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James Ensor in Mannheim : Gewalt, Licht und Pracht

Herr der Masken: James Ensor an seinem Harmonium, 1925. Der Künstler komponierte auch, wie die Ausstellung in Mannheim zeigt.
Herr der Masken: James Ensor an seinem Harmonium, 1925. Der Künstler komponierte auch, wie die Ausstellung in Mannheim zeigt. : Bild: Mu.ZEE, Ostende/Jeanne Creten-Ge

Da die Ausstellung angenehm chronologisch das gesamte Œuvre von den frühesten bis zu den kurz vor seinem Tod entstandenen Werken auffächert, werden die stilistischen Einflüsse glasklar. Die großformatige „Stadtlandschaft“ aus dem Jahr 1894 zeigt anhand des in allen Luft- und Lichttönen der Sonne schimmernden Himmels, der vier Fünftel der Bildfläche füllt, dass der englische Lichtmaler William Turner zeitlebens sein leuchtendes Vorbild war. Viel mehr denn als Symbolist sah Ensor sich als Impressionist, der „Gewalt, Licht und Pracht“ in seinen Gemälden zu vereinen trachtete, wie er einmal schrieb. Das 1888 gezeichnete kleinformatige Blatt „Teufel verprügeln Engel und Erzengel“ dagegen ist in seinen verknäuelten Mischwesen und Monstern abermals so erkennbar von Bosch und Bruegel inspiriert, dass es die späteren Maskenmonsterbilder um Jahre vorwegnimmt.

Eine weitere fesselnde Frage angesichts der vielen vertrauten christlichen Bezüge in seinen Bildern ist die nach Ensors Haltung zur Religion. Blickt man auf die ketzerisch wirkende Zeichnungsserie „Scènes de la vie du Christ“ mit ihren 32 Blättern, bei der in der „Auferstehung“ eine eher weiblich-ätherische Gestalt gen Himmel schwebt, dümmlich wirkende Apostel mit baconesk zerlaufenden Wurstgesichtern bei „Pfingsten“ sehr dringlich auf ein Wunder hoffen müssen oder Maria in der „Anbetung des Kindes“ eine Clownsmaske trägt und der Körper des Christuskindes Gedärm oder einem Wurmfortsatz ähnelt, ist man geneigt zu sagen: eher nicht. Auf Ensors subtil gezeichnetem „Kalvarienberg“ hingegen hängt der Künstler selbst an Christi Stelle am Kreuz und wird auch auf der Inschriftentafel darüber statt als INRI mit ENSOR bezeichnet.

Dies allein wäre noch als ernst genommene Christus-Nachfolge zu rechtfertigen. Anstelle der Römer aber malträtieren ihn eine Person mit Zylinder und andere verzerrte Fratzen, die erneut die von Ensor in diversen Publikationen nicht mit christlicher Nächstenliebe, sondern mit Hass verfolgten Kunstkritiker repräsentieren könnten, sodass es eher eine sehr persönliche, beleidigte Selbstidentifizierung als zu Unrecht Gekreuzigter zu sein scheint. Am deutlichsten wird Ensors mutmaßlich synkretistische Verwendung christlicher Versatzstücke in dem faszinierenden „Schmerzensmann“ neben dem „Kalvarienberg“. Das gemarterte blutrote Gesicht ist auf ein gemaltes Tuch gesetzt, wie das Vera Ikon als Schmerzensikone im Mittelalter.

Die Vorlage für das Gesicht gab jedoch auch hier eine Maske ab, die aus Japan stammt (eine ähnliche ist in einer Vitrine im „Masken-Saal“ mit insgesamt sechs aus allen Himmelsrichtungen stammenden Larven, die Ensor nachweislich besaß). Wenn selbst ein japanisches maskenhaftes Gesicht genauso leidet wie das traditionelle und normierte Bildformular „Christus als Schmerzensmann“, scheint die Religiosität Ensors zumindest eine weit gespreizte und globalisierte gewesen zu sein.

Bleibt als letzte offene Frage jene nach der ausgebliebenen Ankaufswelle des als entartet ausgesonderten, unpolitischen Ensor durch deutsche Museen nach 1945. Der Künstler der hinterfragten Verstellungen, der im Annus horribilis 1933 den „Dämon“ malte, der – natürlich maskiert – dräuend über einer Schwangeren schwebt wie ein Damoklesschwert, hätte wie alle anderen Bilder dieser Ausstellung als museale Sühne-Geste dienen können. Aber vielleicht hatten nach dem Krieg Ensors Bilder schon so erfolgreich Wurzeln geschlagen in der deutschen Kunst, dass Maler wie Karl Hofer sein Erbe mit ihren Porträts Maskierter bruchlos fortzusetzen vermochten.

James Ensor. In der Kunsthalle Mannheim; bis zum 3. Oktober. Der Katalog kostet 29,50 Euro.

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