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Die Expo in Mailand : Hier ist keine Allegorie zu schief

Die Expo Mailand, die heute eröffnet, will den Planeten retten – mit einer gewaltigen Materialverschwendung. Und Rem Koolhaas hat im Süden der Stadt einen Campus mit einem goldenen Turm gestaltet, der in die Zukunft leuchtet.

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          England ist fertig. Der Pavillon steht, und er soll, so wurde der Presse bei der Vorstellung erklärt, an einen „Beehive“, einen Bienenstock also, erinnern, wobei „beehive“ auch der Begriff für eine schwer auftoupierte Frisur ist, und vor allem so sieht der britische Pavillon aus: als stünden dem Haus die Haare zu Berge. Was wiederum ein ganz passendes symbolisches Bild für diese Weltausstellung in Mailand ist, die alles anders machen sollte als die Weltausstellungen vor ihr – keine eitlen Selbstdarstellungswettkämpfe der Nationen in Nationenpavillons, kein Eiffelturm, kein Atomium, kein „Die Welt von morgen“-Panorama wie 1967 auf der Expo in Montreal.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          In Mailand soll es um eine drängende aktuelle Menschheitsfrage gehen, „Nutrire il pianeta, energia per la vita“, also „den Planeten ernähren, Energie für das Leben“ ist das Motto, und die Teilnehmer sollten irgendwie „Technologie, Innovation, Kultur, Tradition und Kreativität mit den Themen Ernährung und Essen verbinden“. Wie öfter in Italien (obwohl man in Deutschland, Stichwort Stuttgart 21, Flughafen Schönefeld und Elbphilharmonie, bitte mit Spott über in Schieflage geratende Großprojekte vorsichtig sein sollte) verbanden sich aber schon im Vorfeld die Themen Kultur, Tradition und Kreativität vor allem mit den Themen Mafia und Korruption. Im vergangenen Jahr wurde ein Korruptionsring ausgehoben, der die Ausschreibungen für die Expo kontrolliert und dafür ansehnliche Bestechungsgelder kassiert hatte. Danach ging es ohne Bestechungen, dafür aber auch sehr viel langsamer voran: Anfang April waren laut „La Repubblica“ erst neun Prozent der Pavillons fertig, und ein Ingenieur wurde mit den Worten zitiert, es bedürfe eines Wunders, damit der zentrale italienische Pavillon mit seiner die Luft reinigenden Hightech-Fassade fertig werde. Allein für die „Operation camouflage“, den Plan, die Baustellen zur Eröffnung mit großen Planen zu verhüllen, sollen jetzt drei Millionen Euro ausgegeben werden.

          Materialverschwendungsorgie von epochalem Ausmaß

          Doch das ist nicht das einzige Problem dieser Expo, bei der 140 Länder, Organisationen und Firmen Pavillons errichtet haben, die jeweils zwischen zehn und dreißig Millionen Euro kosten und nach dem 31. Oktober größtenteils abgerissen und verschrottet (vornehme, ökologisch korrekte Formulierung: „rückgebaut“) werden. Das Problem sind die Pavillons selber: schon deswegen, weil es schlecht nachvollziehbar ist, warum man ausgerechnet zum Thema, wie man Ressourcen schont und so die Grundlagen der Welternährung sichert, eine Materialverschwendungsorgie von epochalen Ausmaßen veranstaltet, bei der Reispflanzen, Landmaschinen, Kaffeebohnen und Apfelringe wie die Exponate einer Schmuckmesse in dramatisch verbogenen, parametrisch verzerrten Gebirgen aus Stahl, Holz und Glas mit Plastikverkleidung präsentiert werden. Aber auch sonst machen die Pavillons die Krise sichtbar, in der sich eine bestimmte Form von Gegenwartsarchitektur gerade befindet.

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