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Fotograf Erwin Olaf : Clown in High Heels

  • -Aktualisiert am

Er ließ sich von Alten Meistern inspirieren und interpretierte sie neu. Zwischen Bangen und Erotik: Eine Retrospektive des Fotografen Erwin Olaf in der Kunsthalle München.

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          Das Gesicht weiß geschminkt, auf dem Kopf etwas zuckerhutartig Spitzes, das an Clowns-Mützen von Pierrot oder Pulcinella erinnert, irrt ein Mann auf der Fotoreihe „April Fool 2020“ durch menschenleere Straßen und vorbei an leer gehamsterten Regalen in Supermärkten. Es ist der Fotokünstler Erwin Olaf – in der Rolle des leicht Verrückten, mit der er im vergangenen Jahr auf den Virus-Schock reagierte. Der Tanz auf dem Vulkan sei zu Ende, sagte Olaf damals, „das Kartenhaus fällt in sich zusammen, wir sind alle Narren“.

          Die Künstler sind es noch etwas mehr, genarrt von einer Situation, die viele, ihres Publikums beraubt, ins Leere laufen ließ. Sieht man aber im Künstler denjenigen, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält, wie einst der Hofnarr seinem Herrscher, dann ist man bei Erwin Olaf beim Richtigen. Der entschied erst nach einer Journalistenausbildung, sich statt in Texten lieber in Bildern zu aktuellen gesellschaftlichen Situationen zu äußern und Themen des Umgangs miteinander in Arbeiten abzuhandeln, die sich Körpern mit der gleichen Leidenschaft widmen wie Gefühlen.

          „Joy“ ist bis heute Kult

          Zu Hause, in Holland, ist der 1959 in Hilversum zur Welt gekommene Erwin Olaf ein Star; sogar die königliche Familie posierte für offizielle Aufnahmen vor seiner Kamera. Es war eine Auftragsarbeit, die einzige, die in der Münchner Ausstellung, seiner ersten großen Werkschau in Deutschland, zu sehen ist. Der Rest sind freie Arbeiten, aber auch dort bleibt Olaf jener von Hochglanz-Ästhetik und technischer Perfektion geprägten Bildsprache treu, die er im Brotberuf für Mode- und Werbefotografien benutzt.

          „Chessmen Chessmen XXIV“ aus dem Jahr 1988
          „Chessmen Chessmen XXIV“ aus dem Jahr 1988 : Bild: Erwin Olaf, Courtesy Galerie Ron Mandos Amsterdam

          Und dann ist da noch eine provozierende Kühle, ein Moment Provokation, unterlegt mit unverschämtem Witz. Das kann beispielsweise so aussehen: Ein junger Mann, nackt, das Gesicht ekstatisch verzückt, verbirgt seinen Unterleib mit einer Flasche, aus der wild Champagner herausschäumt. „Joy“ heißt das Bild, entstand 1985, machte Olaf auf einen Schlag bekannt und ist bis heute Kult. Es stammt aus Fotoserien zur Amsterdamer Schwulen- und bunten Genderszene, für die er Toleranz propagierte und dabei den Angriff auf verkrustete Moralvorstellungen als bestes Mittel der Verteidigung verstand. Auch für „Powerlifting“ trifft das zu, die Aufnahme einer sehr beleibten, unbekleideten Türsteherin, die an ihrem Unterarm einen gefesselten Kerl baumeln lässt.

          Diversität füllt ganze Serien

          Aus Olafs Frühwerk spricht große Bewunderung für Robert Mapplethorpes explizit sexualisierte Bilder, doch auch von Alten Meistern ließ er sich inspirieren, etwa zu der seit fünfundzwanzig Jahren fortgesetzten Reihe „Ladies Hats“ mit extravaganten Kreationen wie aus Bildern Rembrandts – nur dass sie hier androgyne Jünglinge mit manieriert lasziver Miene vorführen. Das muss einem nicht unbedingt gefallen, aber es ist bestechend, wie Olaf konsequent und unentwegt die landläufigen Konzepte von Männlichkeit unterläuft. Sein Interesse an Diversität füllt ganze Serien, es sind Apelle gegen Ausgrenzung und für Akzeptanz und Respekt.

          Manchmal sind sie mit konkreten Ereignissen verknüpft. Empört über die Kölner Oberbürgermeisterin nach der Silvesternacht 2015/16, die statt der Männer die Frauen maßregelte und forderte, sie sollten sexuellen Übergriffen vorbeugen, indem sie eine Armlänge Abstand zu den Männern einhielten, fotografierte Olaf eine Frau im Büstenhalter mit ausgestrecktem Arm und ließ nach dem Bild eine zweieinhalb Meter hohe Holzskulptur herstellen, mit Brandspuren an den Beinen, die Assoziationen an Hexenverbrennungen schüren.

          Schon mit der Jahrtausendwende hatte sich Olafs Bilderkosmos etwas beruhigt. Großformatige Serien waren erfüllt von einer geheimnisvollen Stille, oft beunruhigend und „unheimlich schön“ – wie Anja Huber, die Kuratorin, ihre Ausstellung für die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung betitelt hat.

          Werke der Gegenwart

          Für raffinierte Geschichten hat Olaf im Studio bis in kleinste Detail ausgefeilte Kulissen errichtet. Sie bieten reichlich Nahrung für die Fantasie. So in der Serie „Hope“, die ins Amerika der fünfziger Jahre zu führen scheint und Menschen zeigt, die in sich gekehrt, wie eingefroren verharren, eine Frau in ihrer blitzblanken Küche vor Blümchentasse und einem angeknabberten Stück Kuchen. Diese Bilderzählungen bleiben ergebnisoffen, sind aber lange nicht so undurchschaubar wie Szenen, die an Berliner Orten mit Geschichte entstanden. Im Stadtbad Neukölln, in dem einst Joseph Goebbels schwamm, steht ein trauriger Clown in silbernen Pumps auf dem Einmeterbrett, in der Hand einen versiegelten Brief für den starr am Beckenrand sitzenden Badegast. Was hier los ist und wie es weitergeht? Wer will das sagen. Manchmal scheint tatsächlich die Freude an surrealen Denksportaufgaben größer als die Absicht, Inhalte zu vermitteln. Rätselhaft ist auch der Blick in „Clärchens Ballhaus“ auf drei leicht bekleidete, abgehalfterte Frauen, die direkt aus einem Gemälde von Otto Dix entstiegen sein könnten. Wehmütig betrachten sie ein junges Mädchen, das sich, den Blick zum Betrachter gewandt, der Situation entzieht.

          Eigens für die Ausstellung hat Olaf die Serie „Im Wald“ geschaffen, ein Novum in seinem Werk, denn hier hat er zum ersten Mal im Freien fotografiert, in den deutschen und österreichischen Alpen.

          Überwältigt von der Bergwelt, so wird er zitiert, meinte er, endlich die deutsche Romantik verstanden zu haben. Doch mehr als an Caspar David Friedrich erinnern die Aufnahmen an Arnold Böcklin und dessen „Toteninsel“, wenn ein Nachen mit schwarzen Gestalten über einen stillen See gleitet. Klar, dass Erwin Olaf auch dieses Vorbild wiederum bricht: Der Fährmann ist von Kopf bis Fuß tätowiert und trägt Seppelhosen, die beiden Frauen, die er fährt, sind im Niqab eingehüllt. So leiten sie den Betrachter in die Gegenwart unserer globalisierten Welt samt Migrationsproblemen zurück.

          Erwin Olaf – Unheimlich schön. Kunsthalle München; bis 26. September. Der Katalog, erschienen bei Hatje Cantz, kostet 40 €.

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