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Kulturpolitik nach Corona : Ein neuer New Deal für die gesellschaftliche Erfindungskraft

  • -Aktualisiert am

Poster der Works Progress Administration, zwischen 1936 und 1941 Bild: United States Library of Congress

Die kommende Krise wird die Kultur in ihrer Existenz gefährden. Es braucht einen New Deal für die Künste. Was wir von Roosevelts Förderprogramm lernen können. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Kürzlich stieß ich auf ein Dokument namens „The Grey Briefings“. Darin stellt eine Gruppe von 90 Zukunftsforschern, Verfahrenstechnikern, Designern, Autoren und politischen Entscheidungsträgern, die sich „Special Circumstances Intelligence Unit“ nennt, die Frage: „Was würde mit Europa und Nordamerika geschehen, sollte die Covid-19-Krise ein Jahr oder länger dauern?“ Mit Software des MIT wurden drei Szenarien ermittelt, die alle auf einen Abschied von der Welt, wie wir sie kennen, hinauslaufen.

          Sieben Vorschläge der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung für einen deutschen New Deal für die Künste

          Jedes dieser drei Szenarien geht von massiver Arbeitslosigkeit aus. Im ersten, dem Pyramiden-Szenario, verfolgen die Regierungen eine Politik, die den Reichen zugutekommt, was zu wachsender Ungleichheit, Armut und einer Zunahme von Gewalt führt. Im zweiten, dem Leviathan-Szenario, weiten die Regierungen ihre Macht aus, um soziale Ziele zu verfolgen und kollektive Leistungen durchzusetzen. Im dritten, dem Dorf-Szenario, führen wirkungslose, nicht nachhaltige Reaktionen des Staates zu einer Zersplitterung der Gesellschaft und zu lokalen, fragilen Do-it-yourself-Lösungen.

          Hans Ulrich Obrist, Leiter der Londoner Serpentine Gallery
          Hans Ulrich Obrist, Leiter der Londoner Serpentine Gallery : Bild: Dan Medhurst

          Das Leviathan-Szenario bietet laut dem Briefing die größten Vorteile. In ihm muss jeder Opfer bringen und ist angehalten, lokale Lösungen zu entwickeln und mit Unterstützung der Regierung auf Graswurzel-Ebene zu experimentieren. Der Schwerpunkt liegt auf Allgemeinwohl und sozialer Wohlfahrt, einem Wandel der Wirtschaft und der Schaffung eines nachhaltigeren, tragfähigeren Fundaments. Dies würde zur Erholung von der Krise führen und schließlich in einem neuen New Deal münden, nach dem Vorbild der 1935 in Amerika gegründeten Bundesbehörde Work Project Administration (WPA), die Millionen Arbeitssuchende im Bau von Gebäuden, Straßen und anderen Großprojekten beschäftigte.

          Dieser „New New Deal“ würde gezielt die Schaffung neuer öffentlicher Infrastrukturen in den Blick nehmen, digitaler Dienste, allgemein zugänglicher, zukunftsorientierter Gesundheitssysteme und klimaverträglicher Energie-, Wohn- und Verkehrsprojekte. Regierungen wären gleichzeitig Wegweiser und Mitgestalter.

          Dezentrale Kunstförderung für Künstler und Bürger

          Die Zukunft wird oft aus Bruchstücken der Vergangenheit erfunden. In den späten 1990er Jahren lernte ich Helen Levitt (1913–2009) kennen, die herausragende Vertreterin der New Yorker Street Photography und Filmemacherin, die mit Walker Evans befreundet war. Zusammen mit Evans, Dorothea Lange, Gordon Parks und vielen anderen amerikanischen Fotografen nahm sie am Fotografieprogramm der Farm Security Administration (FSA) teil, das 1937 während der Großen Depression von Ron Stryker als Teil des New Deal ins Leben gerufen worden war und in dessen Rahmen 250 000 Bilder aus armen ländlichen Gegenden entstanden.

          Helen Levitt: „Vizards“, entstanden 1940 in New York
          Helen Levitt: „Vizards“, entstanden 1940 in New York : Bild: dpa

          Levitt meinte zu mir, sollte es eines Tages eine große, globale Krise geben, die die Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttere (wie jene, die wir jetzt durchleben), sollten wir nicht vergessen, uns mit dem Erbe von Roosevelts New Deal zu befassen und mit allem, was dieser für die Kultur bewirkt hat. Vom New Deal sei zu lernen, wie man demokratische, dezentrale staatliche Kunstförderung organisiert und Künstler mit ihrem sozialen Umfeld zusammenbringt.

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