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Eduardo Chillida in Wiesbaden : Sehen, wie der Wind klingt

Wiesbaden zeigt in der bislang größten Eduardo-Chillida-Retrospektive in Deutschland, wo das Denken endet. Aber auch, was auf dieses Ende folgt.

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          Es ist die bekannteste Skulptur in Deutschland: Allabendlich in den Nachrichtensendungen steht sie vor dem Bundeskanzleramt in der Hauptstadt, monumentale fünfeinhalb Meter hoch, über achtzig Tonnen edelrostigen Cortenstahls schwer. Und dennoch wirken die beiden Eisenhände mit ihren sich nur zum Teil berührenden „Fingern“ zweifelnd unsicher, hadernd. Die beiden Hände selbst entwachsen getrennt stehenden Vierkantstäben, gehören demnach zu den Armen zweier unterschiedlicher Individuen.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Vor allem aber ist es noch kein vollständiges Ineinanderlegen der Hände, das antik-römische Symbol inniger Vertrautheit, das gerade in der DDR politisch gebraucht und missbraucht worden war. Und auch wenn jeder das Bild genau vor Augen hat, wissen wohl die wenigsten, dass die 1999 entstandene Skulptur „Berlin“ heißt und das Wechselspiel aus Anziehung und Abstoßung bei der Wiedervereinigung verbildlichen soll. Noch weniger Menschen könnten vermutlich auf Anhieb den Namen des Bildhauers nennen: Eduardo Chillida aus San Sebastián.

          Um dem abzuhelfen, richtet Wiesbaden als Partnerstadt dieser baskischen Traumstadt an einer sichelmondförmigen Atlantikbucht dem im Jahr 2002 verstorbenen Künstler nun mit fast 130 Arbeiten die bislang größte Retrospektive in Deutschland aus. Kaum ein bildhauerisches Werk scheint besser geeignet, die tastend-zweifelnde deutsche Wiederannäherung zu verkörpern als jene grundskeptischen Skulpturen Chillidas, die häufig trotz ihrer enormen Größe wie verletzliche Riesenbabys im öffentlichen Raum auch etlicher deutscher Städte stehen und in dieser „versteinerten“ Geste des In-den-Wind-Greifens Spielarten seines Urbildes der „Windkämme“ sind.

          Seit 1952 der erste „Windkamm“ entstand, hat Chillida die Form dieser raumgreifend Viertel- und Halbkreise bis zu seinem Tod über fünfzigmal in allen möglichen Größen und Medien variiert. Zu Beginn der Sechziger folgte der erste sensible Eingriff in die Landschaft, bis zu seinem Hauptwerk, den über elf Jahre hinweg in den rauhen Atlantik gepflanzten Windkämmen San Sebastiáns. Obwohl Wind unsichtbar bleibt, machen ihn Chillidas Skulpturen mit ihrem scheinbaren Griff ins Leere sicht- und hörbar, weil sie wie Äolsharfen das Absente zum Klingen bringen. Der anfänglich irritierende Wiesbadener Ausstellungstitel „Chillida – Architekt der Leere“ ist daher Programm, nicht bloße Provokation, die Herkunft Chillidas aus der Architektur wesentlich: Er ist der Baukünstler der Leerstellen, der diesen mit seinen Skulpturen eine hauchdünne Hülle als Rahmen gibt, das vom Betrachter aufzufüllende Innere aber gerade nicht zukleistert, sondern offen gestaltet.

          Ab 1943 studierte Chillida in San Sebastián und Madrid Architektur, beendete das Studium aber nicht und bezog 1948 in Paris ein Künstleratelier. Schon die Zeichnungen aus dieser Phase im ersten Saal in Wiesbaden zeigen bei allem vorsichtigen Tasten und noch sichtlicher Beeinflussung durch Maillol, Léger, Picasso oder Rickey einen starken Drang, Räume über Körperliches, vor allem Hände, zu definieren. Insbesondere diese Hände werden schrittweise schematisiert und vergröbert, in Zeichnungen oder auf großformatigen Schamottfliesen zu den bekannten flachen Balken in Schwarz, die oft in zangenartigen Halb- oder Viertelkreisen enden.

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