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Berliner Stadtschloss : Dieses Haus hat seinen Leitstern verloren

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Der Gipfel der Allesvermischung ist ein Objekt-Ensemble im Bereich „Grenzen“, in dem ein Mauerstück, eine Halszwinge, mit der Deserteure der preußischen Armee gequält wurden, ein Stück „Judensilber“ aus den Beschlagnahmungen nach 1938 und eine Kamerun-Landkarte von 1911 zusammenkommen. Hier wiederholt sich das postkoloniale Deutungsmuster des Foyer-Bilds, denn die Aufteilung Afrikas und die Massenvernichtung der Juden erscheinen als zwei Seiten einer Medaille. Die Sektion „Krieg“ setzt dieses Muster fort, indem sie die Vitrinen zur Schoa neben jene zur Internierung muslimischer Gefangener im Ersten Weltkrieg stellt und die Bundeswehreinsätze im Ausland zu den „Deutschen Kriegen“ seit 1900 rechnet.

Eine Wissenskammer mit austauschbaren Vitrinen

Über diesen ideologischen Kern haben die Berliner Ausstellungsmacher ein Netz von Spaßstationen gespannt: eine Disco-Kugel, ein Mode-Raum, Mitmach-Monitore, Interviews mit Aktivistinnen und Zeitzeugen. Aber die aufgesetzte Fröhlichkeit macht den Gang durch die Säle von „Berlin global“ noch unangenehmer. Die multikulturelle Stadtgesellschaft wird hier als Folie für ein Geschichtsbild missbraucht, das den Leitgedanken des Humboldt-Forums implizit für erledigt erklärt.

Wie man es anders macht, zeigt die Humboldt-Universität im Westflügel des ersten Obergeschosses. Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Forums, wollte hier die Kunstkammer der brandenburgischen Kurfürsten wiederbeleben. Gorch Pieken, der Kurator der Ausstellung „Nach der Natur“, hat stattdessen eine Wissenskammer eingerichtet. Die Vitrinen mit den Objekten – Tierpräparate, Manuskripte, der Blinddarm von Friedrich Ebert, Kanister-Masken des afrikanischen Künstlers Romuald Hazoumé – hängen an Kränen von der Decke, ihre Austauschbarkeit ist Programm. Auf einer Multimedia-Wand erklären Experten der HU und der Freien Universität ihre Arbeit in zwei Exzellenzclustern zur Umweltzerstörung und zur Zukunft des „liberalen Skripts“ des Westens. Die Ausstellung funktioniert wie eine Gedankenmesse, sie stellt Dinge und Konzepte bereit, ohne sie weltanschaulich vorzukauen. Von einem „Labor des Wissens“, wie es die Gründerväter des Forums sich vorstellten, ist dieses Sammelsurium noch weit entfernt. Aber es setzt einen Anfang.

Ein demolierter Jeep führt auf die falsche Fährte

Die ersten beiden Sonderausstellungen der Humboldt-Intendanz sollten zeigen, wohin unter Hartmut Dorgerloh die Reise geht. Davon kann nach der Besichtigung keine Rede sein. Allenfalls möchte man Dorgerlohs Team ein Händchen für Pädagogik zugestehen, denn die muntere, souverän mit ihren Exponaten schaltende Kinderausstellung „Nimm Platz!“ im Erdgeschoss schlägt die nebenan eröffnete Themenschau zum Elfenbein um Längen. „Schrecklich schön“ ist in diesem pompösen Parcours vor allem die völlig verbaute Ausstellungsarchitektur, die mit ihren verblockten Vitrinen und Schlagschatten die Kostbarkeiten aus Kunst- und Kulturgeschichte verzwergt und die Erklärungstafeln unlesbar macht. Das Hauptobjekt, ein von Elefantenbullen demolierter Ranger-Jeep, führt vollends auf eine falsche Fährte, denn es geht ja gerade nicht um die Wut der Elefanten, sondern um das Wüten der Menschheit gegen sie.

Am ehesten mit sich im Reinen von allen Neueröffnungen im Humboldt-Forum ist die Ausstellung zur Geschichte des Ortes. An drei Stationen, im Schlosskeller, in einem Projektionsraum im Südflügel und im östlichen Skulpturensaal, führt sie die Besucher durch die historischen Schichten, auf denen das Gebäude ruht. Hier ist es ein wilhelminisches Heizungsrohr, dort das Fundament der Dominikanerkirche, da eine Schlüter-Skulptur, die zum Auge spricht, und ein fast dreißig Meter breites Videopanorama fügt diese Eindrücke zu einer sieben Jahrhunderte überspannenden Phantasmagorie zusammen.

Dass gerade dieses im Gesamtbudget marginale Segment des Hauses auf Anhieb überzeugt, spricht Bände. Denn das Humboldt-Forum weiß zwar genau, wo es herkommt, aber nicht, wohin es gehen soll. Die Kolonialismus-Debatte hat es aus seiner Spur geworfen. Seit Dorgerlohs Amtsantritt ringt es um ein neues Selbstbild. Die Brüder Humboldt könnten dabei eine Orientierungshilfe sein. Doch das Forum, scheint es, traut seinem eigenen Leitstern nicht mehr. Ob seine Selbstdemontage noch aufzuhalten ist, könnte sich Ende September zeigen, wenn die Staatlichen Museen den ersten Teil ihrer Dauerausstellung in den beiden obersten Geschossen eröffnen. Dann wird man sehen, wie viel Humboldt noch hinter den Schlossfassaden steckt.

Der Eintritt in alle Ausstellungen des Humboldt-Forums ist bis zum 12. November frei. Der Katalog zur Ausstellung „Schrecklich schön. Elefant – Mensch – Elfenbein“ kostet 29 Euro, der Begleitband zur Ausstellung „Berlin global“ 20 Euro.

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