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Duane Michals zum Neunzigsten : Ich bin viel netter als Gott

Epiker der Fotografie: Duane Michals Bild: Anthony Barboza / Getty Images

Er interessiert sich für Alternativen zu unserer Welt und kann mit zwei, drei Bildern ganze Lebensgeschichten erzählen. An diesem Freitag wird der Fotograf Duane Michals neunzig Jahre alt.

          3 Min.

          Duane Michals ist ein Erzähler. In Bildern. Und in Texten. Meist auf ein und demselben Blatt miteinander kombiniert. Oben ein Schwarz-Weiß-Foto, unten ein paar Zeilen in krakeliger Handschrift, manchmal auch nur ein paar Wörter. Das Ganze bündelt er zu Sequenzen, aus denen sich in epischer Breite eine komplizierte Handlung ergeben kann, fast wie ein kleiner Fotoroman, oder er fasst Geschichten in solch lyrischer Dichte zusammen, dass er dafür nur zwei, drei Bilder benötigt. So lange macht er das schon, dass manche sagen, er habe 1970 mit seiner Einzelausstellung im Museum of Modern Art ein neues Genre geschaffen, in dem heute etliche Künstler arbeiten und für das es mittlerweile Begriffe wie „Story Art“ oder „Narrative Art“ gibt, während Michals zunächst ganz schlicht von „Photo Story“ sprach. Bei ihm sieht man dann etwa auf einer Aufnahme das Ehepaar Anna und Stephen Matik im Jahr 1962 vergnügt vor seiner Kamera posieren, dreizehn Jahre später liegt sie und fünfzehn Jahre später er tot im Sarg. Drei Bilder für ein Leben zu zweit.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Der Tod zählt zu den zentralen Motiven in Duane Michals’ Werk. Direkt, wenn er Konterfeis als ihre eigene Totenmaske porträtiert. Indirekt, wenn er vor den Pyramiden von Gizeh mit herangeschleppten Steinen eine eigene Pyramide errichtet, bevor er sich für ein Selbstpor­trät in eine Grabkammer legt. Und künstlerisch inszeniert in Doppelbelichtungen, die einen Körper auf einer Bahre hingestreckt zeigen, aus dem sich eine geisterhafte Erscheinung schält und mit drei, vier Schritten den Raum verlässt. „Die Seele steigt aus dem Körper“ heißt die Arbeit. In einer anderen klettert ein nackter Mann Stufen hinauf, bis er sich am Treppenabsatz in gleißendem Licht auflöst: „A Man Going to Heaven“.

          Wenn das Weltall in einen New Yorker U-Bahnhof einbricht

          Doch was immer sich bei Duane Michals an christlichen Motiven und christlicher Ikonographie findet, selten spendet es Trost. Und als der Heiland in einer anderen Bilderzählung zurück auf die Erde kommt, beobachtet er nur bedrückt die Ungerechtigkeiten einer gefühllosen Gesellschaft – und wird von einem Straßenräuber erschossen, bevor man ihn als den Messias erkennt. Den Versprechen der Religion steht Michals stets misstrauisch gegenüber. Einmal schreibt er sogar: „I am much nicer than God“ – und listet auf, welche Widrigkeiten des Lebens er nicht zulassen würde.

          Was Duane Michals interessiert, sind die Alternativen zu unserer Welt, Spekulationen darüber, was es auch geben könnte. Wirtschaft und Politik spielen dabei die geringere Rolle, eher noch das gesellschaftliche Miteinander zwischen Begierden und Furcht. Noch häufiger aber umkreist er Gedanken der Esoterik, wenn etwa das Weltall in einen New Yorker U-Bahnhof einbricht. Er folgt der Märchenfigur Alice mit seiner eigenen Reise hinter den Spiegel, um das Geheimnis vermeintlich gewöhnlicher Dinge zu ergründen. Und immer wieder landet er im Surrealismus, wenn er Träume in Bilder gießt. Dann führt er den Betrachter tiefer und tiefer in verwirrende Welten – und zieht ihn in kaum zu begreifender Logik im letzten Bild einer Serie exakt zurück an den Ausgangspunkt der Geschichte, dass man ungläubig zum Anfang zurückblättert. „Die Dinge sind seltsam“, steht darüber. Ebenso gut könnte dort stehen: „Vertrauen Sie nie einer Fotografie!“

          Der Schatten einer Ente

          Duane Michals kam als Sohn eines Stahlarbeiters und einer Haushälterin in einem der Industrieorte Pennsylvanias zur Welt. Schon auf der Highschool fühlte er sich zum Künstler berufen, bricht seine Kunststudien an verschiedenen Schulen jedoch alle irgendwann ab, erkennt während einer Russlandreise 1959 seine Leidenschaft für die Fotografie und beginnt fast augenblicklich mit großem Erfolg für Tageszeitungen, Modeillustrierte und Wissenschaftsmagazine zu fotografieren. Schon bald nimmt er Titelgeschichten für „Life“ und die Bilder für Plattenhüllen von Popstars auf. Zugleich fasst er Fuß im Kunstmarkt und tummelt sich in den Kreisen um Andy Warhol und Joseph Cornell, Marcel Duchamp und René Ma­gritte.

          Deren Porträts bilden einen zweiten Schwerpunkt in seinem Œuvre und sind doch durch Unschärfen, Mehrfachbelichtungen oder verwirrende Spiegelungen eng mit dem anderen Werk verzahnt. Und so bleibt am Ende auch offen, ob er sich mit seinen Selbstbildnissen in die zeitgenössische Künstlerriege einreiht oder ob er mangels eines anderen Modells für Inszenierungen eingesprungen ist, in denen er sich als Teufelsfratze zeigt oder sich als Schatten einer Ente an die Wand wirft. An diesem Freitag wird er neunzig.

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