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Piet Mondrian in Basel : Harmonie und Spannung

Aus solchen Strukturen entwickelte Mondrian seine Linienmuster: „Abend: Der rote Baum“, gemalt 1908 bis 1910, heute im Kunstmuseum Den Haag. Bild: Mondrian/Holtzman Trust

Evolution statt Revolution: Die Fondation Beyeler zeigt, wie Mondrian schrittweise zu dem wurde, was er immer war – kompromisslos modern.

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          Es hat sich inzwischen herumgesprochen, wie Piet Mondrian zu seinen zeitlos modernen „Setzkastenbildern“ in Blau-Rot-Gelb-Weiß mit schwarzen Gittern fand, die 1965 dann von Yves Saint Laurent auf dessen „Cocktail Dress“ für die Populärkultur verewigt wurden – sie sind nichts anderes als radikal stilisierte Natur, oft entlaubte, auf ihr schwarzes Geäst heruntergeschnittene Bäume. Mondrian ist böse gesagt das Anthrax der modernen Malerei, in Hinsicht auf eine gemalte Parallele zur Natur zumindest.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Aus drei Gründen richtet die Fondation Beyeler in Basel-Riehen Mondrian nun eine Übersichtsschau seines Gesamtwerks aus, also auch der frühen figurativ-gegenständlichen Arbeiten, die beispielsweise in der letzten großen Retrospektive im New Yorker MoMA einer „makellosen“ Teleo­logie willen schlicht ausgelassen wurden. Der pragmatischste: Beyeler als legendärer Kunsthändler hat dem Haus nicht weniger als sieben Mondrians aus seiner Privatsammlung vermacht, die in der Ausstellung ihre subtilen Oberflächen ohne Schutzverglasung darbieten, was in keinem Groß­museum der Welt mehr denkbar wäre. Die ultrafeinen Oberflächentexturen mit ihren oftmaligen Richtungswechseln der Pinselstruktur um neunzig Grad und damit verbundenem anderen Weißgrad der Farbe durch gekipptes „Schattenspiel“ kommen einer Offenbarung gleich.

          Die Kraft des einfachen Bildvergleichs

          Der zweite Anlass ist der 150. Geburtstag Mondrians, was zugleich klar macht, wie tief der Künstler biographisch und von seiner künstlerischen Ausbildung her noch in der Haager Schule der Landschaftsmalerei des neunzehnten Jahrhunderts steckt. Der dritte, triftigste Grund jedoch ist die Symbiose der beiden ersten, nämlich die einzigartige Dramaturgie in Basel, von den frühesten Werken bis (fast) zu den letzten, den von Mondrian „neoplastisch“ getauften Grundpfeilern der Moderne, die wie in einem Theaterstück auf elf Bühnen-Sälen (inklusive eines Kinosaals, in dem Lars Eidinger als Mondrian mit sich selbst im Dialog ist) abzuschreiten sind, um die sukzessive „Evolution“ – so der Titel der Schau – des Künstlers und seines Werks nachvollziehen zu können.

          Der Weg zur Abstraktion war kein Kampf gegen Windmühlen. Diese Abendszene malte Mondrian um 1908.
          Der Weg zur Abstraktion war kein Kampf gegen Windmühlen. Diese Abendszene malte Mondrian um 1908. : Bild: Mondrian/Holtzman Trust

          Und wie es sich nachvollziehen lässt. Ganz ohne Saaltexte und weitschweifiges Pseudo-Erklären, nur durch die Kraft des einfachen Bildvergleichs, wie er derzeit besonders in Schweizer Museen wie Genf oder Zürich-Rietberg stark gemacht wird. So hängen im ersten Saal vor allem zwei Bild-Konter: Links das durch und durch holländische Kleinformat „Frau mit Spindel“ von 1893, auf dem eine Niederländerin mit gestärkter weißer Haube in einem Interieur wie bei Vermeer arbeitend am Tisch sitzt. Wie aber das flächige Queroval ihrer Arbeitsfläche, das viel zu breite, diagonal verlaufende Tischbein als optischer Querriegel und insbesondere die rein weißen, nicht etwa mit ablenkenden Delfter Motiven bemalten Fliesen hinter ihr den gesamten Bildraum abstrahieren, das macht bereits Mondrians Wille zur Reduktion auf das Wesentliche trotz des klassischen Genremotivs spürbar – selbst seine Frau mit Spindel sitzt steif wie ein menschgewordener rechter Winkel auf ihrem Stuhl, und wer weiß, dass Mondrian die berühmten neunzig Grad einmal in einem fünfzigseitigen Aufsatz „das vollkommene Verhältnis von Linie zur Fläche“ genannt hat, versteht die Geometrisierung seiner arbeitstätigen Vermeer-Frau.

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