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Tier-Ausstellung in Hamburg : Die Seele des Gorillas

Otto Seifert, „Junger Gorilla“ aus Gips, um 1890 Bild: Gerhard Scholtz/Humboldt-Univers

Es gibt kein Leben für den Menschen ohne das Tier: Eine Hamburger Ausstellung zeigt die Verwandtschaftsverhältnisse. Die phänomenale Schau regt an, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier neu zu verhandeln.

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          Der Blick wendet sich von der Gipsbüste nur schwer ab. Sie ist ein „Junger Gorilla“, um 1890 von Otto Seifert abgeformt, aus dem Bestand der Zoologischen Sammlung der Berliner Humboldt-Universität. Vielleicht ist es eine Skulptur nach dem Leben, inspiriert von M’Pungu, dem zweiten Gorilla, der 1876/77 Europa je lebend erreichte.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Er war eine Sensation, nicht nur für die Tierkundler, aber er starb bald. Ebenso möglich ist, dass es sich um die vollplastische Adaption der Totenmaske des Affen handelt; doch Totenmasken gelten gemeinhin Menschen. Unweigerlich versucht man, in seinen Zügen zu lesen, die Mimik zu deuten, Empfindungen zu erkennen, bis heute. Man sucht die Seele des Gorillas, in der Nachfolge von Charles Darwin – natürlich, denkt man beinah. Geht es doch in Darwins Evolutionstheorie auch um die nahe Verwandtschaft von Affe und Mensch; die Molekularbiologie hat sie inzwischen bestätigt.

          Lebender Geier aus einem Video von Allora & Calzadilla
          Lebender Geier aus einem Video von Allora & Calzadilla : Bild: Allora & Calzadilla

          Aber schon so viel früher ist der Affe im Spiel, wenn der Mensch ihn braucht – zur eigenen Orientierung im Universum, um sich seiner Existenz zu vergewissern. In Hamburg lässt sich seinen Spuren durch die Zeitläufte folgen. Im alten Ägypten erscheint der Pavian als göttliche Inkarnation, als Führer ins Totenreich. Schwebend in der Ambivalenz zwischen Unschuld und Triebhaftigkeit, bleibt der Affe stets der andere des Menschen. Bis er im Film „King Kong“ 1933 auf die Spitze des Empire State Building steigt,in sprachloser Liebe zu einer Frau, abgeschossen wird von den Heroen der in der Moderne geforderten Triebunterdrückung. Im Jahr 1800 hatte Alexander von Humboldt zärtlich den „Singe Cacajao“, sein Meerkätzchen, gezeichnet, das er auf der Expedition bei sich hatte und dessen letztlich tödliche Krankheit er nicht heilen konnte.

          Menschliche und nichtmenschliche Tiere

          Schlicht „Tiere“ heißt die phänomenale Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe. Sie präzisiert ihr Thema mit der Trias „Respekt/Harmonie/Unterwerfung“. Damit ist das Feld abgesteckt, das auf 1200 Quadratmetern Ausstellungsfläche das Verhältnis zwischen Mensch und Tier untersucht, genauer: das Verhältnis zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Tieren. Sabine Schulze, die Direktorin des Hauses und zugleich Kuratorin der Schau, überschreibt ihr Vorwort im Katalog mit „Animal Turn“. Damit nimmt sie einen Begriff der New Ethology auf, der kulturwissenschaftlichen Forschungsarbeit, zu der die Animal Studies gehören, die sich mit dem Tier-Mensch-Verhältnis auseinandersetzen, unter ethischen, gesellschaftlichen und politischen Aspekten. Schulze formuliert das Anliegen der Schau emphatisch: „Das Verhältnis von Mensch und Tier muss neu verhandelt werden. Tiere sollen endlich zu ihrem Recht kommen, ihr subjektives Empfinden, ihre Individualität und Verletzlichkeit verlangen Respekt.“ Das ist die Stunde der Kunst.

          Ein elf Zentimeter großer Jaguar aus einer Gold-Kupfer-Legierung als Anhänger, um 500 vor Christus in Nordperu geformt.
          Ein elf Zentimeter großer Jaguar aus einer Gold-Kupfer-Legierung als Anhänger, um 500 vor Christus in Nordperu geformt. : Bild: Brigitte Saal/Museum für Völkerk

          Der Mensch muss in den Hintergrund treten, ist indessen vielfältig gespiegelt in den Schöpfungen, die ihn mit der Welt seiner animalischen Gefährten verbinden. Gibt es doch keine Vorstellung von Welt – nicht die des Paradieses, nicht die einer Unterwelt, nicht die einer humanen Existenz –, zu schweigen von einem Unterbewussten, ohne die Tiere, ohne ihre Anwesenheit. Dahinter steht die von der Wissenschaft endlich vehement aufgeworfene Frage nach der moralischen Berechtigung des Menschen, über die Tiere zu verfügen, im Guten wie im Schlimmen. Die Ambiguität dieser Beziehung lässt sich, man ist versucht zu sagen: naturgemäß, nicht enzyklopädisch darstellen.

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