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Schau zu Heimaten in Hamburg : Irakischer Bundesadler, staatenlos

  • -Aktualisiert am

Artensterben, Umweltzerstörung und die Transgender-Debatte: Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe versucht sich an einer Ausstellung zu „Heimaten“ – und verirrt sich.

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          Was ist Heimat? Ein Ort, ein Gefühl, ein sinnlicher Eindruck oder bloß eine Illusion? Heimat, so weiß das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, kann alles davon sein und noch viel mehr. Deshalb hat es seine aktuelle Sonderausstellung „Heimaten“ genannt und den Begriff im Plural verwendet, um sichtbar zu machen, wie vielschichtig und subjektiv besetzt er ist.

          Wer so offen an das Thema und den Begriff herantritt wie die Kuratoren Amelie Klein, Simon Klingler und Caroline Schröder, ist auf der richtigen Spur, weil er Heimat nicht als etwas begreift, das man hat, sondern als etwas, das man sich macht. Heimat ist nicht (nur) dort, wo man geboren wurde, sondern überall dort, wo man sich zu Hause fühlt und willkommen ist. Sie ist nicht Schicksal, sondern zu einem Gutteil selbst gemacht und Verhandlungssache. Diese Lektion ist insbesondere in Deutschland, wo das ius sanguinis Zugehörigkeit traditionell an Herkunft bindet, eine wichtige, weil sie den Begriff für eine hochmobile Einwanderungsgesellschaft modernisiert und ihn von seinem nationalistischen Erbe befreit.

          Symbole und Stereotype

          Heimaten, wie sie diese Schau vorführen will, sind integrativ und offen für Neues, nicht exklusiv, traditionell und ausgrenzend. Es ist ein sehr politisches Thema, das sich das Museum hier vorgenommen hat – ein Thema, dessen Kern kollektive Identitäten und individuelle Zugehörigkeit in einer zunehmend diversen und individualisierten Gesellschaft sind oder besser: sein müsste. Doch der gute Ansatz trägt nicht weit, weil nicht klar wird, was die hier präsentierten Heimaten zusammenhält.

          Klar klingt zunächst der spezifische Zugriff des Kunstgewerbemuseums für diese Ausstellung. Er liegt auf der Visualität des Themas, auf dem Design (eine Audiospur ergänzt unsichtbare Exponate). Die klischierten Bilder und Ideen von Heimaten haben sich in Produkten und Bildern der Kunst, Populär- und Alltagskultur niederschlagen, die für bestimmte Zwecke gestaltet wurden. In den Dingen manifestieren sich Ästhetiken und visuelle Codes, die Heimat sicht- und erfahrbar machen. Sie bilden die Symbole und Stereotype, auf denen Heimatvorstellungen gedeihen.

          Um was geht es hier eigentlich?

          Der „deutsche Wald“ ist so ein Symbol, das zum Klischee geronnenen ist. Er empfängt die Besucher zu Beginn in einer Fülle von Plakaten, die schön illustrieren, was die Kuratorinnen als „Instrumentalisierung von Heimat für politische und kommerzielle Zwecke“ bezeichnen. Gegenüber arbeitet sich die Videocollage „Silberwald“ von Christoph Girardet an den immer gleichen Waldbildern mit Förster aus den deutschen Heimatfilmen der fünfziger Jahre ab. Der Wald auf diesen Plakaten und Filmbildern ist keine unschuldige Natur, sondern bedient Natursehnsüchte, steht im Dienst nationalistischer (1933ff.) oder sentimentaler (1950ff.) Heimatideologien, wertet Regionen wie den Schwarzwald touristisch auf und wird später in den Wahlplakaten der Grünen zum Sinnbild der Umweltzerstörung. So weit, so erwartbar, so gut.

          Leider verliert die Schau ihre anfängliche Klarheit, weil die Kuratoren den Heimatbegriff überdehnen und sie die Perspektive auf Heimat via Design und Gestaltung schnell aufgeben. Auch die gute konzeptleitende Idee, Heimaten mit sieben Leitfragen zu umkreisen, die die Schau strukturieren und die Offenheit des Konzepts betonen („Ist Ihre Heimat …ein Ort?, …eine Gemeinschaft? …etwas Sinnliches? …ein Staat?, …mit Verlust verbunden? …ein Grund zur Sorge? …etwas Neues?“), stößt an Grenzen. Sie funktioniert hervorragend, um die Besucher einzubinden. Diese können zu jeder Frage Kommentare über das Smartphone absenden, die dann an die Seitenwände projiziert werden. Heimat als subjektive Projektionsfläche wird so überaus eingängig visualisiert und eigenständiger Teil des Narrativs.

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