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Gewehrgalerie Residenz Dresden : So plant nur ein Meister

Ende einer Ära: Dirk Syndram, der Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer in Dresden hat zum Abschied noch eine Überraschung parat. Bild: dpa

Starker Abschied von Dirk Syndram, Direktor des Dresdner Grünen Gewölbes: Im Residenzschloss eröffnet mit der rekonstruierten Gewehrgalerie ein einmaliges Ensemble fürstlicher Repräsentation.

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          Es ist schon dunkel geworden im Stallhof des Dresdner Residenzschlosses, als Jutta Kappel ans Mikrofon tritt, die letzte Rednerin hier am „Open Mike“, das für die Weggefährten von Dirk Syndram bereitgehalten wurde, damit auch noch nach der feier­lichen Verabschiedung des Direktors dessen Lob weiter gesungen werden konnte – stundenlang. Aber was sind Stunden gegen achtundzwanzig Jahre? So lange währte die Zusammenarbeit der beiden Kunst­historiker Kappel und Syndram am Grünen Gewölbe, dem Herzstück der Dresdner Schatzkunstlandschaft, und nun zum Finale erfahren wir endlich die Geheimformel für deren Erfolg: Es ist das Museums-μ.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der griechische Buchstabe μ bezeichnet in den Naturwissenschaften eine winzige Größe. Damit ist selbstverständlich nicht Syndram gemeint, dessen Ruf, Obsessionen und barocken Habitus Marion Ackermann, die Generaldirektorin der Staat­lichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), zu Beginn der Feier mit August dem Starken verglichen hat, dem manischsten sächsischen Sammler vor Syndram. Nein, dieses μ (ausgesprochen „mü“) habe nicht nur die Mühe, sondern auch die Freuden des Kuratierens ausgemacht, erläutert Kappel. Es bezeichne die geringfügige, aber entscheidende Veränderung, die der Perfektionist Syndram in letzter Sekunde noch an Präsentationen vorzunehmen pflegte. „Syndram ist noch nicht durch“, das sei stets der letzte Satz des Teams vor einer Eröffnung gewesen. Das letzte Wort hatte der Direktor. Nach Kappels Reminiszenz wurde das Open Mike geschlossen. Was hätte man noch sagen sollen?

          Hundert Meter können endlos wirken: Mit der  waffenstarrenden Gewehrgalerie in ihrem  Residenzschloss setzten die sächsischen Kurfürsten auf Überwältigung.
          Hundert Meter können endlos wirken: Mit der waffenstarrenden Gewehrgalerie in ihrem Residenzschloss setzten die sächsischen Kurfürsten auf Überwältigung. : Bild: SKD / Jürgen Lösel

          Gefeiert aber wurde weiter in die Nacht hinein im Stallhof, einem Turnierplatz, um den 1588 Kurfürst Christian I. das Renaissanceschloss seiner Vorgänger hatte erweitern lassen: eingefasst von den älteren Anlagen des Georgenbaus und des Kanzleigebäudes sowie den in Christians Auftrag errichteten Gebäuden des Kurfürstlichem Neuen Stalls und des „Langen Gangs“, eines sich über hundert Meter erstreckenden schmalen Arkadenbaus nach florentinischem Vorbild. In dessen Ober­geschoss richtete der Fürst eine Ahnengalerie ein, für die er bei seinem Hofmaler Heinrich Göding dem Älteren 46 überlebensgroße Bilder anfertigen ließ, die reale und imaginäre Vorfahren zeigten, bis hin zu einem gewissen Harderich, der noch vor der Zeitenwende das Haus Sachsen begründet haben sollte. Durch diese Galerie wurden das bisherige Schloss mit dem neuen repräsentativen Stallgebäude verbunden, sie war also ein Scharnierstück der Residenz. Wie passend, dass sie nun zum Abschied von Syndram in neu restauriertem und eingerichtetem Glanz der Öffentlichkeit übergeben werden konnte.

          Wie aus einer Ahnen- eine Gewehrgalerie wurde

          Allerdings nicht mehr als Ahnen-, sondern als „Gewehrgalerie“. Dazu war der Lange Gang 1733 geworden, als August der Starke starb und sein Sohn nach der Thronbesteigung den Plan des Vaters zur Neuorganisation der kurfürstlichen Sammlungen fortführte und hier für die Waffenkollektion einen neuen Platz fand. Fast zweitausend Gewehre und Pistolen waren schließlich in Schauschränken beiderseits des endlos wirkenden schmalen Raumes versammelt, mit den Ahnenporträts weiterhin dazwischen. Es war der Raum der Residenz, der den Machtanspruch der albertinischen Fürsten in Bild und Tat demonstrierte. Denn obwohl viele der Feuerwaffen Prunkobjekte waren und gar nicht zum normalen Gebrauch gedacht, repräsentierten sie Militärgewalt. Deshalb gehören die hier gezeigten Objekte mittlerweile zum Bestand der Rüstkammer.

          Auch deren Direktor war Dirk Syndram. 2006 bekam er dieses Amt zusätzlich zu dem als Chef des Grünen Gewölbes übertragen. Damit wurde nur bestätigt, was inoffiziell schon lange galt: Syndram war der neue Schlossherr in der Residenz. Im Jahrzehnt zuvor hatte er deren museale Ausgestaltung konzipiert und just 2006 den Höhepunkt seiner Laufbahn erreicht mit der Eröffnung des in der für August den Starken geschaffenen Form rekonstruierten Historischen Grünen Gewölbes. Be­reits 2004 aber hatte Syndram das „Neue Grüne Gewölbe“ eingerichtet, eine maßstabsetzend moderne Präsentation des Großteils der kurfürstlichen Kunstkammerschätze, der von ihm sogenannten „Schatzkunst“. Danach wusste jeder, dass niemand ein ähnliches Gespür für die Verbindung von Rekonstruktion und Repräsentation besaß, und in den Folgejahren schufen Syndram und seine Mitarbeiter so atemraubende Abteilungen wie die „Türckische Kammer“, den Riesensaal, die Präsentation „Weltsicht und Wissen“ im Renaissanceflügel und zuletzt 2019 die barocken Paraderäume. Hier wurde vorgeführt, was ein Schlosswiederaufbau leisten kann – zur Begeisterung aller. Man hätte in Berlin also nur einmal zweihundert Kilometer gen Süden blicken müssen.

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