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Frans Krajcberg : Gebrannter Mann, entflammter Künstler

  • -Aktualisiert am

Frans Krajcberg in seinem Pariser Atelier Bild: Espace Frans Krajcberg

Er überlebte als einziger seiner Familie den Zweiten Weltkrieg und wurde traumatisiert vom Zerstörungswerk des Menschen: Das Vermächtnis Frans Krajcbergs wird nun in Paris gepflegt.

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          Frans Krajcberg sagte von sich selbst, er sei ein „homme brûlé“ – was gleich mehrere Bedeutungen haben kann. Denn er war ein vom Lebensschicksal gebrannter, ein vor Empörung entbrannter, aber auch ein in seinem Engagement für die Natur und alles Lebendige entflammter Künstler. Die emblematischsten Werke des polnisch-brasilianischen Bildhauers, Malers und Fotografen entstanden aus den Überresten verbrannter Gehölze – Bäume, Wurzeln, Palmenstämme –, die er wie Menetekel aus den für die Agrarwirtschaft gerodeten Regenwäldern rettete und dann zu eindrucksvollen „Totems“ skulptierte. Indem er aus Zerstörtem Kunstwerke errichtete, dem malträtierten Baumwerk Schönheit, Noblesse und Würde zurückgab – gewissermaßen die Seele rettete –, ließ er aus Desaster neues Leben in der Kunst entstehen. Der Prozess könnte auch als Metapher für sein Leben gelten.

          Als polnischer Jude, 1921 geboren, erlebte er als junger Mann die traumatischen Ereignisse von Krieg und Vernichtung. Seine Mutter wurde als Kommunistin gleich zu Beginn der deutschen Besatzung hingerichtet. Frans Krajcberg gelang es rechtzeitig, gerade achtzehn Jahre alt, nach Russland zu fliehen, wo er ein Ingenieurstudium absolvierte, aber auch an der Leningrader Kunsthochschule Kurse belegte. Als er am Ende des Krieges unter einem falschen, nichtjüdischen Namen mit der Roten Armee in Richtung Westen vorrückte, entdeckte er die Gaskammern und Krematorien und war an der Befreiung der Konzentrationslager beteiligt. Keiner seiner Angehörigen überlebte den Holocaust.

          Von Stuttgart nach Paris und weiter nach Brasilien

          Auch nach dem Krieg war er als Jude in seiner Heimatstadt Kozienice nicht willkommen. Der Schock all dieser Erfahrungen bestimmte sein Leben. Frans Krajcberg zog gen Westen und setzte nie wieder einen Fuß in seine Heimat. In Stuttgart studierte er einige Monate lang bei Willi Baumeister an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste. Der ehemalige Bauhaus-Lehrer schickte den begabten Schüler mit einem Empfehlungsschreiben an Fernand Léger nach Paris. Léger beherbergte ihn eine Zeitlang. Marc Chagall half dem angehenden Künstler, den europäischen Kontinent, vor allem dessen jüngste Geschichte, hinter sich zu lassen und nach Brasilien auszuwandern. Paris sollte jedoch immer Krajcbergs zweite Wahlheimat bleiben.

          Frans Krajcbergs Haus im Norden Brasiliens
          Frans Krajcbergs Haus im Norden Brasiliens : Bild: Walter Salles

          Die üppige, vitale Natur Brasiliens, wo er sich 1947 niederließ, hatte zweifellos einen heilenden Einfluss. Sein erstes Atelierhaus baute Krajcberg mitten im Regenwald südlich von São Paulo im Bundesstaat Paraná. „Die Natur hat mir Kraft gegeben“, erklärt er, „sie hat mir das Bedürfnis, zu fühlen, zu denken, zu arbeiten, zurückgegeben: zu überleben.“ Der Kampf gegen die Naturzerstörung steht fortan im Mittelpunkt seines Lebens und seiner Kunst.

          Am Montparnasse in einer bukolischen Gasse

          In Paraná wird Krajcberg Zeuge der Brandrodungen der majestätischen Urwälder. Auch sein Atelierhaus fällt den Flammen zum Opfer. In Tausenden Fotografien hält er über Jahrzehnte hinweg die Schönheit der brasilianischen Fauna und Flora fest und dokumentiert zugleich die Umweltkatastrophe im Amazonasgebiet. Der ökologischen Katastrophe setzt er seine Kunst entgegen, für die er aus der Natur stammende Materialien verwendet: vorgefundene pflanzliche Elemente – Stämme, Geäst, Hülsen, Blätter, Kiesel – und natürliche Farbpigmente. Mit dem französischen Kunstkritiker Pierre Restany verfasst Krajcberg 1978 ein „Manifest für einen integralen Naturalismus“. Er bleibt jedoch ein Einzelgänger, selbst wenn er dem Nouveau Réalisme nahesteht und in seinem Werk Parallelen zur Land-Art offensichtlich sind.

          Schon Ende der fünfziger Jahre nahm Frans Krajcberg ein Atelier in einer kleinen Sackgasse am Montparnasse. Der für das Viertel einst typische „Chemin de Montparnasse“ mit seinen Werkstätten und Künstlerateliers hat Geschichte. Die Künstlerin Marie Vassilieff hatte unter anderem dort ein Atelier und gründete 1908 ihre Russische Akademie, die von Amadeo Modigliani, Ossip Zadkine oder Chaïm Soutine besucht wurde. Während des Ersten Weltkrieges öffnete sie eine Kantine, um Künstlern eine billige Mahlzeit zu servieren, darunter Pablo Picasso, Henri Matisse und Fernand Léger.

          Bis heute konnte das bukolische Gässchen vor dem Abriss bewahrt werden und bildet eine Oase inmitten des Großstadtgetöses. Das ehemalige Atelier des brasilianischen Künstlers ist unter dem Namen „Espace Krajcberg“ zu einem aktiven Zentrum für sein Werk, sein ökologisches Engagement und seinen Nachlass geworden. Auf leider etwas engem Raum geben etwa fünfunddreißig Skulpturen, Basreliefs und Fotografien Einblick in sein Werk, darunter seine Schattenriss-Plastiken, für die skulpturale Pflanzenwüchse von einem hölzernen Relief gespiegelt werden, einige seiner imposanten, „Revolte“ betitelten Totem-Baumskulpturen und die Gemälde-Assemblagen, für die Krajcberg vorgefundene Naturelemente mit Farbpigmenten verbindet.

          Immer ging es ihm darum, die plastische Schönheit, die in der Natur vorherrscht, durch Kunst zu sublimieren und gleichzeitig seine tragische, alarmierende Nachricht von der Zerstörung durch Menschenhand zu vermitteln. Frans Krajcberg starb 2017 mit sechsundneunzig Jahren an einem Krebs, der seine Haut wie zu verbrennen schien. Am 12. April wäre er hundert Jahre alt geworden.

          Demnächst wieder geöffnet: Espace Krajcberg, Chemin de Montparnasse, Zugang 21, Avenue du Maine, Eintritt frei. Derzeitige temporäre Ausstellung: Fotografien von Sebastião Salgado

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