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Hella Jongerius in Berlin : Alles mit allem verwoben

Unendliche Weiten von Bildinformation stecken in diesem vielschichtig überlagerten Fenster: Hella Jongerius´ „Woven Window 2“. Bild: Laura Fiorio

Wo Bakterien weben und sich Solarpaneele wie Stoff unebenen Dächern anpassen: Die niederländische Künstlerin Hella Jongerius und junge Designer im Gropius-Bau Berlin.

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          Um die älteste Kunst der Menschheit konkurrieren das Bearbeiten von Stoffen, das Bemalen von Höhlenwänden und das Beschnitzen von Knochen. Nimmt man die pragmatische Notwendigkeit von wärmenden und zusammengenähten Häuten, dürften die textilen Künste den Sieg davontragen. Unmittelbar deutlich wird daran, dass „Textiles“ immer in erster Linie eine bestimmte Technik meint; danach erst folgt die Art der Stofflichkeit.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Exakt so hält es auch die niederländische Künstlerin Hella Jongerius: Ihre Ausstellung „Kosmos weben“ im Berliner Martin-Gropius-Bau verbindet den lichtjahrelangen Faden zwischen den Steinzeit-Windeln der Menschheit, der Bildlichkeit des Abschneidens eines „Lebensfadens“ und einer möglichen Zukunft im All, zumal sich die Künstlerin stets vor, bei und nach der Erschaffung ihrer Kunst die Frage nach dem Nutzen für alle und die der industriellen Anwendbarkeit ihrer Ideen für gerechtere Produktion und ein insgesamt nachhaltigeres Leben stellt. So experimentiert sie etwa aktuell mit webenden Bakterien und Solarpaneelen, die nicht mehr als starre Platten platzraubend und vereinzelt wie die Zinnsoldaten in ihren Solarparks defilieren, sondern sich mit einer textilischen Struktur jedwedem Untergrund anschmiegen können, und sei es ein amorphes Gebäude wie Frank O. Gehrys Guggenheim Bilbao, wie die Künstlerin im Interview scherzt. Oder eben als Photovoltaikstreifen in Kombination mit anderen tragenden Materialien einen Balkon bilden, der sich bei Sonnenaufgang wie eine Blüte entfaltet.

          Bestrickt von der Ausstellung: König Willem-Alexander und König Maxima im Gropius-Bau am 6. Juli 2021.
          Bestrickt von der Ausstellung: König Willem-Alexander und König Maxima im Gropius-Bau am 6. Juli 2021. : Bild: EPA

          Diese Zukunftsträchtigkeit steckte immer in der Textilkunst: Dass der Jacquardwebstuhl des Lyonesers Joseph-Marie Jacquard mit seinen Lochkarten eine geniale Maschine war und die Vorform der Computer, ist bekannt, weniger schon, dass Paul Otlets „Mundaneum“-Idee des weltweit verbindenden Netzes Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts aus der Welt des Textilen stammt. Wenn seit den Achtzigern ein „Space Shuttle“ größere Mengen Menschen ins All brachte, durchschoss wörtlich ein „Weberschiffchen“ das textile Zelt des Himmels. Wenn das Raumschiff Enterprise die unendlichen Weiten des Weltalls mit „Warp-Antrieb“ durch Raumfaltung verkürzt, dann tut es das auch als „Kettfaden“ (eben warp, ein Lieblingswort der Künstlerin Jongerius), der die vertikale Grundstruktur von allem bildet, während der weft yarn als Schussfaden das stoffliche Gitter des Äthers durchstößt.

          Stoff und Netze, wie im Himmel, so auf Erden

          Während in „Cosmic Loom“, dem „Kosmischen Webstuhl“, derartige Warps wie zu groß geratene schamanistische Traumfänger, nach den Wochentagen geordnet, entlang einer der hohen Saalwände herabhängen, sind die „Windows“ von Jongerius die kondensierte Form ihrer Gedanken: Wie bei den 3-D-Druckern, die inzwischen ganze Häuser und Autos auszuplotten vermögen, schießen die bunten Kett- und Schussfäden auch hier wieder ungestüm durcheinander. Hinter jeder Gewebelage liegt eine weitere, jede einzelne aber bildet ein Fenster in die nächste. Gaukeln die gut ein Dutzend „Fenster“ der Hella Jongerius auf die Entfernung gesehen augentäuschend plastische und geschlossene Architekturformen vor, lösen sich die mal enger, mal weiter verknüpften Strukturen beim Näherkommen in Pixel auf.

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