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Hannah Höch in Würzburg : Suchbewegung, lebenslang

Aus einer Zeit, in der auf steinigem Boden überlebt werden musste: Höchs „Berglandschaft“, 1941 Bild: Privatsammlung/ VG Bild-Kunst, Bonn

Gott als Eule, Pflanzen als Exilanten, Masken als Menschen: Würzburg zeigt Hannah Höch als unbeirrte Erforscherin des abseitig Verborgenen.

          4 Min.

          Eine Eule hält hoch in den Wolken in ihren Krallen eine Lupe auf die Erde. Diese ist winzig und steht kopf, sodass Afrika und Europa gesüdet statt genordet sind. Die dadaistisch anmutende Collage stammt von der Erfinderin dieser fragmentierenden Technik des Auf-den-Kopf-Stellens aller Dinge höchstselbst – Hannah Höch. Entstanden ist sie wohl kurz nach der Kapitulation am 8. Mai 1945. Die kolorierte Wolkenwelt als Schubumkehr des Blicks und der Wahrnehmung scheint so DADA nicht: Stand nicht die ganze Welt 1012 Jahre kopf, aber würden nicht gleichzeitig alle Probleme und Katastrophen der durchgedrehten Erdlinge im Lupenblick aus dem Weltall verschwindend gering, zumindest im Brennglas dieser weisen Eule als eine Art Gottvater, der sich noch vielen weiteren Welten zu widmen hat? Eine simple Auflösung in diese Richtung ist verlockend, aber angesichts der rings um diese Eule der Minerva schwebenden abgetrennten Fingerkuppen zu einfach. So schlicht aufzulösen sind die Rätselbilder der 1889 in Gotha nur wenige hundert Meter von einer der skurrilsten Kunst- und Wunderkammern Europas auf Schloss Frieden­stein geborenen Künstlerin, in der bunte Federbilder des Amazonasurwalds mit den filigransten Elfenbeinschnitzereien gegengeschnitten wurden und werden.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Höchs zweite, andere, wütendere Sicht auf das, was zwölf Jahre lang an Irrsinn in Deutschland und der Welt geschah, verkörpert sich in dem Bild „Das Ende“ von 1945. Die lange Jahre zuvor schon von Höch ausformulierte Bildwelt an merkwürdig gnomigen Wesen treibt dort stellvertretend für die deformierte Gesellschaft ihr Unwesen: Eine maskenhafte Mutter hält wie in einer pervertierten Pietà ihren Sohn nicht etwa trauernd im Schoß, vielmehr scheint sie den Blutigen vor sich her zu schieben. Das erschütternde Vesperbild einer Unfähigkeit zum Trauern seitens der überlebenden Deutschen entstand kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs und hing bis vor Kurzem in einer der wichtigsten Ausstellungen des Jahres, „Kunst für Keinen 1933–1945“ in der Frankfurter Schirn. Dagegen ist der abgeklärte Blick der Eule mit Fingerspitzen und vielleicht dem passenden Gefühl eines der Hauptmotive der Schau „Abermillionen Anschauungen“ im Würzburger Kulturspeicher, wo über hundertzwanzig ihrer Werke eine bisher einzigartige Übersicht über das Gesamtwerk ermöglichen.

          Denn schon die beiden beschriebenen, unterschiedlichen Sichten auf das „Ende“ im Jahr 1945 zeigen ebenso wie der persönliche Wunsch Höchs nach „Abermillionen Ansichten“ eines deutlich: Diese Künstlerin sollte keinesfalls auf ihre Geschichtsbuch-Illustrationsklassiker wie „Schnitt mit dem Küchenmesser DADA durch die letzte Weimarer Bierbauchepoche Deutschlands“ (1919) oder gar nur als damalige Freundin von Raul Hausmann reduziert werden. Zeitlebens wollte sie den permanenten Perspektivwechsel, oft in ein und demselben Bild, wenn etwa der perspektivisch stimmige Blick in einen Raum sofort wieder durch einen gegenläufig Gebrochenen konterkariert wird.

          Über den Wolken ...: Hannah Höchs „Eule mit Lupe“, 1945. Bilderstrecke
          Hannah Höch in Würzburg : Alle Stile, immer Avantgarde

          Als „entartet“ gebrandmarkt

          In allen Phasen der grob chronologisch gehängten Säle des Würzburgers Kulturspeichers starren Augen aus den Bildern; in sehr vielen Collagen und Gemälden erscheinen auch blickverlängernde oder fokussierende Instrumente wie Teleskope (sie interessiert sich stark für Maxwells und Einsteins Forschungen zur Raum-und-Zeit-Krümmung, für Physik und das All schlechthin), Ferngläser, Mikroskope oder eben Lupen. In der endlos oft abgedruckten DADA-Collage „Englische Tänzerin“ findet sich diese Blickumkehr von Makro- auf Mikrokosmos dennoch so, dass es nicht trivial wirkt. Die Balletteuse mit übergroßem Fotografie-Kopf tippelt zwar mit ihren zu kurz geratenen Füßchen auf den Brettern, die die Welt bedeuten, und leitet mit ihrem seitwärts gewandten Blick auch in diese weite Welt hinaus. Ihr linkes Auge allerdings scheint in der Collage aus den Fugen geraten – der Augapfel hängt nach unten, in dem Raum zwischen Lid und Augenhöhle klafft ein offener Spalt, der den Blick freigibt auf das Innenleben dieses Kopfes: Pflanzenstiele und eine Art Mechanik erscheinen. Handelt es sich bei der körperlich so präsenten Tänzerin nur um einen aufziehbaren Automaten, wie er die Wunderkammern hundertfach bevölkerte? Ein künstlicher Mensch ist das allemal, so macht sie mit den Mitteln der Collagetechnik klar, und vielleicht sind ja alle rollenspielenden Menschen künstlich, ohne sich dessen bewusst zu sein.

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