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Kunst der Linie : Eine Schrift fällt nicht vom Himmel

Seine Schrift begleitete den ehemaligen amerikanischen Präsidenten in sein Amt. Nun wird der Gestalter Erik Spiekermann 70 Jahre alt. Bild: Ullstein

In den achtziger Jahren wurden Typographen auch über die Kunsthochschulen hinaus zu gefeierten Stars. Zu den Prominenten seines Faches zählt auch Erik Spiekermann. Nun wird er 70 Jahre alt.

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          In den achtziger Jahren gab es eine kurze Zeit, als Typographen auch über die Kunsthochschulen hinaus zu gefeierten Stars wurden. Der Prominenteste von ihnen war der junge Neville Brody, der damals das englische Magazin „The Face“ gestaltete, das zum Vorbild für zahllose Zeitgeist-Publikationen rund um die ganze Welt wurde, im hiesigen Sprachraum für den „Wiener“ und „Tempo“. Doch es gab auch einen deutschen Typographen, der damals weltberühmt wurde: Erik Spiekermann. Gewiss nicht zufällig waren es er und seine Frau Joan, mit denen sich Neville Brody 1990 zusammentat, um ein Unternehmen zu gründen, das sich der Entwicklung und dem Vertrieb eines damals noch neuen Produkts widmete: Computerfonts, Schriften als Datensätzen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Heute haben wir das alles scheinbar fertig auf dem Rechner, hundertfach, damals jedoch war es eine Leistung, die Klassiker unter den Schrifttypen erst einmal für den Digitalgebrauch fit zu machen und – noch wichtiger – künftige Klassiker direkt für den Computersatz zu gestalten. Das gelang dem Unternehmen FontShop International und gelingt ihm bis heute, und Erik Spiekermann war dabei der treibende Kopf. Mit Meta und Officina hat er zwei mittlerweile global gängige Schriften entworfen. Sie haben die traditionellen Ideale der Typographie in ein neues Medienzeitalter überführt.

          Spiekermann, 1947 in Stadthagen geboren und damit zehn Jahre älter als Brody, war in mehrfacher Hinsicht der richtige Partner für den britischen Jungstar, denn er versteht sich im Gegensatz zu diesem als ausgesprochener Teamplayer und hatte das Schriftenentwerfen im Gegensatz zu Brody noch auf die handwerkliche Art gelernt, wenn auch als Autodidakt in einer eigenen Berliner Kellerdruckerei, neben dem Kunststudium. Das brach Spiekermann allerdings bald wieder ab, um ins Mekka moderner Gestaltung jener Epoche zu gehen: nach London. Aus dieser Zeit resultieren seine Kontakte nach England, die ihren Höhepunkt im Auftrag der Zeitschrift „The Economist“ fanden, die Spiekermann mit seinen Mitarbeitern 2001 ganz neu gestaltete – zum Nutzen des Blattes, das danach seine Auflage verdoppelte.

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          Doch Spiekermann ist weit mehr als ein Pressemann, vor allem auch ein Werbegraphiker von hohen Gnaden, der für Kunden wie Audi, Nokia oder die Deutsche Bahn gearbeitet hat und dessen Werk fast jedem Besucher von Berlin vor Augen steht, wenn er den Linienplan des dortigen Personennahverkehrsnetzes betrachtet. In Amerika dagegen hat der spektakulärste Erfolg eines Spiekermann-Engagements mittlerweile ausgespielt: Die Werbekampagne für Barack Obama mit dem Leitspruch „Yes, we can“ bediente sich einer der Schriften des deutschen Designers. Dennoch haben seine Schöpfungen ein Nachleben wie nur wenige ästhetische Bestandteile unseres Alltags. Heute wird Erik Spiekermann siebzig Jahre alt.

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