwort auf die Frage, wie der Platz nach dem Abriss des Palasts der Republik bebaut werden sollte. Die Kommission empfahl ein Gebäude in der Kubatur, also den Formen des Berliner Hohenzollernschlosses, dessen Inhalt aus dem Geist der Brüder Humboldt entwickelt werden sollte: mit Museen, Bildungseinrichtungen, Veranstaltungsräumen. Der Bundestag stimmte zu, ein Budget wurde bewilligt, ein Gestaltungswettbewerb ausgelobt, ein Siegerentwurf gekrönt. Das alles dauerte weniger als ein Jahrzehnt.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein weiteres Jahrzehnt später steht man vor dem fertigen Bau und fragt sich, wo die Vision geblieben ist, die damals beschworen wurde. Dass ein Konzept bei seiner Konkretisierung Federn lässt, ist nicht ungewöhnlich. Aber im Fall des Humboldt-Forums ist die Ernüchterung fundamental. Sie betrifft nicht nur den lieblosen, ebenso protzigen wie piefigen Innenausbau der Schlossreplik. Sie gilt vor allem der Art und Weise, mit der das Forum das Versprechen umsetzt, das in seinem Namen liegt: Humboldt.

          Die kleinste Schau widmet sich den Humboldt-Brüdern

          Eine einzige der sechs Ausstellungen, die seit gestern im Humboldt-Forum zu besichtigen sind, ist den Brüdern Humboldt gewidmet. Es ist zugleich die kleinste der von der Intendanz, der Stiftung Berliner Stadtmuseum und der Humboldt-Universität verantworteten Präsentationen. Sie besteht aus mehreren Fensterbildern und etwa zwei Dutzend Schautafeln im Parterre des Treppenhauses, das die vier Stockwerke des Forums verbindet. Auf den Tafeln erfährt man unter anderem, dass sich Wilhelm von Humboldt für die Sprache der Cherokee interessierte und Alexander für die Klimazonen der Erde. Die Fenster zeigen verpixelte Porträts der Brüder, Segelschiffe und Eingeborene, die gegen Kolonialsoldaten kämpfen. Darüber stehen Schlagwörter wie „Rebellion, Kolonialwaren, négritude, Unfreiheit“. David Blankenstein, der Kurator dieser Schau, hat vor zwei Jahren zusammen mit Bénédicte Savoy die Ausstellung zu den Humboldts im Deutschen Historischen Museum eingerichtet. Im Forum, das ihren Namen trägt, ist er weit unter sein eigenes Niveau gegangen. Mehr war nicht drin, scheint dieses Schautafel-Gerippe zu sagen, aber auch: Mehr haben wir nicht gewollt.

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          Den Brüdern Humboldt begegnet man auch in der Ausstellung „Berlin global“ des Stadtmuseums im ersten Stock. Für deren Foyer hat das spanische Künstlerduo How und Nosm einen über drei Wände laufenden Kolonial-Comic gemalt. Er zeigt weinende Afrikaner und Südamerikaner, uniformierte Europäer mit Gewehren und blutigen Spritzen, geraubte Benin-Bronzen, einen schnauzbärtigen Bismarck, der Afrika mit dem Tortenmesser zerteilt, und anderes mehr. Und über allem thronen Wilhelm und Alexander wie Götter über ihrem Werk. Dieses Bild ist weder witzig noch verspielt, wie manche Kommentatoren meinen, es ist ein ideologisches Manifest. Nähme man es beim Wort, müsste man das Humboldt-Forum abreißen. Zugleich offenbart es, wie weit sich das aktuelle Forum von den Ideen seiner Gründer entfernt hat. Von einem Schaufenster der Aufklärung ist es, zumindest stellenweise, zu einem Ort der Propaganda geworden.

          Die Berlin-Ausstellung selbst zeichnet sich dadurch aus, dass sie alles, was in der Geschichte der Hauptstadt nicht zusammengehörte, in einen Topf wirft. So werden unter „Revolutionen“ die bürgerliche Revolution von 1848, der Sturz der Monarchie 1918, der Aufstand von 1953, die Studentenrevolte und der Mauerfall subsumiert und im Unterpunkt „1953“ sogar die Demonstrationen in Westberlin und die inszenierten Aufmärsche der SED-Führung gleichgesetzt. Ein Wandbild zum Thema „Glauben“ stellt die Nürnberger Gesetze und die Schoa in eine Reihe mit heutigen antimuslimischen und antisemitischen Ausschreitungen, ein weiteres über „Musik“ macht die oppositionellen Swing Kids der Nazizeit zu Vorläufern von Punk und Hiphop.

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