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Gauguin-Ausstellung in London : Er wäre so gerne wild gewesen

Gauguin dürfe nicht aus Tahiti nach Frankreich zurückkehren, hat ihm ein Freund geraten: Er habe die „Unantastbarkeit der großen Toten“ erreicht. Die Tate Modern kitzelt nun heraus, wie Gauguin zum Gefangenen seines eigenen Mythos wurde.

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          Hochmütig und mehr als ein wenig selbstgerecht hatte Paul Gauguin sich von der Zivilisation losgesagt und verkündet, in der Südsee unter den Wilden leben zu wollen. Aber die Wirklichkeit reimte sich nicht mit der Vorstellung vom irdischen Paradies, die er allerdings in seinen Bildern nichtsdestotrotz eisern aufrechtzuerhalten suchte. Als ihn die Krankheit zusehends schwächte, begann der rastlose Aussteiger Rückkehrpläne zu schmieden. Sein Vertrauter, der Maler George-Daniel de Montfreid, riet ihm dringend davon ab: Er würde seinen vielen Feinden in die Hände arbeiten. Es sei zu befürchten, dass die Rückkehr „eine Arbeit, eine Entwicklung stören würde, die sich in der öffentlichen Meinung mit Ihnen vollzieht“, schrieb Montfreid an Gauguin: „Sie sind jener legendäre Künster, der tief in Ozeanien seine überraschenden, unnachahmlichen Werke entwirft, Werke, die für einen großen Menschen bestimmend sind, der sozusagen von der Welt verschwunden ist.“

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Gauguin genieße „die Unantastbarkeit der großen Toten“ und dürfe nicht nach Frankreich zurückkommen, räsonierte der Freund, „in der Kunstgeschichte sind Sie vorbei“. Gauguin kam nicht zurück. Der Künstler, der für sich das Recht beanspruchte, „alles zu wagen“, der wenige Monate vor seinem Tod im Alter von knapp fünfundfünfzig Jahren noch verzweifelt fragte, wann endlich die Menschen den Sinn des Wortes Freiheit begreifen würden, besaß diese Freiheit nicht. Er war ein Gefangener seines eigenen Mythos geworden.

          Mehr Inhalt und Narration als bisher gedacht

          Die sowohl im Umfang als auch im Anspruch umfangreiche Londoner Retrospektive in der Tate Modern will zeigen, wie beflissen Gauguin diesen Selbstmythos inszenierte. Es gilt nicht nur, das Rollenspiel zu offenbaren und den Künstler in seiner ganzen Widersprüchlichkeit darzustellen, sondern auch das verbreitete Missverständnis zurechtzurücken, wonach es dem Pionier der Moderne mehr um Form als um Inhalt gegangen sei. Dessen Bestreben, die Kunst von allem Überflüssigen zu befreien, um, wie er selbst bekundete, „die Idee zu komplizieren“, laufe der modernen Tendenz der Sinnentleerung zuwider, argumentiert die Kuratorin Belinda Thomson.

          In „Gauguin, der Mythenmacher“ legt sie dar, wie der sich als spontaner Arrangeur von Farben und Linie ausgebende Künstler im Rückgriff auf eine Vielfalt von Quellen mit anspielungsreichen erzählerischen Strängen operierte, die das romantische Bild des naiven Wilden widerlegen.

          Die Pose des intuitiven Genies

          Mit dem Mythenmacher ist der Regisseur der eigenen Legende ebenso gemeint wie der Erzähler von phantastischen Geschichten, deren Sinn Gauguin bewusst verschleierte, unter anderem durch unverständliche tahitische Titel, auch dies ein moderner Kunstgriff. Belinda Thomson spricht von „erzählerischen Strategien“, wie sie denn überhaupt das Porträt eines überaus berechnenden, von seiner eigenen Bedeutung erfüllten Künstlers zeichnet, der die Rezeption seines Werkes geschickt manipulierte, nicht zuletzt durch die eigenen Schriften, in denen er ebenfalls die Pose des intuitiven Genies einnahm.

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