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Museum Küppersmühle Duisburg : Kehrtwende in den Ensemblegeist

„Als wäre er schon immer dagewesen“, lautete die Grundidee der Architekten für den Erweiterungsbau. Mancher Kritiker hat sich enttäuscht gezeigt von dieser defensiven Haltung der Basler Architekten. Ihnen ist die paradoxe Pointe entgangen: Von Herzog & de Meuron erwartet man so selbstverständlich das Ungewöhnliche und Spektakuläre, dass die Beschränkung auf das Erwartbare in ihrem Fall unerwartet kommt. So zu besichtigen in Duisburg.

Dem Anbau haben die Architekten ein Sheddach als Krone aufgesetzt, das bauliche Symbol für Industriearchitektur schlechthin. Diese Reverenz an den Standort lässt sich in ihrer klischeehaften Übertreibung als selbstironische Pointe des Entwurfs verstehen. Zur Ironie besteht allerdings auch Anlass. Denn das Bild einer gleichsam naturwüchsigen und mithin beinahe notwendigen Erweiterungslösung erzählt nur die halbe Geschichte. Ursprünglich hatten Architekten und Bauherren ganz andere Pläne, sie wollten dem Prinzip der kontrastierenden Krönung des Bestandsgebäudes, aus London und Hamburg bekannt, auch in Duisburg folgen. Die zusätzliche Ausstellungsfläche sollte nach diesen früheren Planungen in einem riesigen, quaderförmigen Leuchtkubus untergebracht werden und weit auskragend auf dem Silo der Küppersmühle balancieren. Das im Jahr 2008 präsentierte Projekt, das auf eine etwas plumpe Weise auf Wahrzeichenhaftigkeit für das wahrzeichenlose Duisburg schielte, scheiterte wegen Pfuschs am Bau. Man muss sagen: Zum Segen für Duisburg und zum Glück für die Ströhers und den Hauptsponsor Evonik, dessen Namenszug in peinlich gewaltigen Lettern auf dem Aufbau prangen sollte.

De große Ausstellungsraum im obersten Geschoss des Erweiterungsbau wird durch Shed-Dächer belichtet.
De große Ausstellungsraum im obersten Geschoss des Erweiterungsbau wird durch Shed-Dächer belichtet. : Bild: Simon Menges

Herzog & de Meuron erhielten anschließend von den Ströhers, die nun als alleinige Bauherren auftraten, den Auftrag, einen neuen Entwurf zu erstellen. Und siehe da, sie vollzogen die radikale Kehrtwende, deren Ergebnis nun zu besichtigen ist. Von einem Akt der Bekehrung möchte Jacques Herzog allerdings nichts wissen. Es lasse sich nicht sagen, welcher Entwurf nun der bessere sei, sagt er während eines Rundgangs. Er gönnt sich sogar eine kleine Sentimentalität: Für den Wolkenbügel hätte seiner Ansicht nach gesprochen, dass dann am Boden mehr Raum für einen öffentlichen Platz gewesen wäre, sich das Museum stärker zur Stadt geöffnet hätte.

Das Treppenhaus im erweiterten Museum Küppersmühle
Das Treppenhaus im erweiterten Museum Küppersmühle : Bild: Simon Menges

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob es so gekommen wäre. Richtig ist jedenfalls, dass der Erweiterungsbau bei aller Vielgestaltigkeit in sich gekehrt wirkt. Die 36 zusätzlichen Räume für die Sammlung, die alle großen Namen von Emil Schumacher bis Anselm Kiefer umfasst, oft sogar in ganzen Werkgruppen, kommen unaufgeregt als klassische, wohlproportionierte White Cubes daher. Miteinander verbunden sind auch sie wiederum durch ein Treppenhaus in rotem Sichtbeton in routiniert-elegant geschweiften Rundungen.

Einen exzeptionellen Raum, von dem noch zu zeigen sein wird, wie er sich bespielen lässt, haben Herzog & de Meuron nach bewährter Art dem Bestand doch abgerungen. Aus dem Kern des Silogebäudes, das in den Dreißigerjahren errichtet wurde, haben sie sechs der metallenen Silos herausgeschnitten, wodurch ein dusterer, an die dreißig Meter hoher Luftraum entstanden ist, wie gemacht für dystopische Filmszenen. Durch ihn sind zwei Brücken geführt, die den Alt- mit dem Erweiterungsbau verbinden.

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