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Georgia O'Keeffe in Basel : Immer hinaus ins Offene

Ein Beckenknochen als Monument für Leben und Tod: Georgia O’Keeffe, „Pelvis with the Distance“, Öl auf Leinwand, 1943 Bild: Georgia O’Keeffe Museum / 2021, ProLitteris, Zurich

Viel mehr als eine Blumenmalerin: Die Fondation Beyeler feiert Georgia O’Keeffe mit einer fulminanten Retrospektive, in der die ganze Bandbreite des Schaffens der amerikanischen Künstlerin aufscheint.

          4 Min.

          Eigentlich müssten diese Bilder unter freiem Himmel ausgestellt werden, so heftig zeigt sich in vielen von ihnen die Sehnsucht nach dem offenen Horizont: Wie kaum eine andere Künstlerin setzte Georgia O’Keeffe sich zeichnend und malend den Landschaften aus, in denen sie Ansichten für ihre Werke fand, ob in Texas, im ruralen New York oder in New Mexico, wo sie den bedeutendsten Teil ihrer mehr als sechs Jahrzehnte währenden Schaffenszeit verbrachte. Ein Ford diente dort als mobiles Atelier, unter den sie kroch, wenn die Sonne zu unerträglich auf sie niederbrannte. Doch die lichtgefluteten, offenen Säle der Fondation Beyeler in Basel erweisen sich als überaus geeignete Präsentationsräume für ihre Werke: Bevor Außenrollos eilig herunterfahren, um die Exponate vor der hervorbrechenden Sonne abzuschirmen, flackern Reflexe des Wasserbassins vor dem Museum über die Wände und geben O’Keeffes Bilder für einen Wimpernschlag der natürlichen Welt zurück, der die lebenslange Faszination der amerikanischen Malerin galt.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine kluge Entscheidung war es von der Kuratorin Theodora Vischer, die O’Keeffe-Retrospektive mit knapp neunzig Werken, darunter 77 teils großformatigen Gemälden, auf ihrer dritten Station nach Madrid und Paris nicht chronologisch zu ordnen, sondern topographisch. Bereichert um dreizehn Exponate, die im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza und im Centre Pompidou nicht zu sehen waren, entfaltet sich in Basel das Schaffen der 1887 auf der elterlichen Milchfarm in Wisconsin geborenen „Mutter des amerikanischen Modernismus“ ausgehend von Orten, die ihre Kunst prägten. Dabei löst die Schau das Klischee auf, O’Keeffe sei vor allem die Malerin monumentaler Blumenbilder gewesen, in denen Feministinnen von den Sechzigerjahren an Formen der weiblichen Intimzone paraphrasiert sahen. O’Keeffe selbst zeigte sich ob solcher Deutungen eher verblüfft, was deren Legitimität zwar nicht in Abrede stellt, aber den freudschen Elan relativieren sollte.

          Georgia O’Keeffe, „Landschaft bei Black Mesa“, Öl auf Leinwand, 1930
          Georgia O’Keeffe, „Landschaft bei Black Mesa“, Öl auf Leinwand, 1930 : Bild: Georgia O’Keeffe Museum / Art Resource, NY

          Auch von allzu großer biographischer Faszination lässt sich die Retrospektive nicht verlocken, namentlich was die Ehe O’Keeffes mit dem wesentlich älteren Fotografen Alfred Stieglitz betrifft: eine Verbindung, die die junge Kunststudentin – ausgebildet in Chicago und New York – nicht nur durch Stieglitz’ Kreis und seine Galerie „291“ in der Fifth Avenue mit Avantgardekunst aus Frankreich und amerikanischen Fotokünstlern wie Paul Strand in Berührung brachte, sondern ihr selbst eine Plattform und Förderung ohne Bevormundung sicherte. Zahllose sinnliche Aufnahmen hat Stieglitz von seiner Frau gemacht; sie spielen in dieser Retrospektive ebenso wenig eine Rolle wie weitere Privatissima: die versagte Mutterschaft, ein Nervenzusammenbruch. Nicht darum, welches Bild man sich von O’Keeffe machen kann, geht es, sondern darum, ihren Blick nachzuvollziehen. Es ist die faszinierende Reise durch ein Werk, das in seiner Vielgestaltigkeit verblüfft und doch eine Geschlossenheit aufweist, die in den Anfängen schon alles Kommende im Keim zu enthalten scheint.

          Wie für Wurzelwerk niedrig und dunkel gehalten ist entsprechend das Entree, in dem frühe Arbeiten versammelt sind. Als Kunstlehrerin in South Carolina schuf O’Keeffe 1915/16 abstrakte Kohlezeichnungen, die sie als ihre ersten originären Schöpfungen betrachtete. Auf sie folgten nach einem Umzug in Texas Landschaftsaquarelle in leuchtenden Farben sowie Ölgemälde, in denen die Künstlerin noch sichtlich mit der Pastosität der Farbe kämpft. Ihre Vorliebe für Gegenständliches nur noch vage evozierende Bögen und Schwünge sowie eine der Fotografie abgeschaute Ausschnitthaftigkeit, die Größenverhältnisse ins Unermessliche verunklärt, sind schon hier zu beobachten. Eindrucksvoll weist die Darstellung eines nächtlichen Zugs in der Prärie von 1916 voraus: Ein winziges grafisches Element ist die Lok ohne Waggons, über der riesenhaft eine Dampfwolke in den Himmel wächst. Sie könnte auch ein Blütenblatt sein.

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