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Palästina-Museum in Birzeit : Letzter gemeinsamer Grund ist aus Stein

Besucher vor dem Palästinensischen Museum.
Besucher vor dem Palästinensischen Museum. : Bild: Iwan Baan/Palästinensisches Museum/dpa

Zwischen Seifenblöcken und Pflanzen

Die zunehmende Isolierung der Palästinensergebiete lässt sich auch daran erkennen, dass die meisten jetzt in Birzeit ausgestellten Künstler nicht oder nicht mehr in Palästina leben. Eines der bekanntesten Werke ist der 1996 gefertigte Seifenboden von Mona Hatoum, deren Familie aus Nablus stammt. Die Stadt ist bekannt für ihre traditionelle Seifenproduktion: 2400 Seifenblöcke liegen im Ausstellungsraum, darauf hat Hatoum kleine rote Glasperlensprengsel geworfen, welche die zunehmende Fragmentierung der palästinensischen Gebiete darstellen, die Israel den Arabern noch lässt. Hatoum hat ihr ganzes Leben im Exil verbracht, wurde in Beirut geboren und lebt nun in London. Direktor Hawari ist stolz darauf, das Seifenwerk ausstellen zu können, denn die meisten Sammler und internationalen Museen hätten ihm Werke palästinensischer Künstler nicht zur Verfügung stellen wollen. „Viele hatten Sicherheitsbedenken, dass Israel Kunstwerke konfisziert oder monatelang im Zoll festhängen lässt, wo sie beschädigt werden könnten.“

Eine Besucherin betrachtet im Palästinensischen Museum in Birzeit bei Ramallah die Ausstellung „Jerusalem lebt“.
Eine Besucherin betrachtet im Palästinensischen Museum in Birzeit bei Ramallah die Ausstellung „Jerusalem lebt“. : Bild: dpa

Im angrenzenden „Garten des Widerstands“, dem mit verschiedenen palästinensischen Pflanzen begrünten Hang vor dem Museumsgebäude, gibt es derlei Fragilitätsprobleme nicht. Das Werk „facts on the ground“ des Schweizer Künstlers Bob Gramsa ist eine zerklüftete Bunkeranlage in der Erde, die mit dem Horizont abschließt, hinter dem man sich wiederum Jerusalem vorstellen könnte. Ähnliche Betonstrukturen prägen die Landschaft Palästinas: seien es die Baustellen des palästinensischen Baubooms, Kriegsruinen, Checkpoints aus Beton oder schlicht Parkplätze. Solche Uneindeutigkeit, die den Zuständen dennoch nicht ausweicht, hätte man sich öfter gewünscht im Palästina-Museum, das doch eigentlich Kunst ausstellen möchte.

Ein gleiches Gestein für alle Religionen

Der in Florenz aufgewachsene und in Antwerpen lebende Bildhauer Athar Jaber hat Ähnliches gewagt. Und es ist gelungen. Sein beeindruckendes Werk „Stein – Opus 15“ ist aus jenem hellen Kalkstein, der ganz Jerusalem prägt (hier in Birzeit heißt der Jerusalem-Stein „palästinensischer Stein“).

Eine Frau läuft durch eine Installation der Ausstellung „Jerusalem lebt“.
Eine Frau läuft durch eine Installation der Ausstellung „Jerusalem lebt“. : Bild: AFP

„Es ist der Stein des Felsendoms, der Salbungsstein in der Grabeskirche und der Stein der Klagemauer“, sagt Jaber. Jede Religion finde etwas in diesem gleichen Gestein. „Die Menschen fassen ihn an und küssen ihn, als wollten sie eins werden mit ihm, als sei dieser simple Stein der Mutterschoß, in den die Menschen zurückkehren wollten und um den sie gleichzeitig kämpfen und auf dem sie Blut vergießen.“ Dabei werde dasselbe Gestein an anderen Stellen der heiligen Stadt behandelt wie Dreck, angespuckt, mit Graffiti versehen, mit Müll bedeckt. Auch seinen Kalksteinblock solle jeder berühren, beschreiben und bespucken dürfen, sagt der Bildhauer. „Ich nehme hier keine Seite ein“, sagt Jaber. Jede Religion finde etwas am Stein, und ein jeder solle ihn auch haben. Er lade jedenfalls alle Menschen ein, sich auf dem Stein zu verewigen. Er möchte auf keiner Seite stehen. „Es ist nicht mehr mein Stein – ich gebe ihn her.“

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