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Festival Transmediale : Kunst – was war das nochmal?

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Abschließend entschuldigte sich der Moderator für die überkommene Institution der frontalen Podiumsdiskussion, die einem zurückliegenden Zeitalter entstamme und sicher bald, wie alle Institutionen, neuen Formen weichen würde; bilanzierte, dass es doch das Wichtigste sei, dass man einander überhaupt begegne und spüre, und schlug vor, das Gespräch vorzeitig ins Café zu verlagern, nicht ohne das Zugeständnis, dass es sich beim Café natürlich auch um eine Institution handle.

Am selben Tag feierte die Uhrenfirma Rolex im eigens angemieteten Deutschen Theater den Abschluss der jüngsten Runde ihres Meisterschülerprogramms, für welches etablierte Künstler mit sechsstelligen Beträgen ausgestattet werden und von noch etablierteren, noch besser ausgestatteten Künstlern ein Jahr lang Nachhilfe erhalten. Das „Rolex Mentor and Protégé“-Programm ist eine der klügsten, teuersten und dekadentesten Marketingkampagnen, die man sich denken kann. Anders als im Haus der Kulturen scheint Rolex einen klaren Begriff von Kunst zu haben, nämlich, wie es die Leiterin der Philanthropie-Abteilung am nächsten Abend in der ebenfalls eigens angemieteten, voll besetzten Berliner Staatsoper ausdrückte: „Exzellenz“. Dieser Begriff muss dann nur durch eine schillernde Versammlung von Künstlerpersönlichkeiten gefüllt werden. Bevor Philip Glass, Joan Jonas, David Chipperfield und ihre Protegés auf die Bühne kamen (unter vierzehn Beteiligten waren vier Frauen; und von denen sollte man sich unbedingt die peruanische Komponistin Pauchi Sasaki merken), inszenierten Videoeinspieler die erfolgreiche Zusammenarbeit. Die Künstler gerieten darin zu Künstlerkarikaturen und ihr Leben zur existentiellen Metapher für visionäres Handeln und Erfolg, also für Unternehmergeist. Im Anschluss ging es mit den rund tausend Gästen zum Galadinner ins ebenfalls eigens angemietete Konzerthaus.

Die Dämme zwischen Kunst und Leben brechen

Die Transmediale und Rolex: zwei Momentaufnahmen von zwei entgegengesetzten Polen des Feldes, das wir Kunst nennen. Am einen ist Kunst Erforschung der Gegenwart und Ausweis politischer Haltungen, am anderen ist sie teurer Luxus. Am einen sitzen gewissermaßen die Erben der Achtundsechziger, am anderen Adorno, der im Bunde mit den herrschenden Besitzverhältnissen die Autonomie hochhält. Am einen herrscht eine gewisse Ratlosigkeit, welche Rolle die Kunst in der Verteidigung individueller Freiheit spielen könnte, am anderen dient die Kunst als unter dem Einsatz horrender Summen von Geld geförderter Rohstoff für die erzählerische Aufwertung einer Luxusmarke. Beide Veranstaltungen zeugten davon, dass sich im Dreieck von Künstler, Werk und Gesellschaft gerade etwas grundlegend verschiebt.

Was, wenn die in den letzten Monaten aufgeflammten Angriffe auf die Kunst, in denen die Skulptur eines Galgens plötzlich zum Galgen wird (#SamDurant) und die latent lüsterne Darstellung eines Mädchens zum toxischen Trigger von pädophiler Lüsternheit (#Balthus), nur eins unter vielen weiteren Symptomen dafür sind, dass gerade die Dämme zwischen Kunst und Leben brechen, wenn auch anders, als sich das die Avantgarden des 20. Jahrhunderts immer gewünscht haben? Wenn die Tatsache, dass „es in der gegenwärtigen Debatte keine Trennung zwischen Künstler und Werk gibt“, wie die Hamburger Deichtorhallen den Aufschub ihrer Ausstellung des sexueller Übergriffe beschuldigten Fotografen Bruce Weber begründen, nicht nur aus moralischem Überschuss erwächst, sondern tatsächlich einer tiefgreifenden Veränderung im Umgang mit Kunst entspricht, und zwar nicht nur seitens des Publikums, sondern auch seitens von Künstlern, Galeristen, Kuratoren und Kritikern?

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