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Di Cosimo in Florenz : Der Tag, an dem die Nymphe starb

In seinen Bildern kippt das Schönheitsideal der Renaissance: Florenz feiert das Werk des Malers Piero di Cosimo, dessen Antike nicht edel, sondern gefährlich ist.

          4 Min.

          Das Seeungeheuer, schreibt Ovid, zerteilte die Wellen „wie ein schnelles Schiff mit dem Schnabel am Bug“ und drehte sich „wie ein wilder Eber“, als ihm Perseus, der Retter Andromedas, seinen Krummsäbel in den Nacken stieß. Und genau so, getreu der Schilderung in den „Metamorphosen“, hat Piero di Cosimo um 1510 die Szene gemalt: das drachenköpfige Monster, dessen Pranke die Wogen schaumig schlägt, der Wasserstrahl, „vermischt mit purpurnem Blut“, der aus seinen Nüstern schießt, den Helden mit Flügelschuhen und gebogenem Schwert, der wie ein Tänzer auf dem Rücken des Untiers balanciert.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Andere Details hat der Maler erfunden: die roten Bänder etwa, mit denen Andromeda nicht wie bei Ovid an einen Felsen, sondern an einen knorrigen Baumstumpf gefesselt ist; die bizarren Musikinstrumente, Laute und Flöte in einem, mit denen im Vordergrund bereits ihre Befreiung gefeiert wird; und die Landschaft ringsum, die so gar nichts Äthiopisches hat, wie es der Mythos verlangt, sondern den bergigen Phantasiewelten gleicht, mit denen die niederländischen Künstler ihre Historienbilder schmückten.

          Piero di Cosimos „Befreiung der Andromeda“ ist eines der Glanzlichter der Ausstellung in den Uffizien, die zum ersten Mal in Europa das Werk des Malers aus Florenz in einer Einzelschau vorstellt - ein Bild, über das man nicht genug staunen kann, weil es in seiner wilden Farbigkeit, seiner unbändigen Bewegtheit und Formenfülle einem Zauberkasten gleicht, aus dem der Manierismus, das Kolorit eines Turner oder Delacroix, der Surrealismus und noch die Pop-Art geschöpft haben. In der Malerei seiner Zeit hat Pieros „Befreiung“ nicht ihresgleichen.

          Imaginäres Stelldichein mit Botticelli und Bartolomeo

          Es gibt noch viele solche Bildwunder in der Ausstellung zu sehen, manche mit antik-mythologischen, andere mit christlichen Sujets. Was sie alle verbindet, ist die Abwesenheit jener wiedererkennbaren Kombination stilistischer Eigenarten und thematischer Vorlieben, die man gemeinhin mit dem Begriff der Künstlerpersönlichkeit bezeichnet. Tatsächlich mag man kaum glauben, wenn man durch die Säle im ersten Stock der Uffizien geht, dass all diese Werke, ob Zeichnungen oder Gemälde, von demselben Maler stammen sollen. Manche wirken wie von drei oder vier verschiedenen Händen geschaffen, andere deuten das Puzzle der Stile, das sie auszeichnet, schon im Titel an.

          Etwa die „Thronende Madonna mit Kind und Engeln und der heiligen Elisabeth von Ungarn, Katharina von Alexandria, Sankt Peter und dem Evangelisten Johannes“, Pieros Hauptwerk von 1493. Auf dem Altarbild, das für die Kirche des Ospedale degli Innocenti, des städtischen Waisenhauses von Florenz, entstand, geben sich gleich mehrere von Pieros Kollegen und Konkurrenten ein imaginäres Stelldichein. Die Jünglinge im Hintergrund der Szene scheinen der Botticelli-Werkstatt entsprungen, die beiden weiblichen Heiligen im Vordergrund erinnern an Frauenfiguren von Fra Bartolomeo, der wie Piero bei dem vielseitigen Cosimo Rosselli in die Lehre ging, und die Kirchenväter zu beiden Seiten haben einen starken Ghirlandaio-Touch.

          Andererseits liegt auf dem Gesicht der Jungfrau eine herbe Süße, die mit keinem zeitgenössischen Meister vergleichbar ist, und auch die Requisiten des Geschehens, von der Märtyrerkrone und den Radspeichen zu Füßen der Katharina über die pausbäckigen Engel, die den Baldachin tragen, bis zu den Himmelsschlüsseln des Petrus zeigen eine ganz eigensinnige Mischung aus flämischer Feinmalerei und toskanischem Formgefühl. Kein Wunder, dass die Kunstgeschichte lange Zeit mit Piero di Cosimo wenig anzufangen wussten: Es ist, als hätte er sich bei seinen Zeitgenossen jeweils das Beste abgeschaut, um es mit den Früchten seiner eigenen Imagination zu ergänzen. Ein Markenzeichen à la Botticelli entsteht so nicht. Aber eine rätselhafte und vielsagende Malergestalt auf dem schmalen Grat zwischen Renaissance und Manierismus.

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