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Interview mit Gregor Schneider : Die Einsamkeit der Wachsfrüchte

Gregor Schneiders „Keller“, Rheydt 1985 – Venedig 2001 Bild: Gregor Schneider/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Das schwer gezeichnete Esch als kommende Kulturhauptstadt Europas 2022 wird vom Künstler Gregor Schneider kongenial aufgemöbelt. Mit uns spricht er über das weggebaggerte Hinterland in seiner Heimat und Sonnenbänke als Pornographie.

          6 Min.

          Ab dem 26. Februar 2022 wird Esch, die mit sechsunddreißigtausend Einwohnern zweitgrößte Stadt Luxemburgs, Kulturhauptstadt Europas sein. Die ehemalige Kohle- und Stahlkochermetropole befand sich nach dem Niedergang dieser Industrie in Europa und der Schließung der meisten Hochöfen im freien Fall: hohe Arbeitslosigkeit, Verfall der Infrastruktur, verheerende Umweltschäden durch den Eisenerzabbau, der buchstäblich rot verbrannte Erde hinterließ, da die geförderten stark phosphorhaltigen „Minette“-Erze durch Oxidation den gesamten Boden um Esch herum tiefrot färbten, schließlich kein Geld für Kultur und Flucht der Jugend aus der Stadt. Bis auf Ersteres scheint sich derzeit alles zum Besseren zu wenden: Die riesigen Hochöfen sind aufwendig saniert, beim Speisen in ambitionierten Restaurants und Bistros blickt man auf die eindrucksvoll illuminierte Silhouette der einstigen Industriegiganten mit ihren Anlagen von bis zu vierzig Meter Höhe. Inmitten des Gewirrs aus gigantischen Röhren und Kühlspiralen, die wie ein gebautes Gemälde Konrad Klaphecks aussehen, steht eine hypermoderne Universitätsbibliothek, die das Kulturhauptstadtwollen selbstbewusst unterstreicht. Viele der charmanten Jugendstilgebäude des erst um 1900 aufgrund der riesigen Eisenerzvorkommen und konsequenter Ansiedlung Tausender Gastarbeiter vor allem aus Italien zur Stadt erhobenen Siedlungskonglomerats Val d’Alzette wurden herausgeputzt. Für die Wirkung der Installationen von Gregor Schneider, der mit dem zur begehbaren Memorialskulptur umgebauten und inzwischen dauerhaft gesicherten Eltern-„Haus u r“ in Rheydt und zuletzt seinem viel diskutierten „Sterbezimmer“ zu einem der bekanntesten Künstler Deutschlands wurde, ist es beinahe ein Glück, dass die Escher Retrospektive nahezu aller seiner Werke nicht in einem hochglanzpolierten Museumsraum stattfindet. Schneider hat unter dem Titel „Ego-Tunnel“ auf fünf Etagen seine wichtigsten Arbeiten in einem ausgeweideten Möbelkaufhaus der Sechziger arrangiert, das einen spannungsreichen Kokon für die grundsätzliche Unheimeligkeit seiner In­stallationen und der leitmotivischen Auseinandersetzung mit dem Tod bildet.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Herr Schneider, warum treffen wir uns zum Interview in einem einstigen Möbelgeschäft?

          Ein Badezimmer wie eine „White-Terror-Folterzelle“: Gregor Schneiders „Wohnung A (Badezimmer)“ im luxemburgischen Esch-sur-Alzette ist ein Raum im Raum, dessen Beschreibung des Künstlers sich folgendermaßen liest: „Spanplatten auf Holzkonstruktion, 2 Türen, 1 Lampe, 1 Heizkörper, 1 Waschbecken, 1 Dusche, 1 Toilette, Wände und Decke weiß. Innen: 383.0 x 240.0 x 245.0 cm, außen: 397.5 x 255.0 x 272.0 cm.“
          Ein Badezimmer wie eine „White-Terror-Folterzelle“: Gregor Schneiders „Wohnung A (Badezimmer)“ im luxemburgischen Esch-sur-Alzette ist ein Raum im Raum, dessen Beschreibung des Künstlers sich folgendermaßen liest: „Spanplatten auf Holzkonstruktion, 2 Türen, 1 Lampe, 1 Heizkörper, 1 Waschbecken, 1 Dusche, 1 Toilette, Wände und Decke weiß. Innen: 383.0 x 240.0 x 245.0 cm, außen: 397.5 x 255.0 x 272.0 cm.“ : Bild: Gregor Schneider/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

          Gregor Schneider: Hier wurde eine Institution aus dem Nichts gestampft, und das sehr, sehr schnell. Ein ehemaliges Möbelhaus ist entkernt worden, und es bietet sich jetzt an, die wandlosen Etagen architektonisch mit Räumen zu bestücken. Wird vielleicht auch in privater Zukunft alles architektonisch einfacher wandelbar sein? Ich arbeite ja auch in Museen, die als Prachtbauten errichtet werden, und das ist ebenfalls spannend, da entsprechend Räume hineinzubekommen. Aber die sind meistens architektonisch wie inhaltlich nicht so einfach wandelbar.

          Ein Möbelhaus ist ja mit seinen Interieurs gebaute Künstlichkeit. Es gibt Wachsfrüchte und falsche Buchrücken, abgehängte Decken und wandernde Wände – das müsste Ihnen, der Sie existierende Räume im schwarzromantischen Doppelgängerprinzip rekonstruieren, nahegelegen haben. War das ein zusätzlicher Reiz oder eher schwierig, da Sie auf den Zentimeter genau nachbauen und so vorgegebene Raummaße haben?

          Ich habe versucht, dazu die Distanz zu finden, und weniger mit dem Material gearbeitet. Es gab bei mir ja bereits in der Vergangenheit eine Wohnung mit mehreren Etagen. Das Möbelhaus erinnert im aktuellen Zustand an ein Gebäude, das bis auf den Rohbau entkernt ist. Fünf Tage vor der Ausstellungseröffnung gab es noch nicht einmal Geländer. So lässt sich das Haus natürlich einfacher wandeln, formal wie inhaltlich, als Museen, die für bestimmte Formen der Kunst aufgebaut werden. Und es ist ja auch spannend, dass man da wie im Geschäft mehr als einmal hingeht.

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