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Fotos von Lee Friedlander : Ordnung muss sein

Wie viele Rahmen verträgt ein Foto und wie viele Motive ein einzelnes Bild? Montana, 2008, aus Lee Friedlanders Serie „America by Car“ Bild: c/o Berlin

Volle Straßen und leere Landschaften, alte Autos und junge Frauen: c/o Berlin breitet das großartige Werk des Fotografen Lee Friedlander aus.

          4 Min.

          Lee Friedlander war noch ein Kind, als er ein Bild seines Onkels Vern neben dessen neuem Auto knipste. Aber er war vermutlich ein gutes Stück älter, als er begriff, wie viel mehr auf dem Foto zu sehen war als nur der Verwandte mit dem Hudson, nämlich: ein Teil der Wäsche von Tante Mary sowie deren Hund Beau Jack, der gerade an den Zaun pinkelte, außerdem eine Reihe knollenförmiger Begonien und siebenundachtzig Bäume plus eine Million Kieselsteine in der Einfahrt. Die Fotografie, erkannte Friedlander, ist ein sehr generöses Medium. Und er nutzte diese Großzügigkeit fortan reichlich aus. Vermutlich hat kein anderer Fotograf je so viel in seine Bilder gepackt wie er.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Sie quellen über vor Information. Alles ist interessant, macht Lee Friedlander dem Betrachter unmissverständlich klar und überfordert ihn nicht wenig, wenn er sich nicht zufriedengibt mit dem Blick auf das Gewusel in den Straßen voller Menschen und Autos, Schilder und Plakate, Zäune und Skulpturen, auf die Telefonhäuschen und Fassaden der Häuser, sondern durch Reflexionen in Spiegeln und Schaufensterscheiben weitere Perspektiven anlegt, die nicht auf Anhieb zu entschlüsseln sind und mit deren Hilfe er die Bilder Schicht um Schicht buchstäblich vertieft. Und mittendrin er selbst. Mal als Spiegelbild, mal als sein Schatten, der sich so dämonisch wie der Doppelgänger in den düsteren Erzählungen der Romantik selbständig zu machen scheint, vielleicht nach Halt sucht, wenn er sich an Lampenpfosten klammert oder sich über den Pelzkragen einer Passantin schmiegt, vielleicht aber auch ausreißen möchte aus diesem Wirrwarr, diesem Mahlstrom des Lebens.

          Und immer verweist er zugleich auf die Rolle des Eindringlings, die er als Fotograf notgedrungen einnimmt. Als Lee Friedlander die Aufnahmen 1970 zu einem kleinen Buch bündelt, betitelt er es „Self Portrait“. Als hätte er in diesen Momenten des Alltags eine Entsprechung für die eigene Befindlichkeit gefunden.

          Einsamkeit, Sehnsucht, Melancholie

          Schlicht „Lee Friedlander“ heißt eine Präsentation in der Berliner Ausstellungshalle c/o – übernommen von der Fundación Mapfre in Madrid –, die mit etwa dreihundertfünfzig Arbeiten aus gut sechs Jahrzehnten einen Überblick über dessen Werk gibt, wie es ihn in Deutschland größer nie gab. Im Zentrum stehen Straßenbilder und Selbstporträts als das Herzstück von Friedlanders Zugang zur Welt – aber auch als vollkommene Beispiele dafür, wie er nicht nur mit seiner Umgebung hadert, sondern immer wieder von Neuem die Möglichkeiten der Fotokunst und der fotografischen Techniken austestet und dabei alle Konventionen der klassischen Kompositionsregeln sprengt. In nahezu jedem seiner Bilder scheint eine Art Antithese zur Fotografie formuliert.

                        Steine, wo andere Herz und Nieren haben –  Lee Friedlanders Schatten im  Canyon de Chelly, 1983
          Steine, wo andere Herz und Nieren haben – Lee Friedlanders Schatten im Canyon de Chelly, 1983 : Bild: c/o Berlin

          Dabei begann seine Karriere so brav und konventionell, wie man es bei einem jungen, kommerziellen Fotografen in den Fünfzigerjahren erwartet: mit Auftragsarbeiten. Das waren bei ihm Porträts von Jazzmusikern für die Plattenhüllen des Labels Atlantic. Obwohl er erst Mitte zwanzig war, arbeitete er mit den wichtigsten Künstlern der Szene – von Aretha Franklin und Miles Davis bis John Col­trane und Ray Charles. Aber spannender sind die Bilder, die er zur gleichen Zeit für sich in Hotel- und Motelzimmern aufnahm: von laufenden Fernsehgeräten zwischen kargem Mobiliar. Ein Moment von Gesellschafts- und Medienkritik verschmilzt darin mit einem Gefühl von Einsamkeit, Sehnsucht und Melancholie. Lebenslust sieht anders aus. Und doch ist Friedlander viel weniger ein grüblerischer als ein aufgeweckter Fotograf, der sich jeglichen Theorien entwindet und immer nur sucht. Neues sucht. „Wenn man die Antwort weiß, wozu dann die Frage stellen“, fasste er das bei Gelegenheit zusammen. Und dann sagt er über seine Bilder noch, dass sie doch allesamt sehr amüsant seien.

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