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„Der Blaue Reiter“ : Träumen von Pferden und Klängen

Die Fondation Beyeler in Basel erzählt die wahre Geschichte des „Blauen Reiters“ und zeigt, wie sich die Geister an seiner Interpretation scheiden.

          4 Min.

          Unter den in jüngerer Zeit entstandenen Kunstmuseen erinnert die Fondation Beyeler in Riehen am ehesten an einen Wallfahrtsort. Schon die Anreise mit der Straßenbahn vom Basler Zentrum hügelan in das Städtchen, in dem die Fondation residiert, hat etwas von einer Pilgerfahrt, und wenn man dann vor dem langgestreckten Pavillon mit den gläsernen Tempelfronten steht, den Renzo Piano in den Riehener Gutspark gebettet hat, fragt man sich, warum der Architekt seine Schöpfung nicht gleich mit einem Altar gekrönt hat. Aber der Altar ist ja das Gebäude selbst: ein heiliger Kubus der Kunst.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und heilig ist auch das, was es dort seit Anfang September zu sehen gibt. Man muss die Ausstellung „Kandinsky, Marc & Der Blaue Reiter“ vom Ende her betrachten, vom letzten ihrer Säle, um zu ermessen, welches Glück im Zusammentreffen dieser Kunst und dieses Ortes liegt. Da hängen an gegenüberliegenden Wänden die Hauptwerke Kandinskys aus dem letzten Jahr vor dem Ersten Weltkrieg, die „Komposition VII“ aus der Tretjakow-Galerie und die „Improvisation Sintflut“ aus dem Lenbachhaus, dazu das „Bild mit drei Flecken“ aus Madrid und eine „Fuge“ aus der Beyeler-Sammlung. An der westlichen Querwand dagegen reihen sich drei Großformate von Franz Marc: die „Angst des Hasen“ von 1912, die „Weltenkuh“ aus dem folgenden Jahr und, Gipfel und Schlussakkord seiner Malerei, die „Wölfe“, Marcs finstere Allegorie auf die Balkankriege. Es ist, als hätte der Raum auf diese Bilder gewartet, um sie in seinem weichen Herbstlicht zu baden.

          Den „Blauen Reiter“ nachgebaut

          Dies hier, könnte man meinen, ist die Endstation der Moderne: der weiße Kubus als Walhalla der Abstraktion. Aber die Riehener Kuratoren wollen diese Bilder nicht nur zeigen. Sie wollen sie erklären. Sie wollen die Geschichte einer Bewegung erzählen, die kurz nach der Jahrhundertwende in Murnau im Voralpenland begann und nur wenig später in den Gräben und zwischen den Fronten des Ersten Weltkriegs erlosch. Den Höhepunkt dieser Geschichte bildet der Almanach, den Marc und Kandinsky im Mai 1912 herausgaben: „Der Blaue Reiter“. Seit langem gilt er als Gründungsmanifest der modernen Kunst. Dabei enthält das Buch, wenn man genau hinschaut, alles Mögliche, nur kein Programm. Und die Kuratoren der Fondation Beyeler haben sehr genau hingeschaut.

          So genau, dass sie den „Blauen Reiter“ am Ende nachbauen konnten, als Installation im Raum. Der Saal, in dem die Kunstwerke, die Kandinsky und Marc in ihren Almanach aufnahmen, als Originale oder Reproduktionen versammelt sind, bildet das Herzstück der Ausstellung. Man sieht balinesische Figuren und bayerische Votivbilder, Holzschnitte aus Japan und von Hans Baldung Grien, eine Gesichtsmaske aus Gabun und eine Kriegerstatuette aus Borneo, je ein Picasso, Delaunay und Kokoschka und mehrere Werke von Henri Rousseau. Der gemeinsame Nenner dieser Fundstücke lag für die beiden Herausgeber darin, dass sie nicht „akademisch“ waren: keine Salon- und Kanonkunst, keine Klassik, keine Renaissance.

          Aber schon bei der näheren Bestimmung des Neubeginns, den sie der Kunst ihrer Zeit verordnen wollten, waren Marc und Kandinsky sich uneins. Während der eine von einem zweiten Frühchristentum träumte, in dem die Künstler die Rolle der Apostel spielen sollten, plante der andere die Wiedererweckung der Malerei aus dem Geist der Musik Arnold Schönbergs. Marc, der den Impressionismus als romanisches Augenspiel abtat, war ein Mystiker der Anschauung, Kandinsky, der in Murnau den Sprung in die Nichtgegenständlichkeit vollzogen hatte, ein Prophet des eigenen Ichs, des Malersubjekts, das die Formen aus sich selbst heraus gebiert. Einigkeit bestand bei beiden allein in der Vergötterung der „inneren Notwendigkeit“ ihrer Kunst: Niemand, keine Mode, kein Galerist und kein Krieg sollte den Künstler von seinem Kometenflug abbringen dürfen. Wir wissen, dass es anders kam.

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