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Cartoonist Jules Feiffer : Auf Nummer sicher gehen? Nicht mit mir!

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Eine amerikanische Legende, die zum Kritiker ihres Landes wird: Der Cartoonist Jules Feiffer wagt immer noch Neues. Gespräch mit einem Mann, der 85 Jahre alt werden musste, um seine erste Graphic Novel zu zeichnen.

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          In Ihren Memoiren schreiben Sie:„Ich war ein amerikanischer Junge: Ich glaubte, oh ja, ich glaubte. An Kinofilme, an Comics, ans Radio, an die New York Yankees . . . Ich glaubte an FDR und den New Deal, an die Vervollkommnung des Menschen und daran, dass ich ein integraler Bestandteil des amerikanischen Traums war. Ich glaubte, dass ich dazu bestimmt war, ein berühmter Cartoonist zu werden.“ Wann wurde Ihnen klar, dass es sich bei Ihrem „amerikanischen Traum“ um kein Trugbild handelte?

          Ich habe nie auch nur einen einzigen Augenblick an meinem Traum gezweifelt. Als Kind hat man mitunter extravagante Vorstellungen von sich selbst, und im Alter von neun oder zehn Jahren war ich nach eigenem Empfinden längst dabei, der beste Cartoonist Amerikas zu werden. Glücklicherweise habe ich erst in meinen Zwanzigern bemerkt, wie vollkommen ungenügend das Talent war, das ich als Kind vorausgesetzt hatte. Ich habe mich also an ein Trugbild geklammert, bis es irgendwann Realität wurde und mir die Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit nichts mehr anhaben konnte.

          Was haben Sie als Kind unter dem Wort „Cartoonist“ verstanden?

          Ich bin Jahrgang 1929, und damals, während der Großen Depression, hatte das Wort vermutlich einen anderen Klang als heute. Es gab einerseits Cartoons in Magazinen wie dem „New Yorker“ oder „Vanity Fair“, die fast ausnahmslos kultiviert und sehr subtil waren, und andererseits die Comicstrips in Zeitungen. Obwohl ich die Einzelbilder von Leuten wie Peter Arno mochte, der viel für den „New Yorker“ arbeitete, habe ich mich selbst nie als Magazin-Cartoonist gesehen, sondern wollte von Anfang an nur für Zeitungen arbeiten, in denen damals täglich Comicstrips veröffentlicht wurden - sonntags in den schillerndsten Farben. Es gab damals weder Fernsehen noch Facebook, Kinofilme waren natürlich schwarzweiß. Insgesamt waren die Formen der Unterhaltung im Vergleich zu heute sehr begrenzt, und außer den Comics haben mich vor allem die Abenteuergeschichten fasziniert, die jeden Abend im Radio gesendet wurden. Ich lauschte gebannt den Wörtern, während meine Phantasie die entsprechenden Illustrationen lieferte.

          Ist das der Grund, weshalb jeder der beiden Teile von „Kill My Mother“, Ihrer gerade in den Vereinigten Staaten erschienenen Graphic Novel, mit dem Bild eines Radios beginnt?

          Ja, das Radio war für mich unabdingbar, und obwohl ich heute auch das Fernsehen liebe, geht diesem die Magie, die in meiner Kindheit vom Rundfunk ausging, völlig ab. Comic und Radio waren für mich die Möglichkeiten, dem Alltag der armen jüdischen Familie zu entkommen, in der ich in der Bronx aufgewachsen bin.

          In einigen der atmosphärischen Stadtbilder von „Kill My Mother“ kehren Sie in die Ära der Großen Depression zurück. Weshalb war es für Sie interessanter, diesen Rückblick vorzunehmen, statt von der Realität des heutigen Amerika, etwa am Beispiel einer Geisterstadt wie Detroit, zu erzählen?

          Zum einen hat mich die Reflexion meiner eigenen Vergangenheit interessiert, darüber hinaus ist „Kill My Mother“ aber auch eine Hommage an die Künstler, die ich in meiner Kindheit und Jugend bewundert habe. Deshalb ist das Buch Milton Caniff gewidmet, dem Erfinder des Abenteuer-Comics „Terry and the Pirates“.

          Und dem legendären Zeichner Will Eisner, dessen Assistent Sie im Alter von sechzehn Jahren wurden.

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