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Fotoausstellung : Sternsekunden der Menschheit

Leonid Breschnew und Willy Brandt, auf Barbara Klemms legendärem Foto von 1973. Bild: Barbara Klemm

Ritterschlag für die langjährige F.A.Z.-Fotografin Barbara Klemm: Was in der Zeitung über dreieinhalb Jahrzehnte hinweg in Einzelbildern zu sehen war, addiert sich im Berliner Martin-Gropius-Bau zur großen Reportage unserer Zeit.

          3 Min.

          Es war ein warmer Tag im Sommer des Jahres 1971, als Barbara Klemm vor einer Trinkhalle im Frankfurter Gallus-Viertel eine Gruppe von Männern fotografierte, fast alle mit kurzen Ärmeln, einer sogar in kurzer Lederhose und einige von ihnen mit einer Flasche Bier in der Hand. „Mach mal Pause“, empfiehlt ein Werbeplakat an der Wand des Kiosks, und wie die Männer da so friedlich beieinanderstehen, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass diese Pause nie zu Ende gehen wird. Und deshalb stellt man sich auch vor, dass der Bub im Vordergrund, ebenfalls in kurzen Lederhosen, im Mannesalter an die Theke vorrücken wird, um selbst für alle Zeiten teilzuhaben an dieser beschaulichen Welt des Wasserhäuschens, diesem Idyll inmitten der Großstadt. Dabei war exakt ein Jahr zuvor und nur wenige Straßenzüge von dem Kiosk entfernt die Welt auf dem besten Weg, aus den Fugen zu geraten. Da waren im Laufschritt, untergehakt zu breiten Reihen, Studenten im Bahnhofsviertel unterwegs gewesen, um gegen den Vietnam-Krieg zu demonstrieren und bei dieser Gelegenheit auch gleich eine neue Weltordnung zu fordern. Wiederum war Barbara Klemm dabei und konnte den Proteststurm binnen eines Wimpernschlags bannen. Auch dieses Bild wurde zu einer Ikone der Zeitgeschichte.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Der Stillstand kommt dem Wesen der Fotografie entgegen, denn das Foto hält den Weltenlauf auf ewig an. Der Umbruch aber kommt dem Wesen des Fotojournalisten entgegen. Dabei sein, wenn die Geschichte in diese oder jene Richtung gelenkt wird, darum geht es, und dann den Moment erkennen und in solcher Perfektion fixieren, dass später eine ganze Generation sagen wird: Wir sind dabei gewesen - selbst jene, die ihn nur aus dieser Fotografie kennen. Denn das ist das höchste Ziel jedes Fotoreporters: dass seine Bilder zu unserem Gedächtnis werden.

          Monumentale Werkschau

          Barbara Klemm ist oft dabei gewesen, und viele ihrer Bilder haben sich für immer in unsere Erinnerung eingebrannt. Fünfunddreißig Jahre lang, von 1970 bis zu ihrem Ruhestand 2004, hat sie als Redaktionsfotografin dieser Zeitung den Zustand wie den Wandel dieser Republik dokumentiert: von den Ost-Verhandlungen bis zum Mauerfall, vom Misstrauensvotum in Bonn 1982 über Demonstrationen gegen Atomkraft oder die Stationierung von Mittelstreckenraketen bis zu jenem Wahlabend 2002, als Edmund Stoiber einen Moment lang dachte, die Wahl gegen Gerhard Schröder gewonnen zu haben, und triumphierend die Arme in die Höhe streckte. Und doch ist Deutschland nur ein Kapitel in Barbara Klemms gewaltigem OEurvre, das sich über den gesamten Globus spannt. Überall auf der Welt hat sie die Großen der Politik, der Wirtschaft und der Kultur begleitet, und ein Berufsleben lang hat sie immer wieder bei den kleinen Leuten am Rande der Gesellschaft und nicht selten auch am Rande der Weltkarte haltgemacht. Und man könnte meinen, dass sie im konzentrierten Blick auf eben deren Alltag einen Ausgleich gefunden hat zu jenen Begegnungen, die in die Zeitgeschichte eingegangen sind. Eine Art Korrektiv. Bei ihnen fand sie, frei vom Bemühen um Aktualität, aber auch ohne jemals falsch verstandener Sozialromantik zu erliegen, Augenblicke von Allgemeingültigkeit.

          Barbara Klemms Fotografien haben das Erscheinungsbild dieser Zeitung maßgeblich geprägt, fast immer waren es Einzelbilder: Ein-Bild-Reportagen. Das wiederum liegt am Wesen der Tageszeitung, an deren selbstgestellten Auftrag, die Dinge auf den Punkt zu bringen - und ein wenig auch am Mangel an Platz. Da lag es nahe für sie, über die Jahre hinweg ihre Aufnahmen immer wieder neu thematisch zu bündeln und mal den Künstlerporträts, mal den Straßenfotografien, dann wiederum den Bildern einer Region ein eigenes Buch oder eine eigene Ausstellung zu widmen. Aber jetzt erst, da ihr im Martin-Gropius-Bau in Berlin eine monumentale Werkschau ausgerichtet wird mit mehr als dreihundert Abzügen, jetzt erst wird deutlich, dass all diese Bilder nur Teil gewesen sind einer viel größeren Absicht - nämlich Geschichte zu erzählen und nicht einfach nur Geschichten. Fast meint man, einen Film zu sehen. Und man staunt, wie sich all die Einzelbilder nun zur großen, weltumspannenden Reportage unseres Lebens zusammenfügen.

          So ist diese Ausstellung, die insgesamt fünfundvierzig Jahre umfasst, eben keine „Best of“-Veranstaltung, sondern die präzise Wiedergabe allmählicher Veränderungen politischer und sozialer Zustände. Zeitungsseiten, auf denen die Bilder zum ersten Mal veröffentlicht wurden, bilden dazu das Gerüst. Sie geben den Takt der Geschichte vor und markieren Ortswechsel bei einer Reise ebenso um den Globus wie durch die Zeit. Und am Ende eines langen Spaziergangs durch die Räume und Säle des Museums wird der Besucher sagen: Ich bin dabei gewesen.

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